Mourad El Amraoui ist marokkanischer Student an der HTWK und er ist Muslim. Im Augenblick arbeitet er an seiner Abschlussarbeit. Im Hauptbahnhof trafen wir uns zum Gespräch über den Islam. Er erzählt, wie er den Koran versteht, was er von der Al Rahman Moschee in Leipzig hält und warum seiner Meinung nach junge Muslime aus Deutschland in die Fänge des "Islamischen Staates" geraten.

Welche Erfahrungen machen Sie als Muslim in Deutschland? 

Als Muslim in Deutschland und hier in Leipzig hat man umfangreiche Erfahrungen mit Konflikten. Konflikte ergeben sich vor allem aus dem Kulturschock im Alltag.

Worin zeigt sich für Sie der Kulturschock im Alltag?

Den Begriff habe ich hier überhaupt erst kennengelernt. Aber er hat viel Wahres. Ich komme aus Marokko. Da gibt es viele Unterschiede, die nicht unbedingt mit der Religion zu tun haben, sondern mit dem unterschiedlichen Alltag. Beispielweise die Pünktlichkeit und Ordnung. In Deutschland hatte man das Gefühl, dass auf jede Kleinigkeit geachtet wird. Termine werden auf die Minute genau verabredet. Das habe ich in anderen Ländern, die ich in Europa auch besucht habe nicht erlebt. Man nimmt die Zeit dort sehr locker.

Ein wichtiger Unterschied ist auch die Sprache. Ich habe die deutsche Sprache erst in Deutschland gelernt im Gegensatz zu vielen anderen die aus dem Ausland kamen und mindestens Grundkenntnisse hatten. Ich wollte aber intensiv und schnell die Sprache beherrschen, um im Alltag zurechtzukommen.

Ja, Sprache ist ein wichtiger Schlüssel. Was ist Ihre Heimatsprache?

Marokkanisch. Eine Sprache, die ursprünglich arabisch ist, aber sie hat auch bunte Seiten. Ich meine damit, sie enthält viele Begriffe aus anderen Fremdsprachen. Das war mir und vielen Freunden nicht klar. Erst als wir in Deutschland viele Freunde aus anderen arabischen Ländern kennengelernt haben, wurde es schwer, sich mit Ihnen auf marokkanisch zu unterhalten. Sie haben uns sehr oft nicht verstanden oder nach bestimmten Wörtern gefragt. Wir haben festgestellt, dass Marokkanisch einige Begriffe aus anderen Fremdsprachen wie Spanisch, Französisch aber auch der Berbersprachen enthält.

Sprache ist ja auch für das Verständnis des Korans wichtig. Können Sie den Koran im Original verstehen?

Wir haben den Koran in der Heimat in der Schule auf Arabisch gelernt. Aber hier in Deutschland hat man die Möglichkeit, ihn auch auf Deutsch zu lesen. Als nicht gebürtiger Deutscher kann ich nicht sagen, wie gut diese Übersetzungen sind. Vor allem wenn man weiß, dass es unzählige Übersetzungen gibt. Das kann ich nur den Sprachexperten und dem internationalen Islam-Verband überlassen. Das wichtigste beim Übersetzen aber ist, und das habe ich von Freunden gelernt, die sich mit Übersetzungen auskennen, nicht das Wort an sich, sondern der Inhalt, damit die Information komplett rüberkommt. Wenn man nur die Begriffe eins zu eins übersetzt, geht der Inhalt manchmal verloren.

Sie brauchen aber keine Übersetzung, sondern verstehen den Koran im Original?

Ja, zum größten Teil. Was aber das Problem ist, auch bei vielen, die den Koran in der Übersetzung lesen: man denkt automatisch, man würde den Koran wie einen Roman lesen und alles verstehen. Dabei ist es auch für viele Araber nicht leicht, immer den Kontext richtig zu erfassen. Was bedeutet das? Wann wurde es gesagt? Wer ist da jetzt gemeint? Man ist auf die Gelehrten des Islam angewiesen, die das studiert haben und die darüber im Sinne einer islamischen Wissenschaft miteinander diskutiert haben.

Den Koran alleine zu lesen und zu interpretieren ist schwierig. Das geht nicht. Man muss den Koran lesen und dazu auch die Sunna, also die Erzählungen des Propheten bzw. die Zitate die durch seine Gefährten und Begleiter gesammelt wurden. Dazu zählen die größten zwei Bücher von Sahih Al-Bukhari und Sahih Muslim. Es ist ein riesengroßes Wissen an den Koran gebunden, das man berücksichtigen muss. Deshalb wird er auch oft missverstanden, wenn man irgendwelche Verse alleine liest und dann interpretiert bzw. aus dem Kontext gerissen interpretiert.

In den Suren kommen Abschnitte oder Verse, die von einer bestimmten Zeit, und bestimmten Personen handeln. Oder Verse, die Geschichten von damaligen Propheten wie Moses oder Jesus beinhalten. Und vieles weitere. Deswegen versuche ich als Moslem den Sinn des Koran zu verstehen, also warum das erzählt oder gesagt wurde.

Auf der anderen Seite gibt es Menschen (ob Muslime oder Nicht-Muslime), die selber versuchen, zwischen den Zeilen zu lesen und zu verstehen. Man nimmt bestimmte Stellen und interpretiert drauf los. Da werden die Verse aus dem Kontext gerissen und man versucht sich eine eigene Bestätigung zu holen nach dem Motto: „So ist der Islam. Das steht da so und so…“ Dabei ist es wichtig, noch mal zu den Hadithen und der Sunna zu gehen und danach zu fragen, was der Vers wirklich bedeutet.

Ich habe erlebt, wie manche mit mir über bestimmte Koranverse diskutieren wollten. Aber als ich ihnen die Erklärung aus der Sunna und der Hadithe auf Deutsch gezeigt habe, dann waren sie überrascht, wie man sich bei der Erklärung der Verse irren kann.

Es kann nicht sein, dass jeder nach seiner Laune Texte aus dem Koran nimmt und behauptet, das gilt so für mich. Es braucht die Diskussion. Es gibt Wissenschaftler und Gelehrte, die sich jahrelang mit diesen Texten befasst haben. Und am Ende sind sie auch angewiesen auf andere Gelehrte von denen man lernen kann, es bestmöglich zu verstehen.

Wenn man selber nicht sicher ist, dann soll man also die Gelehrten fragen und sich von ihnen informieren lassen. Aber einige Gelehrte können sich auch irren.

Richtig. In jedem Mensch steckt auch ein Zweifel an den Dingen. Zweifel an Menschen, an Religionen oder an vorgeschlagenen Theorien. Es ist immer die Annahme, womit wir unsere Gedanken beginnen. Stimmt oder stimmt nicht! Wenn diese stimmt, wer behauptet das? Menschen! Haben diese Recht oder Unrecht? Es ist keiner gezwungen, diese Annahme zu akzeptieren, wie sie da steht.

Es ist immer so mit den Religionen gewesen, dass sich eine eigene Strömung bzw. Gruppe gegründet und behauptet hat, sie habe die Religion richtig verstanden. Genauso ist es auch im Islam der Fall. Wenn man in Ruhe einen Schritt zurücktritt und sich informieren bzw. ausbilden lässt, findet man bestimmt die Stelle, in der es alle diese Widersprüche nicht mehr gibt. Ich bin ein naturwissenschaftlich denkender Mensch, der alles mit Logik verfolgt und hinterfragt.

Und nach vielen Überlegungen kann ich nur sagen: Ich folge diesem Weg, der nach Frieden und Toleranz und Mitmenschlichkeit ruft. Wir leben hier in Deutschland in einer Gemeinschaft zusammen. Ich darf nicht den anderen in seiner Religion stören. Genauso verlange ich auch von anderen, dass sie mich nicht beim Ausüben meiner Religion stören oder behindern. Also mindestens was die deutsche Verfassung sagt. Religionsfreiheit. Und so leben diese Komponenten im Raum in Frieden zusammen. Probleme gibt es, wenn jemand kommt und versucht, den anderen im Namen von was auch immer aus dem Raum zu verdrängen. Damit werde ich nicht einverstanden sein, weil ich diese Freiheit in Deutschland unterstütze.

Wie gehen Sie mit Gewaltstellen im Koran um? Welche Bedeutung haben sie?

Meiner Meinung nach darf es in einer Gesellschaft, die friedlich lebt, keine Gewalt geben. Auch von Muslimen darf keine Gewalt kommen. Gewalt darf nur vom Staat selbst ausgeübt werden. Aber damit meine ich die richterliche Gewalt. Es steht keinem Moslem zu, dass er dasteht und behauptet: Es gibt für mich im Koran die Stelle, die mir erlaubt, Gewalt gegenüber anderen auszuüben. Es gibt auch im Islam die Bedeutung von Staat, Gerichten, Verhandlungen. Das sind verbindliche Regeln des Zusammenlebens.

Man kann als Muslim nicht einfach Verse aus dem Koran herausreißen und behaupten, er/sie habe das Recht, einen gerichtlichen Beschluss selbst auszuführen. Und genau das tun die Extremisten. Sie wollen nicht zu einer Gemeinschaft gehören, dabei bedienen sie sich Versen aus dem Koran, die sie nutzen, um Gewalt im Namen Allahs auszuführen.

Man soll sich mit dem ganzen Koran und der Sunna befassen. Die staatliche Gewalt ist an ein Gericht bzw. einen Herrscher gebunden. Ansonsten gibt es andere Optionen und diese werden vom Prophet in den Hadithen auch empfohlen.

Gibt es hier in Leipzig eine muslimische Gemeinschaft, zu der Sie häufiger hingehen oder zu der sie gehören?

Ich bin jeden Freitag bei Al-Rahman Moschee (Roscherstraße) und war ab und zu beim DITIB. Bei DITIB wird allerdings mehr auf Türkisch gepredigt, wodurch ich dort natürlich wenig verstehe. Aber die Predigt wird auf Deutsch zusammengefasst. Dagegen wird bei der Al-Rahman Moschee sowohl auf Arabisch als auch auf Deutsch gepredigt.

Al Rahman wird von vielen in Leipzig misstrauisch betrachtet und vom Verfassungsschutz beobachtet. Welchen Eindruck haben sie?

Der Imam ist ja recht bekannt. Für mich erfüllt er die Anforderung, die Gebete des Freitagsgebetes gut zu erfüllen. Er spricht gut Arabisch und er gibt sich auch Mühe, es auf Deutsch zu übersetzen. Was leider viele Moscheen in Deutschland nicht tun. Er versucht auch transparent zu sein, indem er das was auf Arabisch gesagt wurde gleich wieder auf Deutsch übersetzt. Mag wohl sein, dass er mit einigen Themen etwas temperamentvoll umgeht. Es bleibt eine Einstellungssache; es gibt auch konservative Christen, die sich über bestimmte Themen aufregen.

Aber alles im Rahmen der Öffentlichkeit. Für mich sehe ich ihn als guten Prediger. Er bringt seine Information gut rüber. Sein Anliegen ist, am Islam festzuhalten und ihn nicht loszulassen. Darüber hinaus kenne ich ihn nicht.

Hat sich der Imam zum Thema Gewalt und IS geäußert?

Er hat sich mehrmals (während ich mind. das Freitagsgebet besucht habe) deutlich gegen Gewalt und gegen das Geschehen ausgesprochen. Für mich hat sich damit bestätigt, dass der Imam solche Taten nicht duldet. Ich sage mal so: Er ist sehr konservativ. Aber er ist keiner, der Gewalt dulden würde.

Das Thema IS ist meiner Meinung nach nicht nur hier in Europa nur ein Thema der Christen. Sondern auch Muslime leiden unter dieser Gruppierung. Unter deren Opfern sind nicht nur Christen und Jesiden (wie man oft in den Medien hört), sondern zum großen Teil Muslime. Jeder, der in ihre Hände fällt und nicht ihre Meinung vertritt, findet dort den Tod. Das widerspricht den Grundlagen des Islams.

Wie kommt es dazu, dass Muslime aus Deutschland hinfahren und sich dem IS anschließen?

Meine Meinung: Es ist nicht so, dass die Muslime daran schuld sind, sondern es ist ein Gesellschaftsproblem. Diese Jungs sind hier aufgewachsen. Nicht unter sich oder unter Muslimen. Die Gesellschaft in Deutschland hat auch versagt, sie zu integrieren, sie willkommen zu heißen. Ihnen so eine Verantwortung zu geben, dass sie stolz auf das Land sind, in dem sie leben und was zurückgeben möchten/sollen. Sie haben wahrscheinlich dieses Bewusstsein verloren. Sie verlassen das Land, ihre Familie, alles. Sie gehen weg und verüben Gewalt, weil sie hier keine Bindungen mehr haben, keine Perspektive vor Augen. Jetzt werden wieder die Muslime an den Pranger gestellt. Das ist ein Problem der ganzen Gesellschaft, wenn es nicht gelingt, diese Jungs zu integrieren.

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