12.1 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Gastmanns Kolumne: Gruen hinter den Ohren

Mehr zum Thema

Mehr

    Gott sei Dank, die Herbstferien sind endlich vorbei und damit auch die misslich nasskalte Wetterlage, bei der man unweigerlich das Gefühl gebiert, man müsse Gedichte schreiben, in denen Wörter wie Bausparvertrag, Diaphragma, Niedriglohnsektor, Nasenscheidewand, Nickelallergie und Brigitte-Diät vorkommen. Fast folgerichtig stirbt auch noch Arno Gruen - einer, der viel zu unbekannt ist, um jetzt schon sterben zu dürfen, obwohl dies mit 92 möglicherweise sein gutes Recht gewesen ist. Der Tod des deutschen Psychoanalytikers Arno Gruen, der sich zeitlebens mit den Ursachen für Fremdenhass und Gewalt auseinandergesetzt hatte, wirkt wie ein Signal.

    Denn seine Schriften gehörten gerade jetzt in den Kanon jedweder Ausbildung. Oder besser: Sie gehören als App auf jedes Smartphone dieser Welt. Viele seiner Erkenntnisse könnten uns als würdiger Leitfaden dienen. Weil Gruen – unabhängig von jeglichem Zeitgeist – immer wieder zwei Dinge einforderte, die dem Menschen aus seiner Sicht ab dem Zeitpunkt seiner Geburt progressiv abhanden kämen: Empathie und Ungehorsam.

    Selbstverständlich war Gruen nicht der erste mit dieser Erkenntnis, vor allem bei ihm aber findet sich etwas enorm Tröstliches: Der unerschütterliche Glaube an das Gute im Menschen. Jeder Mensch sei von Anfang an gut, so Gruen. Ein riesiger Irrtum sei es, wenn wir uns der Annnahme hingeben, der Mensch sei den Menschen ein Wolf. Dieses Konzept hätten wir uns leider nur zu erfolgreich selber gemacht.

    Wer daran zweifelt, dass der Psychoanalytiker außerdem Recht damit haben könnte, wenn er behauptet, wir seien uns mittlerweile selber fremd geworden in unserer Gefühlswelt, dem sei ein einziger Gang in eine Bibliothek oder eine Buchhandlung ans Herz gelegt, um dort ein wenig vor den Ratgeber-Regalen zum Thema „Emotionen/Gefühl“ zu verweilen: Da findet man zum Beispiel den Band „Gefühle im Griff. Wozu man Emotionen hat und wie man sie reguliert“ neben dem „Gefühlsmanagement: Eigene und fremde Gefühle verstehen, nutzen und steuern“ oder dem nassforschen „Gierig. Verliebt. Panisch.: Wie Anleger ihre Emotionen kontrollieren und Fehler vermeiden“.

    Alles buchgewordene Beispiele für den verkaufsträchtigen Wahnsinn, dass wenn es schon zu Gefühlen kommt, diese doch wenigstens bitteschön zu kontrollieren oder nutzbringend einzusetzen. Das Ziel ist nicht der empathische Mensch, der irgendwie als Ziel heutzutage nicht ausreicht, um etwas wert zu sein, sondern ein Mensch mit „emotionaler Intelligenz“.

    Darin besteht wohl die Krux unserer Gesellschaft

    Wir hofieren den Wolf im Schafspelz oder anders ausgedrückt: Der Kapitalismus 2015 wanzt sich verhängnisvoll und intentional undurchschaubar im Wellness-Bademantel heran. Nur zu selbstverständlich verlangt er von uns nicht mehr so viel Körperliches ab, wie in jenen Zeiten, als Marx noch als Schablone für den Kinderbuchklassiker „Mohr und die Raben von London“ kandidierte. Aber man verlangt von uns dafür nicht weniger Unmögliches: Wir sollen mittlerweile lässig zwischen erwünschten und unerwünschten Gefühlen unterscheiden können. So die allgemeine Anforderung an uns. „Emotionales Selbstmanagement“ heißt das Gebot der Stunde – ein Schelm, der dabei denkt, dass allein schon die Begrifflichkeiten nicht recht zueinander passen wollen.

    Leider ruft dieser Schwachsinn auch eine völlig perfide Psychopathologie auf den Plan: Wer nämlich ab und an skeptisch oder niedergeschlagen angesichts der herrschenden Zustände ist, der versagt in diesem Sinne offensichtlich auf ganzer Strecke: Solcherlei Mitmensch hat es offenbar versäumt, rechtzeitig Praktiken zu erlernen, negative Affekte wegzudrücken. Alle Emotions-Coaches, Motivations-Seminarleiter und Think-Positive-Ratgeber, deren Elaborate zu Tausenden aufgetürmt in den Buchhandlungen lagern, verheißen uns: Mit guten Gefühlen kommst du voran. Kannst du was aus deinem Leben machen. Dich und andere motivieren. Kannst abrechenbare Werte schaffen. Wer sich in der heutigen Zeit seine Gefühle noch nicht aussucht, hat nur nicht hart genug an sich gearbeitet. Der glaubt nicht genug an sich. Der glaubt nicht genug.

    Genug!

    Müsste man Autoren solcherlei Unsinns und ähnliche geartete Gurus nicht anzeigen? Wenn uns penetrant grienende Motivationstrainer z.B. weismachen wollen, dass wir nach einem handfesten Streit mit dem Gatten oder einer Riesenauseinandersetzung am Arbeitsplatz keinerlei Problem mit anderen haben, sondern nur mit uns selbst? Sie suggerieren widersinnigst: Wir seien das Problem. Oder besser: unsere Emotionalität, die es in den Griff zu kriegen gilt. Wir selbst seien unser eigenes Unglück.

    Anstatt aber diesen Menschen lustig zurückgrinsend einen veritablen Vogel zu zeigen, geben sich viele aus Verzweiflung auch noch davon beeindruckt. Und probieren empfohlene Methodiken aus, halten diese natürlich oft nicht durch, weil der ganze Mummenschanz eben dann doch nicht der eigenen Persönlichkeit (und Gefühlswelt) entspricht und fühlen sich nicht selten noch mehr als Versager. Es braucht vielleicht etwas Gruenzeug, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Ein bisschen Ungehorsam.

    Es geht doch zum Beispiel auch darum, es nicht als Naturgesetz hinzunehmen, dass aufgesetzt mopsfidele, mittelmäßige Optimisten diejenigen dominieren, die stoisch noch nicht kapiert haben, dass schlechte Gefühle einfach in positive umgepolt werden können. Wenn allerdings der Arbeitsplatz als eine Art Gefühlsgemeinschaft inszeniert und Arbeit ständig als Entfaltung des Selbst deklariert wird, sind positive Gefühle selbstverständlich angenehm für den arbeitenden Menschen und gleichzeitig betriebswirtschaftlich nützlich. Wenn (Pseudo-)Freiheit und Fremdbestimmung miteinander verschränkt werden, wird es eben nicht nur kompliziert, sondern leider auch menschlich verdammt defizitär.

    Das alles sehen wir gerade wie durch eine Lupe – quer durch die deutsche Gesellschaft, die sich die Köpfe heiß redet oder bereits anbrennt. Und von überallher wird ein bisschen mitgedoktert am Patienten. Manch einer empfiehlt schon die Total-Operation.

    Dabei wäre uns schon geholfen, wenn wir nach der Kindheit einfach ein bisschen Gruen hinter den Ohren blieben, und uns immer wieder dessen Worte in Erinnerung riefen: „Wir Menschen sind keine Ameisen oder Graugänse, die ihrer genetischen Bestimmung folgen. Wir können denken und wählen und über unsere Geschichte nachdenken.“

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ