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Tanners Interview mit dem Konzeptionisten von „Denk mal! im öffentlichen Raum, für Integration und starke Nachbarschaften!“ Joachim R. Niggemeyer

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    Nein, Ihr Krakeeler, Ihr seid nicht die Vielen. Ihr seid nur ein lauter undifferenzierter Haufen. Denen Öffentlichkeit zu geben, die nicht permanent herumschreien, ist schlussendlich Aufgabe von verantwortungsbewussten Medienmachern. Deshalb interviewt Tanner weiter und weiter und weiter. Heute: den Gemäldemacher und Denker Joachim R. Niggemeyer, weil er wirklich etwas zu sagen hat.

    Am Montag, den 28.09.2015 haben Sie mit Freunden am Standort Grünfläche vor der Erich-Kästner-Schule, schräg gegenüber der Gohlisarkaden, G.-Schumannstr./Ecke Lützowstr. den Nachdenke-Ort „Denk mal! im öffentlichen Raum, für Integration und starke Nachbarschaften!“ eingeweiht. Was ist Ihre Intension, Herr Niggemeyer?

    Es kamen neben Freunden auch etliche Unterstützer und geladene Gäste zur Einweihung, ein lebendiger Rahmen mit musikalischer Begleitung aus Südamerika. Meine Intension findet sich in der räumlichen, begeh- und erlebbaren Darstellung einer Installation zur interaktiven Übersetzung von Kommunikation und Annäherung, ausgehend vom Individuum, beispielgebend in und für die kulturelle Vielfalt in Leipzig.

    Machen wir uns nichts vor: das Denk mal! wird wohl nicht lange in diesem Zustand bleiben. Politisch motivierte kriminelle Zerstörungswut, Vandalismus und tief verankerte Hassaktionen werden auf den Nachdenkeort einwirken. Ist dies zu verhindern? Oder sogar Teil der Auseinandersetzung?

    Der künftige Umgang mit dem Denk…mal wird durchaus ein Spiegel sein, ein Spiegel innerer Zerrissenheit und Angst der Gesellschaft, einzelner Menschen, geprägt von Voreingenommenheit und den ewig gestrigen, bis hin zur farbigen Zeichensetzung diverser Graffitikünstler und solcher, die sich dafür halten, blinde, und auch sehende Zerstörungswut, politische Motivation und vieles mehr. Lassen wir uns überraschen. Ich denke, dass wir, die wir den Dingen ein öffentliches Gesicht, einen Namen und auch einen provozierenden Rahmen geben, damit rechnen müssen.

    Es stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen. Eines ist sicher, diejenigen, die sich hieran zu schaffen machen werden, treten in einen Dialog, wenn auch ungewollt, auch wenn es eher als Monolog gedacht ist, der sie antreibt. Dies ist ebenfalls Bestandteil eines Nachdenkeortes, wie Sie es und ihn nennen. Jede Medaille hat zwei Seiten, so auch diese…

    Der öffentliche Raum – der genutzt wird, um mit Ihrer Aktion Menschen zur Besinnung zu bringen – ist ja ein vielumkämpfter Bereich. Die Lauten und die Destruktiven besetzen ihn eindeutig mit ihren Symbolen. Nur gehört der öffentliche Raum ja allen Menschen – auch eben den Leisen, den Nichthassenden und denen, die nicht immer zerstörerisch Parolen auf Wände schmieren müssen. Wie kann der öffentliche Raum wieder für alle Menschen nutzbar werden?

    Die Zauberworte heißen Hoffnung, Kraft, Durchhaltevermögen und Kommunikation, die im Inneren und jene nach außen! Wissen, dass es die bereits erwähnten zwei Seiten einer Medaille gibt und das permanente am Ball bleiben, um eigene Standpunkte klar- und darzustellen. Ein kontroverser Umgang mit den im öffentlichen Raum befindlichen „Steinen des Anstoßes“ gab es immer und wird es immer geben. Es sind Statements, politische, soziale, persönlich motivierte, etc., sie sind sowohl laut und auch leise, als auch hasserfüllt.

    Doch wie uns die Psychologie beschreibt, richtet sich die äußere Gewalt schlussendlich gegen sich selbst. In einer Demokratie sind Meinungsäußerungen jeglicher Art möglich, sie müssen uns auch nicht immer gefallen, jedoch können wir konstruktiv mit ihnen umgehen und das wird unsere Aufgabe sein, wenn wir dies wollen. Wir müssen wach sein und gegensteuern! Ich werde dies tun! Abgesehen davon ist es wichtig, all jene zu bedenken, die unsere Arbeit im öffentlichen Raum zu würdigen wissen.

    Sie selber bezeichnen sich als Gemäldemacher, das Denk mal! entstand unter anderem in Zusammenarbeit mit der Kabarettistin und gelernten Tischlerin Annemarie Schmidt. Wie gestaltete sich die Kooperation? Als Gemäldemacher ist man ja eher selten im Team zugange.

    Es stimmt, als Gemäldemacher gibt es eine Vision, ein Atelier, die Leinwand und Musik im Hintergrund, der Geruch von Lösemittel und Farben im Raum, das Geräusch des Pinsels wenn er über die Leinwand streicht, nur mich und prüfende Blicke. Mit dem Denk mal, genoss ich einen Abstecher in die begreifbare Dreidimensionalität, die ich sonst nur fürs Auge auf die Leinwand bringen kann. Die Zusammen- und Teamarbeit mit Annemarie Schmidt, die ich als Kabarettistin sehr schätze, gestaltete sich über alle Maßen leicht und inspirierend.

    Wir saßen nach einer ihrer Vorstellungen im Kabarett Sanftwut zusammen, als ich von ihr erfuhr, dass Sie auch gelernte Tischlerin ist, sie sagte ihre Unterstützung spontan zu. Wir waren ein tolles Team, mit großer Leidenschaft für die Kunst, sowohl für die darstellende, als auch die bildende, Hand-in-Hand machten wir uns an die an die Umsetzung…

    Die Zauberworte heißen Hoffnung, Kraft, Durchhaltevermögen und Kommunikation, die im Inneren und jene nach außen! Foto: Holger Simmat
    Die Zauberworte heißen Hoffnung, Kraft, Durchhaltevermögen und Kommunikation, die im Inneren und jene nach außen! Foto: Holger Simmat

    Derzeit brechen allerorten Probleme auf. Der Hass marschiert öffentlich, Volksverhetzung wird nicht geahndet, Menschenherden meckern, ohne sinnvolle Vorschläge einzubringen, die Lösungen überhaupt in Aussicht stellen. Manchmal wird mir himmelangst beim Blick in die Zukunft. Haben Sie Hoffnung? Ist das Ruder überhaupt noch herumzureißen? Ist der Karren nicht schon total und global in den Dreck gefahren?

    „Hätte ich ein Patentrezept, ich teilte es mit der Welt! So habe ich meine eigenen Möglichkeiten und hoffe auf Bündelung mit anderen, frei nach dem Motto: Ein Zweig ist schwach, zehn gebündelte Zweige stark.“ Meine persönliche Meinung und das, was mir zuweilen Angst macht… Solche Erscheinungsformen sozialer Interaktion gab es immer und wird es immer geben. Die modernen kurzen medialen Wege, insbesondere die der sozialen Netzwerke, sorgen dafür, dass sich Informationen, Aktionen und Meinungen, bis hin zur Propaganda, innerhalb kürzester Zeit verbreiten und sich somit eine schnellere und intensivere Wahrnehmung sowie Meinungsmache einstellt.

    Skandierende Vollpfosten, die ihre hirnrissigen Parolen, von Oberflächlichkeiten, Schuldzuweisungen, Zehntelwissen und Fremdenhass, Montag für Montag in die Welt schreien, bekommen glücklicherweise den nötigen Gegenwind, auch, oder gerade hier in Leipzig! Hierbei trägt jeder, der sich dieser Verantwortung stellt, mit der Qualität des persönlichen Handelns, bis hin zum saubereren und umfassenden Journalismus, eine große Verantwortung.

    Irgendwie scheint mir aber das Gefühl für Verantwortung in unserer Wohlstandswelt abhanden gekommen zu sein. Dieses ganze Haben, Haben, Haben, macht das emotional ärmer?

    Ach, diese Blindheit im Wohlstand: Wir leben mittlerweile in einer zunehmend ichbezogenen Welt, aus Nachbarschaft wird Isolation, aus dem WIR wird das ICH, besonders in der Großstadt. „Alles-billig-Geiz-sofort-haben-wollen“, die Regale im Überfluss voll, Hunger und Mangelernährung durchzieht die „Dritte Welt“, Wassermangel ist bereits heute ein großes Problem. Die Vernichtung von Ressourcen und Lebensmitteln der Industrienationen der „Ersten Welt“ – welch eine Überheblichkeit – ist beschämend.

    Im Amazonasgebiet lebt beispielgebend das Volk der KALAPALO und sie sind direkt betroffen, während wir, die Industrienationen, in unserem Wohlfühlraum und der ständig steigenden Luxusgier deren Lebensraum systematisch zerstören. Es interessiert uns einen Dreck, was mit ihnen geschieht, denn wir drehen uns einfach um, ändern den Blickwinkel und die Probleme sind weg, aus den Augen aus dem Sinn, schließlich kommt unser Trinkwasser aufbereitet aus dem Hahn, unser Treibstoff aus der Zapfsäule, den Strom beziehen wir aus der Steckdose, die Lebensmittel aus dem Supermarkt um die Ecke.

    Es regiert die Macht des Geldes und des Besitzstrebens. Wir leben in einer satten Welt und erleben eine zunehmende Unzufriedenheit. Isolation generiert Bequemlichkeit sowie eingeschränkte Sichtweisen und das treibt Nichtdenkende in diverse politische Strömungen.

    Aber wie können wir wieder bewusst machen?

    Unsere Erde hat für alle Menschen so viel zu bieten, die Interessen einzelner machtbesessener Politiker und Konzerne sorgen allerdings dafür, dass das Gewinnstreben über die soziale Betrachtung gestellt wird und die Menschheit sich in ihrer Profitgier selbst „das Wasser abdreht“, das Gleichgewicht gerät durcheinander! Ein fataler Weg!

    Blickwechsel: Lassen Sie uns einen faktischen Blick in die Deutsche Wirtschaft werfen. Ich stamme aus dem Raum Paderborn und erinnere mich gut daran, als in den 70er-Jahren „Gastarbeiter“ ins Land geholt wurden um die deutsche Wirtschaft zu unterstützen, damals brauchten wir sie und sie bereichern Deutschland damals bis heute!

    Heute kommen andere Menschen, allerdings aus anderen Beweggründen und werden kritisch beäugt. Sicherlich bedarf es der umsichtigen Betrachtung, um diese Völkerwanderung bewusst bewältigen zu können, doch klar ist, abgesehen von vorrangig humanen Beweggründen, dass wir perspektivisch Arbeitskräfte in Deutschland benötigen. Damals wie heute ist diese große Aufgabe des Zusammenwachsens nur gemeinsam zu bewältigen.

    Ich wuchs mit Nachbarn auf, die aus der Türkei, Italien, Spanien und Jugoslawien kamen. Wir Kinder spielten miteinander, wir gingen in der Nachbarschaft ein und aus. Ich erinnere mich an eine lebendige und offene Zeit des Miteinanders. Wir stellten uns nicht die Frage danach WAS man ist oder woher man kam, sondern wer und wie man lebt, welche Spiele wir kennen. „Welche Spiele kennst Du?“

    Eine einfache und interessante Frage aus Kindermund, zumal Spiele als Bestandteile kultureller Hintergründe, übersetzt in die Sprache der Erwachsenen z.B. wie folgt und ganz simpel lauten könnte: „Was kochst Du?“ Ach ja, da gibt es die Sprachbarriere. Im Internet oder auch im Buchhandel finden wir einige Möglichkeiten, um einzelne Wörter der Annäherung zu finden. Hallo oder Hello und ein Lächeln versteht jeder. Es bedarf lediglich eines kleinen Schrittes nach vorn…

    An diesen kleinen Schritt zu glauben ist gerade sehr schwierig, Herr Niggemeyer.

    Die Tatsache, dass es außer mir auch noch andere „Andersdenkende und -handelnde“ Menschen gibt, lässt darauf hoffen, dass wir GEMEINSAM den Karren aus dem Dreck ziehen können und werden… Somit wird aus Angst Hoffnung, aus Hoffnung entsteht Kraft, mit der Kraft wächst Mut und dieser…

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