Wenn die verwirrten Hassmenschen Raum um Raum besetzen, sich breitmachen in den Medien und auf den Straßen, ist es die hohe Pflicht, Aufmerksamkeit auf Bewegungen zu lenken, die dem Irrsinn versuchen etwas entgegenzusetzen. So hat Timo Löwenstein mit seinem Unter Schafen Records Stimmen eingefangen, die der Menschlichkeit ein Lied singen. Kein Mensch ist illegal. Diese Welt ist ein Garten. Und Menschsein bedeutet zuallererst Mitmenschsein. Tanner hing sich in die Line.

Hallo Timo Löwenstein. Fein mit Dir reden zu können. Vor mir liegt der Sampler “Kein Mensch ist illegal! Solidarität und Freiheit für Menschen auf der Flucht” – eine echt irrsinnig fette Doppel-CD. Im Begleittext steht: “Ein Sampler der sich mit Menschen auf der Flucht solidarisiert.” Wie genau solidarisiert Ihr Euch?

Der Fokus liegt auf der Geldspende, um die praktische Hilfe für die Flüchtlingsarbeit von Pro Asyl und dem antirassistischen Netzwerk Kein Mensch ist Illegal zu unterstützen, sowie die Positionierung gegen die Festung Europa, brennende Flüchtlingsheime und den zunehmenden Fremdenhass.

Der Bogen auf den beiden Rundlingen ist gespannt von K.I.Z. über Farin Urlaub, Grönemeyer, Markus Wiebusch, Thees Uhlmann, den Donots bis zu Tocotronic, Schrottgrenze, Trümmer oder Mikrokosmos23. Wie bekommt man denn zwei mal 18 Songs zusammen? Schreibt man einfach an, wen man will oder wie lief das bei Euch?

Das ganze Projekt, wie auch das Tracklisting, ist eine reine Herzensangelegenheit. Wir mögen deutschsprachige Popmusik mit Aussagekraft im Spannungsfeld zwischen Indie, Punk, Hip Hop oder auch Singer/Songwriter-Songs. Ausnahmslos jeder angefragte Künstler wollte Teil des Samplers sein. Renommierte und engagierte Künstler wurden teilweise aus eigener Initiative auf das Projekt aufmerksam und haben Unter Schafen Records Unterstützung zugesagt. Die Resonanz war so umwerfend, dass aus einem geplanten Tonträger direkt zwei wurden.

Dein Label Unter Schafen hat ein beeindruckendes Portfolio. Da sind richtige Dauergäste in meinem CD-Player dabei, Leute mit denen ich selber schonmal auf der Bühne ran durfte – aber auch hierzulande Unbekanntere. Welche Band war denn Deine erste unter Vertrag? Und wie kommen die Bands zu einem Vertrag mit Unter Schafen?

Die erste Veröffentlichung auf dem Label habe ich mit einer Sixties-Punk Band namens The Loners gemacht. In den überwiegenden Fällen habe ich mir die Bands selber ausgesucht, die für mich persönlich ein Herausstellungsmerkmal haben und mich musikalisch abgeholt haben. Wir veröffentlichen ja internationale Bands. Bei Künstlern/Innen aus England, den Staaten oder Kanada gingen viele Verträge über die Managements. Bei deutschen Bands immer über den direkten Kontakt. Mit vielen Artists ist eine nachhaltige Freundschaft entstanden.

Zurück zum Benefiz-Sampler. Ingo von den Donots sagt: “Auf diesen beiden Tonträgern findet Ihr eine Vielzahl von intelligenten Denkansätzen für eingeschaltete Köpfe, verpackt in grandiose Songs verschiedenster Spielarten. Es sind aber am Ende des Tages nicht die Lieder, die die Welt verändern. Es sind die Menschen, die sie hören, verstehen, lieben – und leben.” Wie erreicht Ihr aber die Menschen mit den nichteingeschalteten Köpfen? Ist Kommunikation überhaupt noch möglich? Manchmal mag man ja verzweifeln. Und manchmal fragt man sich: Wohin mit all den Irren? Hast Du ganz persönlich Hoffnung?

Natürlich ist es sehr schwer, vorgefestigte Meinungen aufzubrechen. Aber die Hoffnung darf man niemals aufgeben. Wir kämpfen für unsere Überzeugung und wenn wir Denkanstöße liefern können, ist das der erste Schritt in die richtige Richtung. Wir dürfen dieses Land nicht denen überlassen, die Hass schüren.

Wie kommen die Menschen aber jetzt an den Sampler heran? Und gibt es noch andere Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen?

Der Sampler ist überall im Handel und dem Plattenladen des Vertrauens erhältlich. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, die CD zu erwerben, digital ist er ebenfalls über die bekannten Plattformen zu beziehen. Im umfangreichen 24-seitigen Booklet mit Hintergrundinformationen sind zudem Spendenkonten-Adressen angegeben und ein prima Weihnachtsgeschenk für Freunde & Familie ist die Compilation auch.

Noch schnell zur heutigen Musikszene. Ich persönlich bin ja 45 Jahre alt und mittlerweile echt überfordert mit all den neuen Sachen, die da aus Proberäumen auf die Bühnen drängen, so überfordert, dass ich kaum noch zu Konzerten gehen will. Wie ist denn die Entwicklung? Das große Festival-Neugründen – und der dazugehörige Hype – ist ja auch am Abebben, habe ich das Gefühl. Lässt sich mit Musik überleben? Oder müssen die Daumenschrauben angezogen werden?

Was größere Konzerte und Festivals angeht, muss ich sagen, dass mir manchmal auch die guten, alten Konsens-Bands fehlen. Aber in der Nische fühle ich mich ja trotzdem auch wohl und muss immer wieder feststellen, dass ich spannende Newcomer-Bands kennenlerne. Im Dschungel der vielen Veröffentlichungen ist es etwas undurchsichtiger geworden, aber wer sich aktiv mit Musik auseinandersetzt, findet immer wieder Perlen in der schwer zugänglichen Kammer des Indie-Rock & Pop. Als Label überleben wir ja schon seit weit mehr als 15 Jahren. Wir sind in der Pflicht, Trends loszutreten und qualitativ gute Musik zu veröffentlichen. Dann lässt es sich mit Musik auch überleben.

Lieber Timo, danke für Deine Antworten. Und weiterhin standhaft von links an die Dinge herangehen.

Danke für das Interview!

- Anzeige -

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar