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„Nicht jede kritische Frage an den Islam ist eine Diskriminierung der Muslime“

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    Seit dem Wintersemester 2013/14 gibt es an der Universität Leipzig die Muslimische Hochschulgemeinde. Sie ist das Netzwerk muslimischer Studenten und bringt ihre Perspektiven in den gesellschaftlichen und interreligiösen Dialog ein. Nun veranstalteten sie einen Abend zum Islambild in den deutschen Medien. Referent war Eren Güvercin. Der freie Journalist und Autor schreibt für überregionale Zeitungen. Muslime fordert er zur aktiveren Medienarbeit auf.

    Das Bild, das wir vom Islam haben, wird im Wesentlichen von Medien geprägt. Dies gilt besonders in einer Region wie Ostdeutschland, wo der direkte Kontakt zu Muslimen selten ist. Eren Güvercin ist selbst Journalist und Muslim. In dieser Brückenfunktion wendet er sich gegen eine generelle Medienkritik. Muslime selbst tragen zum Bild bei, durch Handeln, aber auch durch Schweigen.

    Viele Muslime haben das Gefühl, dass die Medien eine Agenda verfolgen, erklärt Güvercin. Teil der Agenda sei dabei, den Islam aus der Perspektive der Extremisten zu deuten. „Manche nehmen extreme Beispiele und entwickeln daraus das Bild des Islam. Er selbst sieht das differenziert: „Die wenigsten Journalisten unterschlagen oder präsentieren aber bewusst negativ.“ Ursache einer einseitigen Berichterstattung sind vielmehr einseitige Quellen, aber auch die Produktionsbedingungen. „Die journalistischen Standards leiden unter der Medienkrise“, so Güvercin. Die Auflagen schrumpfen, die Konkurrenz der Online-Medien ist stark. Das führt zu Personalabbau, aber auch Abstrichen bei der Qualität der Recherche. „Es wird nicht mehr so breit recherchiert wie vor 10 Jahren. Das betrifft nicht nur den Islam, sondern die Berichterstattung insgesamt.“

    Güvercin sieht daher eine wachsende Verantwortung für die Muslime selbst. Zum einen brauche es eine stärkere innerislamische Diskussion:

    „Warum gibt es keine inhaltlich fundierte Positionierung zum Wahabismus, zur Ideologie der IS hier in Deutschland? Damit meine ich keine Pressemitteilung, sondern dass man als muslimische Religionsgemeinschaften Gelehrte und Ulema in Deutschland zusammen bringt, um

    1. Eine theologische Positionierung zu formulieren.
    2. Aus der Geschichte heraus diese Ideologie zu analysieren.
    3. Konzepte für junge Muslime hier zu entwickeln, die man dann auch umsetzt.“

    Zum anderen sei wichtig, auf Kritik nicht übersensibel zu reagieren und sich zurückzuziehen. „Die Vielfalt der Muslime ist in englischen Medien viel präsenter, in Deutschland dominieren dagegen die Extreme“, erläutert Güvercin. Gerade junge Muslime beginnen aber gerade, sich über soziale Netzwerke und Blogs zu Wort zu melden. Dabei sei es wichtig, auf Vorwürfe sachlich zu reagieren und zu extremen Positionen theologisch fundierte Argumente zu entwickeln.

    „Das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen im Alltag verläuft viel reibungsloser als die Debatte suggeriert.“ Umso wichtiger sei es, dass Muslime ihren Glauben nicht der Deutung der Extremisten überlassen. „Es ist auch Zeit für unangenehme Selbstkritik unter uns Muslimen. Denn diejenigen, die banale einseitige Facebook-Solidaritätsaktionen bemängeln, schauen tatenlos zu, wenn salafistische Ideologen junge Muslime in ganz Europa rekrutieren.“ Es gehe darum, sich inhaltlich mit den Thesen auseinanderzusetzen und theologisch dem etwas entgegenzusetzen, zeigt Güvercin sich überzeugt. Ebenso wichtig sei aber auch die Öffentlichkeitsarbeit. Und da steckt vieles bei den Muslimen noch in den Anfängen. Es sei schwer für Journalisten, kompetente Gesprächspartner in den muslimischen Gemeinden und Verbänden zu finden. Gerade bei seinen Vorträgen in Dresden stelle er fest: Das Interesse ist groß, sich mit unterschiedlichen Positionen zum Islam auseinanderzusetzen.

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