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Der schöne Schein als Ersatz für die ganze ärgerliche Komplexität der Wirklichkeit

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    Worüber haben wir in diesem Jahr nachgedacht? Natürlich über Narzissmus. Ja, sogar ziemlich oft. Es drängte sich geradezu auf. Denn 2016 war das Jahr der Narzissten. Nur dass sie alle nicht aussahen wie der berühmte Narziss aus der griechischen Mythologie. Es braucht keine Spiegel und hübschen glatten Teiche mehr, damit Narzissten all die Aufmerksamkeit bekommen, die sie sich wünschen.

    Wir sprechen jetzt einmal nicht über die Pathologie der medialen Quotenjagd. Obwohl die natürlich dazugehört. Denn heutige Medien appellieren nicht mehr an den Verstand, die Aufmerksamkeit und die Fähigkeit zur unabhängigen Bewertung ihrer Nutzer. Dazu sind die Meisten gar nicht in der Lage. Sie appellieren in ihre Eitelkeit. Sie sind Pop. Und Pop ist ja nichts anderes als in Kunst umgesetztes Marketing: Die Konsumenten bekommen lauter glitzernde, strahlende, überdimensionierte Idole. Die man anbeten und anhimmeln kann. Und seitdem sind diese Idole der Eitelkeit auch zuverlässig die beliebtesten Berufswünsche von Kindern und Jugendlichen. Man will nichts mehr werden. Aber man will etwas sein. Und bewundert werden dafür, dass man etwas ist – vor allem berühmt und schön.

    Was die Anstrengung erspart, an seiner Persönlichkeit und seinen Fähigkeiten zu arbeiten. Mühelos soll der Weg sein zur allgemeinen Bewunderung. Deswegen wimmelt es von lauter Schönheitsköniginnen, Girlie- und Boy-Bands, Serien- und Teenie-Stars, Gewinnern wilder Casting-Shows und lauter „Promis“, bei denen man nicht weiß, womit die eigentlich ihr Geld verdienen. Aber das ist ja nur der Schaum.

    Und wie ist es mit dem Inhalt?

    Was passiert eigentlich mit einer Welt, in der Narzissmus belohnt wird? Und zwar mit allen Währungen, nach denen Narzissten gieren: Aufmerksamkeit, Bewunderung, Beifall, Konfetti, jeder Menge Geld. Und auch jeder Menge Unterstützung. Denn das ist ja das einzig verbliebene Auswahlkriterium für mediale Aufmerksamkeit: das Telegene, die schauspielerische Leistung. Der flache Bildschirm liebt das Simple, Nicht-Komplexe. Die Narzissten haben das längst erkannt. Ihre Welt ist die einfache Botschaft, die man in einem Satz ohne Komma unterbringen kann. Egal, ob sie stimmt oder schon eine Verdrehung ist.

    Warum sich noch mit komplizierten Zusammenhängen abgeben?

    Warum den Zuschauern noch etwas zumuten? Etwas, was länger als 30 Sekunden dauert?

    Das ist doch anstrengend!

    Auch das ist eine Eigenart von Narzissten: Sie strengen sich nicht gern an. Sie wollen sofort belohnt werden – einfach dafür, dass sie da sind.

    „Leistung muss sich wieder lohnen“, plakatierte vor ein paar Jahren die FDP – und machte dann einen komplett narzisstischen Wahlkampf.

    Leistung wird nicht belohnt. Die Menschen, die am fleißigsten arbeiten, ihren Buckel und ihre Gesundheit hinhalten, damit der Laden läuft, die findet man ganz unten in der Gehaltsskala, die werden betteln dürfen, wenn sie alt und kreuzlahm sind.

    Ganz oben sind die Narzissten: Fußballer, Schauspieler, Sänger, Investoren und jede Menge Manager von Konzernen, die seit ein paar Jahren ständig mit Eisbergen kollidieren. Lauter eitle Kreuzfahrtschiff-Kapitäne, denen das Protzen und Beeindrucken zum antrainierten Standard gehört. Das Fachwort aus der Marketing-Branche: Performance.

    Man überzeugt nicht mehr mit Qualität, Innovation oder gar gesellschaftlich überzeugenden Standards, sondern mit einer „guten Figur“. Performance ist alles. Bis die Sache mit dem getunten Dieselmotor auffliegt, die Bohrplattform absäuft oder der Bank die aufgeblähte Bilanz um die Ohren fliegt.

    Werden die Typen dafür bestraft?

    Augenscheinlich nicht.

    Verantwortung ist keine Kategorie, die Narzissten wirklich ernst nehmen. Sie reden gern davon. Aber wenn die Sache auffliegt, zeigt sich jedes Mal: Dem schnieken Management war bewusst, dass man um die ganzen faulen Eier wusste.

    Aber Scham ist stärker als Gewissen: Man hat alle Kräfte darauf konzentriert, die Sache zu vertuschen.

    Das wird natürlich in einer so hochtechnisierten Welt wie unserer immer gefährlicher. Man denke nur an das beflissene Lächeln der Manager eines japanischen Atomkonzerns. Kann ja nichts passieren mit ihren modernen Kernkraftwerken.

    Kann wohl, wie wir wissen. Genauso wie Banken implodieren können oder ein paar kleine militärische Operationen entgleisen.

    Narzissten möchten gar nicht wissen, wie komplex das alles ist und dass man mehr braucht als einen hingeluschten College-Abschluss, um die ganzen Verkettungen, Vernetzungen und Abhängigkeiten zu begreifen.

    Narzissten machen mal schnell eine Brexit-Kampagne, weil in ihrem  Universum alles ganz einfach ist. Sie haben die Hälfte eines Helden-Charakters – aber dummerweise nur die Hälfte des tumben Helden, der deshalb tapfer ist, weil er gar nicht weiß, gegen wen er da zu Felde zieht. Aber er weiß von sich, dass er der Held ist. Das reicht ihm. Denn alle Medien spiegeln ihm ja nur eins: Wie stark er ist und wie bewundernswert. Wenn er den Zirkus betritt, sind alle Kameras auf ihn gerichtet. Egal, was er sagt.

    Kameras sind süchtig nach strahlend dummen Helden.

    Sie sind so einfach, dass sie in jedes Sendeformat passen. Und in die alte, anspruchslose Geschichte von Gut und Böse. Auch das hat sich ja verändert. Hat das schon jemand gemerkt? Französische und italienische Filme sind praktisch verschwunden aus unseren Kinos. Es dominieren nur noch Filme nach dem einfältigen Muster von Hollywood. Was zu erwarten war, denn diese Einfalt bringt Quote. Die Regisseure wissen, auf welchen Knopf sie drücken müssen, um den Saal mit den üblichen Konfektions-Emotionen zu bespielen.

    Vor einiger Zeit war das nur im Kino zu finden. Heute dominiert dieses Darstellungsmuster die Medien.

    Was einen Effekt hat: Die Komplexität der Wirklichkeit verschwindet. Löst sich auf in lauter kleine Gut-Böse-Geschichten. Die aber nicht mehr zusammenpassen, sondern nur noch – wie bunte Süßigkeiten – in lauter bunten Klein-Portionen im Regal landen. Sozusagen: Wirklichkeit zum Schnell-Verzehr. Eine Häppchen-Realität, die natürlich zwei Dinge miteinander verbindet: die schnelle Befriedigung eines „Muss ich jetzt haben“-Gefühls und die Fixierung auf die bunte Hülle. Was Politik zu einer Art Begegnung der bunten Art macht, bei der die Narzissten mit ihrem Drang, immer im Fokus der Kamera zu stehen, natürlich die meiste Aufmerksamkeit bekommen.

    Während diese schrecklich langweiligen Malocher, die die Dinge wirklich in Ordnung bringen wollen, mit Spott und Häme überschüttet werden.

    Sie wirken wie Störenfriede auf einer großen Party. Und wenn sie dann auch noch „Wir können doch …“ sagen, sind sie beim Publikum gleich ganz unten durch. Wer will denn „Yes, we can“ hören, wenn der Bursche mit der tollen Tolle die ganze Zeit sagt: „Ich mach’ das besser“?

    Narzissten wählen Narzissten. Und das ist vielleicht gar keine gute Botschaft fürs nächste Jahr.

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