Warum die Gespenster so mächtig gewaltig sind und die einfachen, klaren Gedanken so unauffindbar

Für alle LeserZumindest hat es Giovanni di Lorenzo in der „Zeit“ versucht, sich einer ziemlich naheliegenden Frage zu widmen: „Wer reanimiert die politische Mitte?“ lautete der Titel seines Beitrags in der „Zeit“, in dem es irgendwie um Volksparteien ging. Und er stieg ein mit der Behauptung: „Die große Mehrheit der Deutschen kann sich weder mit rechten noch mit linken Ideologen anfreunden. Noch könnten die Volksparteien sich darauf einstellen.“ Man wird den Titel „Zombie“ im Ohr nicht los.

Das ist ernst gemeint, auch wenn es hier erst einmal nicht um Bürgerkrieg geht wie in dem Song von Dolores O’Riordan. Oder doch. Einen in unseren Köpfen, in denen wir mit all dem Quatsch über rechte und linke Ideologien eingeschmiert werden von früh bis spät. Damit wir ja nicht darüber nachdenken, was für elende kleine Häuflein das sind. Aber sie scheinen wie Gespenster (natürlich hatte Marx Recht, was denn sonst? Der Mann wusste noch, wie Gespenster-Geschichten funktionieren) durch unsere Gegenwart zu wanken, Untote, die nicht sterben können, weil Blödheit im Menschengeschlecht vielleicht zwar nicht unsterblich ist – aber gewollt.

Und ich sage jetzt nichts zu den Alfanzereien zum deutschen Bildungssystem.

Es liegt schon lange auf der Hand, was getan werden könnte, um es besser, gerechter und hilfreicher zu machen.

Aber wir diskutieren darüber, wie viele Computer, Internetanschlüsse und sonstiger digitaler Klimbim noch in die Schulen müssen, weil irgendeine Branche brüllt, man brauche jetzt mehr Programmier-Idioten.

Sie sind allgegenwärtig, weil sie auch sämtliche korrumpierbaren Politiker schön fleißig korrumpieren: Bringt unsere Technik in die Schulen! Dann geschehen Wunder! Dann werden die Kinder klüger.

Es geht nicht um rechts und links. Das sind wirklich nur Gespenster. Auch wenn sie die Macht haben, unsere Gesellschaft in Alpträume zu schicken und jeden Respekt, jedes Vertrauen zu zerstören.

Aber ich merke es selbst, wenn ich mit unseren eigenen Mitstreitern immer wieder vor so einer Wand lande: Da kommen wieder Nazi-Verlage zur Buchmesse! Das müssen wir doch thematisieren?!!!!!!

Ach ja? Warum? Warum schreiben wir diese rechtsradikalen Dumpfbacken größer als sie sind?

Warum suggerieren wir unseren Lesern, dass dieser ganze nationalistische Quatsch irgendwie wichtig ist? So wichtig, dass man dagegen Kundgebungen organisieren muss?

Und schon sitzt man drin in der (Denk-)Falle. Sie kennen das selbst, wenn sie mal irgendwie mit Psychologen zu tun hatten und die ihnen ganz freundlich klarmachen wollen, wie Psychologie funktioniert im zwischenmenschlichen Umgang: „Denken Sie jetzt einfach mal nicht an einen rosaroten Drachen …“

Natürlich denken Sie jetzt nicht an einen rosaroten Drachen.

Fiele Ihnen nie ein.

Schon gar nicht an einen großen, der alle ihre Gedanken bestimmt.

Und wenn unsere netten Kollegen jeden Tag über Nazis, Rassisten, trübe Tassen aus dem Nörgellager schreiben, dann denken sie natürlich auch nicht an trübe braune Gespenster, die überall gegenwärtig sind. Und wenn diese Trolle über Ausländer maulen, denken sie natürlich auch nicht an Ausländer, über die man maulen muss …

Sie merken es bestimmt.

So werden wir zu Zombies: den Kopf voller Zeug, das andere gern genau dort platzieren wollen, wo es jetzt steckt – in unseren Köpfen.

Ein Gespenst geht um?

Vergessen Sie es. Das Gespenst steckt in unseren Köpfen. Und wir machen es immer größer und schrecklicher und füllen auch noch die letzte freie Gedankenecke damit aus. Und dann wundern wir uns vielleicht noch ein bisschen, dass es in der Welt so zugeht und Idioten zu Präsidenten gewählt werden.

Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Denn unser Kopf steckt ja voller Nazis und anderer Gespenster. Rechtse und linkse. Irgendwelche makabren Untoten, die uns aus allen Kanälen anspringen. Ach ja. Da sind ja auch noch diese komischen Volksparteien. Aber was wollen wir mit denen? Die benehmen sich doch genauso: In Angst und Schrecken versetzt von all den Gespenstern.

Und damit handlungsunfähig. Unfähig zu dem, was man sich früher noch wünschte vor einer ordentlichen Mathearbeit: Einen klaren Gedanken zu fassen.

Dafür ist unsere Schule heute aber nicht mehr da. Aber da hole ich jetzt nicht aus. Weil es nicht mal unsere irrlichternden Bildungspolitiker kapieren würden.

Tick.

Deswegen sehen unsere Bildungsprogramme derart bescheuert aus, so vollgestopft mit Phrasen, die eigentlich nur eines erklären: Dass man leider keinen Moment für einen klaren Gedanken gefunden hat. Und dann kommt so etwas wie dieser Koalitionsvertrag heraus, der nicht einen einzigen klaren, nachvollziehbaren Gedanken enthält.

Nur Geeier und Gesülze.

Logisch, dass die Gespenster im Land heulen vor Schadenfreude.

Macht einfach weiter so.

Die Alpträume kommen von ganz allein.

Die Serie „Nachdenken über …“

Warum so eilig oder Wie wird man wieder Herr seiner Zeit? – Die neue LZ Nr. 52 ist da

 

Nachdenken über ...Volksparteien
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