Aus dem Kontext gerissen: Wie der MDR über eine „linksextreme“ Band berichtet

Für alle LeserDie angeblich „linksextreme“ Band „Dr. Ulrich Undeutsch“ ruft in ihrem Song „Zivilcourage“ zu Gewalt gegen Neonazis auf – das behauptete zumindest der MDR. Doch hört man sich nicht nur eine aus dem Kontext gerissene Strophe an, sondern das komplette Lied, erweist sich der Vorwurf als haltlos. Korrigiert hat sich der MDR trotzdem nicht. Auch der Verfassungsschutz zeigt einen fragwürdigen Umgang mit der Band.

Neonazis treten auf vielfältige Weise öffentlich in Erscheinung: auf Demonstrationen, in Parteien, bei Gewalttaten – aber auch im Rahmen sogenannter Rechtsrockkonzerte. In Sachsen erhielten solche Festivals im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit; vor allem jene in Ostritz, die von einem breiten Gegenprotest begleitet wurden. Nun richtet sich der Fokus jedoch zunehmend auf „linksextreme“ Bands als angeblich unterschätzte Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat.

Der MDR veröffentlichte Ende Januar einen Beitrag mit dem Titel „Im Fokus des Verfassungsschutzes: Linksextreme Bands“. Ein großer Teil des Beitrags widmet sich der antifaschistischen Punk-Band „Dr. Ulrich Undeutsch“. In dem Song „Zivilcourage“ rufe diese „offen zu Gewalt gegen den politischen Gegner“ auf – so die unmissverständliche Formulierung des MDR.

Um diese Behauptung zu belegen, zitiert der MDR folgende Strophe: „Naziläden in jeder Stadt, Thor-Steinar-Träger wir haben euch satt, wir fordern jetzt Zivilcourage, jeden Tag ne Demo, dann gibt‘s halt auf die Nase.“

Was zunächst tatsächlich wie ein Aufruf zu Gewalt gegen Neonazis klingt, ist eigentlich nur die Forderung, sich an Demonstrationen zu beteiligen und dabei zu riskieren, Opfer von Polizeigewalt zu werden.

Ohne Kontext zitiert

Denn folgt man dem Hinweis des Twitter-Nutzers „Le Radiophare“ und hört sich den gesamten Song an, findet man gleich zu Beginn den entscheidenden Kontext: „Medien berichten von Ausländerjagd, neue Debatten im Bundestag, Politiker fordern Zivilcourage, doch gehst du auf ne Demo, dann kriegst du auf die Nase.“

Die Band beklagt also, dass Politiker einerseits dazu aufrufen, gegen Neonazis zu demonstrieren, man aber andererseits Gefahr läuft, von Polizisten angegriffen zu werden, wenn man diesen Aufrufen folgt. Die vom MDR zitierte Strophe greift diesen Vorwurf erneut auf.

In einer öffentlichen Stellungnahme bekräftigt „Dr. Ulrich Undeutsch“ diese naheliegende Interpretation des Songs. Darin heißt es: „Der vom MDR zitierte Teil sagt letztlich nicht mehr aus, als dass man sich von dieser Polizeigewalt nicht einschüchtern lassen und weiterhin seinen Protest auf die Straße tragen soll.“ Dieser Zusammenhang sei nicht schwer zu verstehen. Die Band vermute deshalb „Kalkül“ hinter der „Fehldeutung“ des MDR.

Anfang Februar führte der MDR als Reaktion auf die Hinweise ein Interview mit dem Autor des Beitrags. Ob und inwiefern darin die Kritik als berechtigt anerkannt wurde, lässt sich nicht mehr feststellen – der Beitrag wurde wie üblich nach sieben Tagen gelöscht. Auch der ursprüngliche Beitrag über „linksextreme“ Bands ist demzufolge bereits offline.

MDR behauptet, das nie behauptet zu haben

Auf Nachfrage der L-IZ, ob der MDR bei seiner Darstellung bleibt, heißt es: „Nicht wir sind der Auffassung, dass diese Textzeilen problematisch sind, sondern der Verfassungsschutz.“

Zwar beruft sich der MDR in seinem Beitrag mehrmals auf den Verfassungsschutz und lässt Gordian Meyer-Plath, den Präsidenten der sächsischen Landesbehörde, zu Wort kommen – doch die Behauptung, dass die Band zu Gewalt aufrufe, stammt zweifelsfrei (auch) vom MDR.

Nachdem in dem Beitrag kurz der Refrain von „Zivilcourage“ zu hören ist, sagt der Sprecher „Zivilcourage heißt dieser Titel von Dr. Ulrich Undeutsch. Darin wird offen zu Gewalt gegen den politischen Gegner aufgerufen.“ und zitiert anschließend die angeblich fragwürdige Strophe. Ein Hinweis, dass lediglich der Verfassungsschutz darin einen Gewaltaufruf sieht, ist nicht erkennbar. Wäre das der Fall, hätte die korrekte Formulierung „darin werde […] aufgerufen“ lauten müssen.

Fragwürdig erscheint aber auch der Umgang des Verfassungsschutzes mit der Band. Sowohl die Behörde in Sachsen als auch jene in Bayern erwähnen „Dr. Ulrich Undeutsch“ in ihren Berichten für das Jahr 2017. Die Verfassungsschützer in Bayern ordnen die Band sogar einer angeblich etablierten „Hass-Musikszene“ zu.

In beiden Berichten findet sich ein Zitat aus dem Song „Staatsgewalt“, der offenbar dazu aufruft, Polizisten zu „jagen“ und zu „prügeln“. Sucht man diesen Song auf der Homepage der Band, findet man jedoch eine alternative Fassung ohne diese Formulierungen.

Alternative Fassung seit 2013

Der bayrische Verfassungsschutz erwähnt in seinem Bericht einen Auftritt der Band am 13. Oktober 2017 in Nürnberg. Zwar behauptet die Behörde nicht, dass dort die Fassung mit „jagen“ und „prügeln“ gesungen wurde, allerdings verweist der Verfassungsschutz im selben Absatz auf den Song „Staatsgewalt“ und erwähnt nicht, dass es eine alternative Fassung gibt.

Die Band erklärt auf Nachfrage, dass der Song mittlerweile zehn Jahre alt sei. „Den Liedtext haben wir 2013 umgeschrieben, weil wir die damalige Fassung ebenso kritisch sahen und in dieser Form nicht mehr vertreten konnten.“ Wahrscheinlich im selben Jahr habe man den Song letztmals live gespielt. „2015 haben wir das Album ‚Kartoffeln Mal Anders‘ mit der aktuellen Fassung von ‚Staatsgewalt‘ veröffentlicht.“

Dass die Band heute noch zu Gewalt aufruft, bestreitet sie: „Manche unserer Texte rufen zu Protesten und Demonstrationen auf. Thematisiert wird dabei unter anderem die Gewalt, die vor allem von der Polizei ausgeht.“

Verfassungsschutz differenziert nicht

Auch die Einstufung als „linksextreme“ Band kritisiert „Dr. Ulrich Undeutsch“ erwartungsgemäß: „Die Gleichsetzung von jeglicher Radikalität ist irreführend und in keinster Weise gerechtfertigt, da in dieser verkürzt zusammengefasst wird, dass es sich bei den sogenannten extremen Polen gleichermaßen um Verfassungs- und Demokratiefeinde handelt und dass die Positionen der sogenannten Mitte der Gesellschaft per se legitim seien.“ Zwischen politischen Zielen, Gewaltpotential und -intensität sowie Grundwerten werde dabei nicht differenziert.

Im Gegensatz zu „Dr. Ulrich Undeutsch“ sind MDR und Verfassungsschutz offenbar nicht in der Lage, einen Fehler beziehungsweise eine Ungenauigkeit einzugestehen.

So wollte das Landesamt in Bayern auf Nachfrage nicht zusagen, im nächsten Verfassungsschutzbericht auf die neue Fassung des Songs hinzuweisen. Die Einstufung der Band als „linksextremistisch“ ergebe sich sowieso aus der „Gesamtschau ihrer veröffentlichten Lieder beziehungsweise Liedtexte“, teilte die Behörde mit.

Der MDR wiederum antwortete auf die Frage, ob man die Band zu irgendeinem Zeitpunkt kontaktiert habe: „Wir haben die Band nicht kontaktiert, so wie wir auch Bands aus dem rechten Spektrum nicht kontaktieren, wenn sie vom Verfassungsschutz beobachtet werden.“

Medienbericht: Universitätsrektorin Schücking hat mit dem Verfassungsschutz gesprochen

VerfassungsschutzMDRMusikDr. Ulrich Undeutsch
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