Warum das Uhrenumstellen ein völlig verkorkstes Experiment mit Menschen ist

Für alle LeserEndlich hat sch der Verkehrsausschuss des EU-Parlaments entschlossen, die Zeitumstellung abzuschaffen. Ab 2021. Genug Zeit, sich die sinnvollste Variante für alle EU-Mitgliedsländer zu überlegen. Das Problem: Jedes Land könnte sich wieder eine eigene Zeitzone einrichten. Dabei geht es um unsere normale Zeit. Die würde ich gern wiederhaben.
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„Seit 1996 gilt die Sommerzeit EU-weit und beginnt jeweils am letzten Sonntag im März. Am letzten Sonntag im Oktober werden die Uhren dann in allen Staaten der Europäischen Union wieder auf die Winterzeit – also die Normalzeit – zurückgedreht“, so die DAK in ihrer jüngsten Meldung zur Zeitumstellung, die vielen Deutschen echte gesundheitliche Probleme macht. Das Problem ist nicht die eine Stunde vor oder zurück, das Problem ist dieser Zwang, sich zwei Mal im Jahr an einen völlig neuen Rhythmus gewöhnen zu müssen, was gerade Menschen mitten im sowieso streng getakteten Arbeitsleben schwerfällt. Sie leiden darunter. Denn darauf ist unser Körper nicht eingerichtet.

Oder einmal so formuliert: Ausgerechnet die Zeitumstellung erinnert uns daran, dass unser Körper tatsächlich minutiös an den Rhythmus von Tag und Nacht angepasst ist. Wir haben den Rhythmus quasi im Blut. Wir könnten auch ohne Uhren leben. Denn: Wer weckte eigentlich die Bauern im Mittelalter? Wirklich erst der Hahn? Kann sein.

Aber so wird es kaum ein Bauer empfunden haben. Er hatte auch die Bedürfnisse seiner Tiere im Blut. Er lebte ja mit ihnen. Und wer kleine Kinder zu Hause hat, der weiß auch, wie das mit ihnen genauso funktioniert. Zumindest, wenn sich die Familie nicht von solchen sinnlosen Gerätschaften wie PC und Fernseher abhängig gemacht hat und ihre Freizeit ausgerechnet an diesen Nonsens-Maschinen ausrichtet.

Manche schaffen es zumindest im Urlaub, aus diesen künstlichen Takten einmal auszusteigen, sich ganz aufs Ausspannen, Rumlümmeln und Abhängen zu verlassen. Worauf man sich verlassen kann. Auch wenn es die meisten Großstädter zutiefst frustriert, wenn sie es erst einmal angehen. Denn dann kommt bald der Urlaubskater und das anerzogene Gefühl, dass Zeit jetzt auf einmal nicht mehr mit „Sinnvollem“ gefüllt ist. Wobei wir den größten Blödsinn für sinnvoll halten, wenn er nur unsere Zeit frisst. Irgendwelche brutalen Computerspiele, irgendeine dumme Talkshow, die wir unbedingt sehen müssen, vielleicht noch ein paar Unterlagen für die Firma? Schnell noch die Mails von Arbeit checken?

Es gibt solche Roboter, die einfach nicht aus-schalten können. Richtig aus. Ganz zu schweigen von diesem kleinen silbernen Teil, an dem die meisten Zeitgenossen hängen, als würden sie den Weltuntergang verpassen, wenn sie mal nicht draufschauen. Und wenn es nur die Ziffern der digitalen Uhr sind, die sie alle fünf Minuten mal checken müssen, weil ja sonst die Gefahr besteht, dass die Uhr hängenbleibt und sie auf einmal in einer Murmeltier-Schleife hängenbleiben.

Und dann immer wieder dasselbe machen müssen.

Davor fürchten sich die Leute tatsächlich.

Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputtgemacht hat

Obwohl sie ständig immer wieder dasselbe machen. Auch daheim. Sie wissen nicht mehr, was Frei-Zeit ist. Zeit, die man selbst befüllen darf. Mit Eigenem. Selbstgedachtem, Selbstgemachtem, oha: Selbst-Erlebtem. Also Leben mal nicht aus der Konserve, also aus dritter Hand, oder zweiter, wenn wir alle noch glauben, dass das ganze Gedudel tatsächlich nur einmal durch den Magen der großen wiederkäuenden Kuh gegangen ist, die manche Leute „ihr Internet“ nennen.

Leute, die sich sogar davor fürchten, dass ihr komisches Internet kaputtgeht.

Wir hatten ja gerade den Katzenchor der Verzweifelten gehört.

Und?

Ist es noch da?

Natürlich ist es noch da. Die Herrschaften, die diese Netzwerke betreiben, werden den Teufel tun, Euch da rauszulassen. Glaubt’s nur. Sie sind Eure Dealer. Sie geben Euch genau das Rauschmittel, das ihr in eurer Naivität so dringend braucht, um Eure und anderer Leute Zeit in Junk zu verwandeln, Fastfood-Leben. Eigentlich schon aus dritter Hand. Stimmt.

Vielleicht sollte man dem Internet tatsächlich noch einen „Aus“-Kopf hinzufügen. Jeden Tag eine Stunde internet-frei. Vielleicht abends, in der blauen Stunde, wenn der Italiener an der Ecke die frische Pizza rausbringt und alle in den Park strömen, gucken, was auf den Bäumen los ist und wer alles auf den Bänken sitzt. Vielleicht Leute, die man lange nicht gesehen hat. Auch nicht virtuell.

Zeit ist ein großes Thema heute. Weil wir nicht mehr geerdet sind, weil auch unsere offizielle Zeit nicht mehr stimmt. Die Winterzeit, wie die „Zeit“ meint, ist natürlich auch nichts anderes als die Sommerzeit. Sie ist genauso lang, genauso warm und genauso angenehm. Die wirklich schönen Stunden sitzen nur an einer etwas anderen Stelle. Aber das merkt man dann nicht mehr, weil man wieder in den richtigen Rhythmus kommt. Was man eigentlich genau an so einem 31. März spürt, wo es wieder hakt und klemmt und im Kopf dröhnt. Weil dieser Rhythmuswechsel so falsch ist. Er bringt unser fein austariertes inneres Rhythmussystem aus dem Tritt. Und es dauert Monate, bis wir uns wieder einigermaßen eingespielt haben. Was dann wieder ein schönes Erlebnis ist – wie nach einer durchstandenen Krankheit.

Weshalb die nächste Umstellung wieder voll aufs Gemüt schlägt.

Erstaunlich, dass wir dieses sinnlose Experiment solange mit uns haben machen lassen, von dem die Verantwortlichen schon seit Jahrzehnten wissen, dass es nicht mal eine Energieersparnis bringt. Nicht mal die.

Die sogenannte Winterzeit ist die Mitteleuropäische Normalzeit. Vielleicht können sich die Europäer darauf einigen, dass sie wieder selbstverständlich wird. Dass wir vom Winter wieder langsam in den Frühling und den Sommer hineinwachen dürfen, so, wie es die Tiere unter Garantie tun, außer die armen Schweine, Hunde und Katzen, die direkt mit uns Menschen leben müssen. Und mancher wird dann auch merken, dass er zum Rechtzeitigaufstehen keinen Wecker mehr braucht, weil sein Körper dann wieder richtig tickt. Und manche clevere Unternehmen werden auf die ganzen starren Arbeitspläne verzichten und ihre Leute nach Zeitgefühl arbeiten lassen, so, dass jeder da ist, wenn er oder sie den meisten Spaß an der Arbeit hat.

Das ist jetzt natürlich ganz weit fort gedacht, raus aus einer Gesellschaft, in der Schulen und Behörden noch strenge Zeitzwänge haben.

Aber vielleicht …

Vielleicht können wir ja wieder lernen, uns wie Menschen zu benehmen, die Nächte zu lieben in ihrer Stille und die Tage im Einklang mit dem Rauschen unseres Blutes.

Aber noch müssen wir dieses Frühjahr aushalten, in dem die innere Uhr ständig quertickt, sodass wir nicht mal mitkriegen, dass Frühling ein Geschehen ist. In dem nur wir fehlen. Wir haben ja anderes zu tun.

Die Serie „Nachdenken über …“

ZeitumstellungNachdenken über ...
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