Interview mit Thomas Rühmann zum Thema Freiheit Teil 2: Selbstbestimmung

Für alle LeserThomas Rühmann führen in diesem Teil des Gesprächs seine Erinnerungen in eine Zeit, in der es schwer war den Spagat zwischen Auftragskunst und der künstlerischen eigenständigen Ausdrucksweise der Stoffe, die das Theater auf die Bühne bringen wollte, zu trennen. Jenseits der „Kader-Kunst“ war es eine Zeit, in der das Theater eine Sternstunde erfahren konnte, weil sie einen hohen Stellenwert für die Gesellschaft im Ganzen darstellte.
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Dafür aber benötigte sie – wie wohl zu allen Zeiten – das „Genie“ des Einzelnen, des selbstbestimmten Künstlers, den Mut zum Ausdruck der Sehnsucht des Innersten seiner Selbst. Die Lust des Schauspielers, aus dieser wohl echtesten und notwendigsten Triebfeder heraus zu spielen und ein Theaterstück für die eigene Zeit, in der Gesellschaft, in der er lebt, zu beleben, entscheidet über den Wert des Stückes ebenso wie über das „Genie“ des Schauspielers.

Die Kunst und die Kultur waren ja in der DDR sehr hochgeschrieben. Man hatte ja in der DDR direkt einen Bildungsauftrag, einen Kulturauftrag, jeder. Hat sich das stark gewendet aus Ihrer Sicht?

Na ja – dieser Kulturauftrag hatte natürlich ein Ziel: er sollte den neuen Menschen erschaffen und davon habe ich relativ wenig gehalten. Aber die Kunst und Kultur hatten einen hohen Stellenwert. Es war einfach spannend ins Theater zu gehen, weil drumherum die Dinge verschwiegen oder nicht diskutiert wurden.

Es war ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit für das Theater – aber auch ein bisschen ungesund.

Warum?

Weil das Theater eigentlich Sachen liefern musste, die die Gesellschaft nicht geliefert hat oder der gesellschaftliche Disput. Das überfordert die Kunst ein bisschen, finde ich. Zu große Erwartungen.

Zuviel Realität? Oder wieso überfordert das die Kunst? Die Kunst ist doch eigentlich der Herd, über den hinaus das natürlich noch weitergetragen in andere gesellschaftliche Formen gehen müsste, aber die Kunst ist doch eigentlich der Ort, wo genau so etwas aufbrennt.

Es ist auch richtig, dass es aufbrennt. Ich weiß aber, dass Christa Wolf kurz nach der Wende gesagt hat: Eigentlich ist es gut. Ich muss jetzt nicht mehr die große Wahrheitsverkünderin sein. Das war für sie eine Last.

Wir haben das natürlich genossen. Ich weiß noch, wie die Luft brannte beispielsweise bei „Ritter der Tafelrunde“ von Christoph Hein. Wahrscheinlich eine Sternstunde des Theaters. Aber mir ist auch eine Stille oder ein Zuhören lieber als das Lauern auf die verbotenen Begriffe. Vielleicht sind die Leute heute sogar ein bisschen offener mit sich selbst als damals. Man war so besetzt.

Eine beiderseitige Überspannung also? In dem Sinne, dass der Künstler Wahrheiten aussprechen sollte, die ihm von außen auferlegt wurden und sprach er dagegen, dann war es auch eben keine echte Kritik, sondern das Aussprechen des „verbotenen“ Gegenteils „DER“ Wahrheit. Und das Publikum war dann Sympathieschiedsrichter … aus der ebenfalls fremdbestimmten Lage heraus, ins Theater, zur Kunst gezwungen zu werden? Drastisch formuliert: der Volkskörper wurde gezwungen ins Theater zu gehen und das Theater hat den Druck, Wahrheiten auszusprechen.

Ganz genau. Ich weiß noch, dass wir als Schüler in den sowjetischen Mehrteiler „Die Befreiung“ gehen mussten. Das hat uns total genervt. In dem Film wurde übrigens Stalin extrem heroisiert. Eigentlich eine Eloge auf seine Rolle im Zweiten Weltkrieg, was wir damals noch nicht wussten.

Anfang der achtziger Jahre gab es den großartigen amerikanischen Film „Blutige Erdbeeren“ und da sind wir freiwillig ins Kino gerannt. Oder wir sind extra nach Prag gefahren in die Kinos am Wenzelsplatz und da gabs „Spiel mir das Lied vom Tod“. Wir wollten diesen Film in Originalsprache sehen. Das Gute war, dass man kaum Englisch können musste, man hörte immer nur: „Yeaaahh …“

Aber vielleicht ist das auch Freiheit. Vielleicht ist ja Freiheit ein innerer Motor. Dinge zu erfahren über die Welt, zuzuhören, aufzunehmen – und dann vielleicht als Künstler die Dinge über die Welt mitzuteilen, die man erlebt hat und von denen man denkt, dass man es unbedingt mitteilen muss. Zum Beispiel auf der Bühne. So etwas ist vielleicht Freiheit.

Ja. Der Unterschied der Freiheit früher und der Freiheit heute ist vielleicht, dass damals alles sehr ideologisiert war und nahezu ein Zwang zur Freiheit praktiziert wurde und jetzt…

…. und jetzt ist alles egal.

Ha, ja – egal wäre aber schlimm. Aber es stimmt ja.

Oder besser: es ist jetzt folgenloser. Es gibt heute so ein Theater, das nach einfachen Regeln funktioniert. … dann spritzt das Blut … und dann wird das Mehl ins Publikum geschüttet … dann werden die Videowände aufgestellt ….

Powerpoint …

Oder Powerpoint. Und die Stücke werden so fragmentiert, dass es schwer ist, noch eine Geschichte zu erleben. Da bin ich ein bisschen auf der anderen Seite der Barrikade.

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Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie

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