„Worauf wartet ihr eigentlich noch?“: Tausende Menschen auf „Black Lives Matter“-Demo in Leipzig + Video & Bildergalerie

Für alle LeserIm Zuge der Bewegungen gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA gingen am heutigen Sonntagnachmittag auch in Leipzig tausende Menschen auf die Straße. Seit Beginn der Woche hatten in den Vereinigten Staaten immer wieder Proteste unter dem Titel „Black lives matter“ (BLM) stattgefunden. In Leipzig versammelten sich nach Angaben der Veranstalter mehr als 15.000 Menschen.
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Grund war der Tod des afro-amerikanischen George Floyd (†46). Er starb, nachdem ein Polizist bei einem Einsatz 8 Minuten und 46 Sekunden lang auf seinem Hals gekniet hatte. Der Vorfall sorgte für Erschütterungen im ganzen Land; in etlichen amerikanischen Städten fanden in den vergangenen Tagen (zumeist friedliche) Protestveranstaltungen statt. Gegen die vier an dem Einsatz beteiligten Polizisten wurde inzwischen Anklage erhoben.

Impressionen der Demo am 7. Juni 2020 in Leipzig

Video: L-IZ.de

Der Demonstrationszug bewegte sich vom kleinen Willy-Brandt-Platz gegenüber des Hauptbahnhofs durch die Innenstadt. Am Markt sowie auf dem Simsonplatz vor dem Bundesverwaltungsgericht kamen etliche betroffene Sprecher/-innen zu Wort, die ihre Erfahrungen mit Rassismus, ihre Wut und ihre Hoffnungen teilten. „No justice, no peace“ („Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“) skandierten die Teilnehmer/-innen.

Vorfälle wie der Tod George Floyds und die daraus entstandenen Unruhen in Amerika zeigten „dass Rassismus nur eine Antwort kennt: Kämpferische Entschlossenheit und Solidarität – und zwar solange bis wir gehört werden und solange bis die rassistischen Strukturen in Behörden und überall in der Gesellschaft überwunden sind“, hieß es im Vorfeld in dem Aufruf zu der heutigen Veranstaltung.

So konnte auch in Deutschland „der NSU jahrelang unterstützt durch den Verfassungsschutz morden. In Frankfurt schickten Polizist/-innen Drohbriefe an eine NSU-Nebenklagevertreterin und immer wieder töten Polizist/-innen aus rassistischen Motiven. Gerechtigkeit können Betroffene nur in den seltensten Fällen erwarten.“

Es ist einer von zahlreichen Vorfällen, in denen das Nicht-Agieren beziehungsweise das aktive „Unter-den-Tisch-kehren“ der Justiz für Tode verantwortlich sind. Auch anderer Opfer rassistischer Gewalttaten wurde auf der heutigen Demonstration in verschiedenen Redebeiträgen gedacht.

So auch Oury Jalloh: Der in Deutschland lebender Sierra-Leoner starb am 7. Januar 2005 in einer Gewahrsamzelle im Keller des Polizeireviers in der Wolfgangstraße 25 in Dessau-Roßlau. Der Dienstgruppenleiter des Reviers wurde 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstraße von 10.800 Euro verurteilt, ein weiterer Beamter wurde freigesprochen. 2019 zeigte ein forensisches Gutachten des Radiologie-Professors Boris Bodelle von der Universitätsklinik Frankfurt, dass Oury Jalloh vor seinem Tod schwer misshandelt worden war.

Im Verlauf des Prozesses kamen zwei weitere ungeklärte Todesfälle ans Licht, die im Zusammenhang mit Festnahmen auf dem Revier in der Wolfgangstraße standen. Die Aufklärung der Geschehnisse ist durch vernichtete Akten nahezu unmöglich.

Rechtsverbrechen durch die Justiz würden nach wie vor oft nicht als rassistisch motiviert anerkannt, prangerte eine der Redner/-innen an. Derartige Vorfälle werden heruntergespielt als Einzelfälle. „Rassismus ist in Deutschland Alltag und dieser Realität müssen sich insbesondere weiße Menschen endlich stellen. An die Polizei fand sie klare Worte: „Das Minimum, was sie tun können, ist, Rassismus als Tatsache anzuerkennen. […] Worauf zur Hölle wartet ihr eigentlich noch? Zeigt endlich Respekt!“

Dass Rassismus auch in Deutschland und in der deutschen Polizei alltäglich stattfindet, machte eine weitere Rednerin klar. Sie teilte mit den Demonstrationsteilnehmer/-innen ihre Erfahrungen mit deutschen Justizbeamten. Immer wieder würde sie fadenscheinigen Kontrollen unterzogen, Beamte spekulierten in ihrer Gegenwart über ihre Herkunft.

Schließlich hätte man sie aufgrund ihrer Hautfarbe als einziger Gemeinsamkeit mit einer gesuchten Täterin sogar grundlos festgenommen. Je weniger Zeugen in einer Kontroll-Situation zugegen wären, desto offener würde der Rassismus in Worten und Handlungen ausgelebt, erzählte die junge Frau. Hilfe von Außenstehenden sei oft nicht zu erwarten.

Doch genau das Erheben der eigenen Stimme, das Durchbrechen des Schweigens müsse nun endlich geschehen. „Die Antwort auf Rassismus heißt kämpferische Entschlossenheit und Solidarität. Unser Schweigen schützt uns nicht!“

„Silence ist violence“ („Schweigen ist auch Gewalt“)

Immer deutlicher ist es in der Gesellschaft gefordert, sich zu bekennen. Aktiv zu werden und für seine Mitmenschen einzustehen, anstatt mit Schweigen Ungerechtigkeit und Gewalt zuzulassen. Zu lange, so scheint es, ruhte man sich auf den Errungenschaften des vergangenen Jahrhunderts aus. Rassismus im (deutschen) Alltag scheint für viele Menschen wenig bis gar nicht zu existieren.

Dass hierzulande immer wieder Vorbehalte, Feindlichkeiten und sogar Gewalt gegenüber nicht-deutschen Personen laut werden, zeigt bereits seit Monate die Debatte über die Lage im Mittelmeer. Dort riskieren seit Jahren Flüchtlinge aus Kriegsgebieten ihr Leben in der Hoffnung auf Sicherheit für sich und ihre Familien in Europa. Doch die Rettung dieser Menschen durch freiwillige Seenothelfer wird teilweise kriminalisiert, die Aufnahme der geflüchteten Menschen durch europäische Länder zieht sich über Monate.

„Ich sehe meine Brüder und Schwestern, die wegen eurem Rassismus im Mittelmeer ertrinken“, ließ eine Rednerin ihre Erschütterung darüber laut werden. Gegen 18 Uhr endete Die Demonstration in der Leipziger Innenstadt. Die Veranstaltung verlief friedlich. Die Leipziger Polizei, die auffallend ausgedünnt vertreten war, berichtete wohlwollend: „Die Polizeidirektion bedankt sich bei allen Versammlungsteilnehmern für den störungsfreien Verlauf dieses außergewöhnlichen Demonstrationsgeschehens“, hieß es in der Pressemitteilung.

Schon am Samstag hatten sich in Leipzig hunderte Menschen zusammengefunden, um gegen Polizeigewalt zu demonstrieren. Mit emotionalen Erfahrungsberichten und Redebeiträgen prangerten die Teilnehmer auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz Rassismus und Gewalt durch die Polizei an.

Alle Bilder L-IZ.de

Auch in anderen deutschen Städten, darunter Berlin, München, Köln, Hamburg und Stuttgart, gingen am Wochenende zahlreiche Menschen in Solidarität auf die Straße.

Die Audios der Redebeiträge vom 7. Juni 2020 (Ausschnitte)

Audio: L-IZ.de

Video(Luft)aufnahmen von la-presse.org vom 7. Juni 2020 in Leipzig

Quelle: la-presse.org/Youtube

Weitere Foto-Impressionen vom 7. Juni 2020

Stand Up, Speak Up, Show Up: Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt am 6. Juni

Familie von Oury Jalloh legt Verfassungsbeschwerde ein

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