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Die Wut in Leipzig: „Querdenker“ eingekesselt + Video

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    Sie kamen mehrheitlich wie ein Wanderzirkus nach Leipzig, bauten dank eines (noch immer unbegründeten) Beschlusses des Oberverwaltungsgerichtes Bautzen eine Bühne im Herzen der Stadt auf und lieferten weitgehende Inhaltsleere von dieser. „Querdenken“ ist seit dem Samstag neben der marginalen Beteiligung der Leipziger/-innen selbst das Synonym für eine umherreisende Ansammlung von Brahmanenanbetern, Esoterikspinnern, „1989-Darstellern“ aus Schwaben und einem in der DDR hängengebliebenen Uwe Steimle als Erich Honecker (mit Maske) geworden. Und sie haben jede Menge Wut hinterlassen, nicht zuletzt durch die „Erstürmung“ des Rings gemeinsam mit rund 300 organisierten Neonazis.

    Seit heute ist auch klar, dass neben so illustren Gästen wie dem Berliner Vegan-Koch Attila Hildmann (der in Berlin nicht einmal mehr Versammlungen anmelden darf), Sven Liebich aus Halle laut einem Videohinweis von Katharina König-Preuss auf Twitter und diversen anderen seit Jahren bekannten Schlägern aus dem Leipziger Umland auch die rechtsextreme Splitterpartei „III. Weg“ das nach allen Seiten offene Eso-Event für sich zu nutzen wusste. Man habe sich an der „Querdenken“-Demo beteiligt, Flyer wurden verteilt, teilen die Rechtsextremisten im Netz mit.

    An diversen Attacken später am Hauptbahnhof beteiligten sich einschlägig bekannte Neonazis, meist unerkannt durch die Umstehenden Schwaben, Bayern und Berliner. Darunter Michael Brück, Stellvertretender Vorsitzender der Partei „Die Rechte“, Sven Skoda, ein Düsseldorfer Neonazi und weitere. Diese Anmerkung bis hier nur, weil „Querdenken“-Anwalt Markus Haintz aktuell nichts Wichtigeres zu tun hat, als auf seinem Telegramkanal das Märchen zu verbreiten, es seien „Linke“ gewesen, die am Hauptbahnhof an vorderster Front randalierten, böllerten und angriffen.

    Passend zu dieser rundherum kruden Mischung irgendwie, dass im Hintergrund mit Frank Hannig ein ehemaliges Stasimitglied und Ex-Verteidiger des mutmaßlichen Mörders von Walter Lübcke bei den „Klagepaten“ der „Querdenker“ dabei ist und nun endlich seine „Wende 89“ 31 Jahre später vollziehen möchte. Oder mit Rechtsanwalt Martin Kohlmann, der Hauptakteur der rechtsextremen Vereinigung „Pro Chemnitz“, Rechtsberatung für die Busreisenden bei „Honk for Hope“ anbietet und das dahinterstehende Plauener Unternehmen juristisch vertritt.

    Zwar gehen die Macher der Bewegung damit offen um, doch es scheint längst, als ob viele Informationen im netztypischen Infokrieg unterzugehen drohen. Oder „Querdenkern“ egal zu sein scheinen.

    Gestört hat es am 7. November aus Naivität, Youtube-Uniabschluss und bewusstem Wegsehen offenbar niemanden der anderen Besucher der langsam eingespielten Corona-Revue um die Rechtsanwälte Markus Haintz, Ralf Ludwig und den Stuttgarter Unternehmer und OB-Kandidat Michael Ballweg (3 Prozent und damit 7. Platz in der ersten Wahlrunde am 8. November).

    Noch am heutigen Montag feiert sich die „Querdenken“-Bewegung auf den einschlägigen Telegram-Kanälen dafür, dass sie am Leipziger Hauptbahnhof dezimierte Polizeikräfte überrennen konnte, um ihren Gang über den Ring zu vollenden.

    Es war das kollektive Erlebnis, wovon mancher Wendeenttäuschte träumte, was die beteiligten Neonazis suchten und was sie gemeinsam mit den westdeutschen „1989-Touristen“ und ehemaligen treuen Anhängern der DDR wie Hannig nun bekamen. Auch (neben dem kapitalen Fehlurteil des OVG Bautzen), weil im Moment des steigenden Drucks hier Kräfte an den Wilhelm-Leuschner-Platz beordert wurden, um sich da um die (friedlichen) Autonomen und Linken zu kümmern, die die Straße versperrten.

    Hinterlassen haben sie und ihr „Event“ jede Menge Wut und einen nachhaltigen Vertrauensverlust in Polizeiführung und das Innenministerium Sachsen. Und diese steigt, wie man auch am heutigen Montag sehen konnte.

    Eine Splittergruppe im antifaschistischen Kessel

    Was auch immer den Anmelder, laut Medienberichten Betreiber einer Leipziger Kampfsportschule, geritten hat, am heutigen 9. November einen thematisch an „Querdenken“ angelehnten Spaziergang ab Augustusplatz anzumelden – es kamen gerade einmal 20 Teilnehmer/-innen. Wie eigentlich immer, wenn der Stuttgarter Corona-Zirkus nicht in Leipzig weilt, denn neben „Bewegung 2020“, „Bewegung Leipzig“ oder „Querdenken Leipzig“-Gruppen kam auch diese Montagsspaziergangsgruppe, die anfangs unter „Leipzig steht auf“ bekannt wurde, nie wirklich maßgeblich über 400 Teilnehmer/-innen hinaus.

    Ob man gehofft hatte, dass der Samstag irgendwie Schwung in die Spaziergänger bringen würde oder es sinnvoll wäre, auch noch am Abend der Reichspogromnacht mit Teilnehmern anzutreten, die laut ihren Facebookprofilen irgendwie kein anderes Thema als ihr „Deutschsein“ kennen?

    Wer allerdings kam, war eine etwa 1.000 Teilnehmer/-innen starke Gegengruppierung junger Menschen mit jeder Menge Wut wegen Samstag im Bauch. „Ihr marschiert gemeinsam mit Nazis“, „Maske auf“ und „Haut ab“ trommelte es aus der Einkesselung heraus auf das kleine Häufchen ein.

    Am Rande liefen dabei Debatten darüber, wie es nun weitergehen soll: Rücktritt von Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze oder Innenminister Roland Wöller (CDU), welcher am Samstag im polizeilichen Lagezentrum vor Ort war? Besser wohl beide. Auch wenn Ministerpräsident Michael Kretschmer sich heute hinter seinen Parteikollegen stellte, ist es ein realistisches Szenario nach der Fehlleistung am Samstag. Der Druck auf die beiden entscheidenden Personen wird jedenfalls so schnell nicht nachlassen, das Vertrauen in die Analysefähigkeiten beider ist nahe Null.

    Video: L-IZ.de

    Auch, weil man heute erneut wenig überrascht feststellen konnte, wie viel Polizei so aufgefahren wird, wenn sich (abermals friedlicher) linker Gegenprotest ankündigt. Bis in den Abend hinein patrouillierte anschließend ein massives Aufgebot durch Connewitz, nachdem man am Augustusplatz einer Kleinstgruppe von Coronaleugnern einen unwichtigen Spaziergang durch die Innenstadt ermöglicht hatte. Zu Recht natürlich, denn das Versammlungsrecht gilt, auch in Coronazeiten.

    Und auch, wenn es eben jene, die es gern für ihre Minderheitenmeinungen nutzen, unter massivem Polizei- und Geldeinsatz ermöglicht bekommen, gleichzeitig von Diktatur und Unterdrückung faseln.

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    14 KOMMENTARE

    1. @Saschok 😉 Wenn man „eine politische Voreingenommenheit“ attestiert, muss man in dem Fall auch B) sagen. Das würde eher bedeuten, dass also die Polizei Leipzig et al entweder „voreingenommen“ ist und deshalb zu kleine Zahlen annimmt (unwichtig) – und somit einen schweren Einschätzungsfehler macht?

      Oder „voreingenommen“ ist und dahinter steht und die Allgemeinheit bewusst in der Gefahrenprognose falsch informiert?

      Ich bin gespannt, für welche Interpretation Sie sich entscheiden. Beide wären ein echtes Problem in der Führungsebene. Idee 3 verrate ich noch nicht, der Artikel ist bald fertig 😉

    2. @Saschok: Falsch! Veranstalter und OVG haben falsche Zahlen genutzt. Die Stadt wollte 20.000 auf die Messe bringen.

    3. Katharina Krefft hat gestern im Stadtrat richtig erkannt, dass der Druck der Demonstration dadurch entstanden ist, dass am Wintergartenhochhaus eine Verengung durch Polizeiketten und Fahrzeuge vorhanden war.
      Letztendlich war das Gesamtkonzept des Ordnungsamtes und der Polizei nicht auf die Massenbasis der Querdenker und damit die hohen Demonstrantenzahlen abgestellt, was auch eine politische Voreingenommenheit erkennen lässt.

    4. Der Abfluss der Demonstranten, wir einigen uns mal auf die 45 000, war am Bahnhof/Ost über die Brandenburger Straße (Eisenbahnstraße) geplant, so waren auch die wieiderholten Lautsprecheransagen der Polizei (kann man nachhören). Wo sollten die Leute denn dort hin, über die Brandenburger Brücke und dann – Eisenbahnstraße ? Das war eine völlige Fehlplanung zumal ja auch viele den Zug auf dem Hauptbahnhof nehmen wollten. Damit waren drei Seiten zu und die offene Seite führte ins Nirgendwo- also ein Kessel. Damit entstand ein enormer Druck beim Abfluss der Demo. Die Polizei erkannte diesen Planungsfehler und hat dann direkt an der Bahnhofswand vorerst ca. 10 (später löste sich die Polizeikette komplett auf) geöffnet. Damit gelangten die Demonstranten auf den Ring und liefen dann auch.

    5. @Saschok: Mal abgesehen davon, was auch ich von Tag24 halte, aber „Führte eine Planungspanne zur Ring Demo“ ist so breit, dass ich auch sagen kann: jupp, da hat die Polizei sehr falsch geplant. Oder gar nicht geplant und dann auch noch Fehlentscheidungen getroffen.

    6. Das war ein Wanderzirkus, der nur auf seine eigentlichen Befindlichkeiten schaut. Tausende Menschen, die das Virus verbreiten könnten. Erklären Sie mal den Gastwirten und der Kultur, die schließen musste, obwohl sie gute Konzepte hatte, wie das zusammenpasst. Die hätten ja an der Messe mit MNS demonstrieren können. Das sie 89 nachmachen wollten, das war die größte Frechheit. ……..

    7. @Michael: Gut. Wenn Sie glauben, das war eine „Leipziger Demo“, dann haben Sie (sofern Sie vor Ort waren) kaum ein Gehör für regionale Idiome.

      Der „Wanderzirkus“ findet längst bei „Großdemos“ der „Querdenker“ mit den immer gleichen Protagonisten (plus lokale Redner) statt: Berthold, der kleine Junge mit seinen 12 Jahren, Kilez More, der Moderator usw.).

      Das größte Problem der Orga im Vorfeld war zudem die „Hotelfrage“ (siehe Berichte bei uns). Passiert halt nicht, wenn eine Demo in der Stadt entsteht und eben nicht letztlich wenige Demonstranten quer durch Deutschland reisen, um überall das Gleiche zu hören und zu erzählen.

      Die angesprochene Begründung des OVG erfolgte erst am 10. November 2020 und wirft nun noch mehr Fragen auf (fehlte also noch).

      Wo also fehlen die Belege?

    8. @Saschok
      Puh, Tag24, ehemals Dresdner Morgenpost, Boulevardblatt…
      Naja, im Boulevard finden sich bekanntlich immer nur die ganz harten Fakten.

    9. Tut mir leid, aber in diesem Beitrag ist schon die Anmoderation Murks, weil Unwahres berichtet wird:
      „Sie kamen mehrheitlich wie ein Wanderzirkus nach Leipzig, bauten dank eines (noch immer unbegründeten) Beschlusses des Oberverwaltungsgerichtes Bautzen eine Bühne im Herzen der Stadt auf und lieferten weitgehende Inhaltsleere von dieser.“ Keine der genannten drei Aussagen ist haltbar und belegt, sondern sie sind boshaft, eben Haltung…
      weiters sicher später

    10. @Saschok: Sind Sie sicher, dass die Stadt Leipzig a) „Platz für 20.000 Teilnehmer vorgehalten“, die polizeiliche Einsatztaktik am 7. November und somit auch den geschlossenen Abfluss Richtung Hauptbahnhof bestimmt/angeordnet hat? Oder behaupten Sie einfach nur gern Dinge, die Sie auf Nachfrage nicht belegen können?

      Warum bin ich so „giftig“ 😉 bei dem Thema. Nun: dieses Schwarze Peter Spiel geht mir auf den Wecker. Nicht grundlos hat Leipzigs Polizeipräsident Torsten Schultze noch in der Nacht vom 7.11. den Einsatz zu erklären versucht. Und damit auch Ihnen verdeutlicht, wer die Verantwortung – wie stets in solchen Dingen – vor Ort trug.

      Hinzu kommt stets der Fakt, das Polizei Landessache ist, der Dienstherr also nicht die Stadt, sondern der Freistaat ist.

      Last but not least: die Beauflagungen kamen letztlich vom OVG Bautzen. Wären es die der Stadt Leipzig gewesen, wäre „Querdenken“ auf der Messe gelandet.

    11. Die Stadt hat mit dem Augustusplatz für nur 20 000 Teilnehmer der Querdenkendemo Platz vorgehalten. In unmittelbarer Nähe wurden Gegendemos genehmigt, die die Polizei abschotten musste. Da deutlich mehr an der Querdenkendemo teilnehmen wollten und teilgenommen haben reichte der Platz nicht aus. Gleichzeitig war von der Stadt nur ein Ausgang vom Augustusplatz in Richtung Osthalle Bahnhof vorgesehen. Dort standen Polizeiketten. Die abwandernden Teilnehmer der Querdenkendemo befanden sich im Kessel. Wer diese Situation kennt und dann verbal auf die Polizei eindrischt weil diese dann nicht eingedroschen hat, befindet sich in guter Tradition zu 89. Das Öffnen der Polizeikette nahm den Druck heraus und führte dann, da der Vorplatz des Bahnhofs direkt zum Ring gehörtzum Umlaufen des Ringes. Es ist zu befürchten, dass die Koalition in Dresden zerbricht, sofern SPD und Grüne am Fehlverhalten der Polizei festhält und die Stadt Leipzig als Hauptverursacher der chaotischen Zustände nicht erkennen will. Von Erstürmung des Ringes kann keine Rede sein, da der Vorplatz des Bahnhofs Teil des Ringes ist und der von der Stadt Leipzig geplante Ausgang der Demo war.

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