Um den Leipziger Felsenkeller eskaliert ein Streit um eine angekündigte Neofolk-Nacht: Ein offener Brief wirft der Hausleitung vor, völkischen Ästhetiken unter dem Verweis auf Kunstfreiheit einen Raum zu bieten. Für den 31. Januar 2026 ist Protest angekündigt – und die Frage steht im Raum, ob sich hier ein Ort mit linker Geschichte endgültig von seinem eigenen Anspruch verabschiedet.

Die Geister von Plagwitz: Wer den Ballsaal des Felsenkellers betritt, begegnet zwangsläufig der Historie des Leipziger Westens. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg prägten hier einst den Diskurs der Arbeiterbewegung. Heute dient dieses Erbe oft als pittoreske Kulisse für ein Haus, das sich inmitten einer durch Gentrifizierung geprägten Grün-Biedermeier-Spielwiese behaupten muss.

Doch hinter der Fassade der Traditionspflege hat sich das Objekt in einen kulturwirtschaftlichen Betrieb transformiert, dessen Geschäftsmodell zunehmend mit dem politischen Anspruch des Viertels kollidiert.

Die für den 31. Januar 2026 angekündigte „Neofolk Night“ markiert dabei eine Zäsur. Es ist die Fortsetzung einer programmatischen Linie, die bereits durch Buchungen der Band „Death in Rome“ (bekannt für Koketterien mit NS-Ikonografie), den Auftritt der „Trabireiter“ oder die Lesung des Publizisten Ulf Poschardt auffiel.

Der Felsenkeller wird so zum Austragungsort einer Debatte darüber, wo die Kunstfreiheit endet und die Beherbergung völkischer Ästhetiken beginnt. Die Diskrepanz zwischen dem antifaschistischen Narrativ des Hauses und der Realität, die Moderator Philipp Hanslik bei der Buchvorstellung Poschardts als „ein Safespace mitten im Herzen der Bestie, in dem Shitbürger-Viertel schlechthin“ bezeichnete, tritt immer deutlicher hervor.

Offener Brief aus dem Viertel

Die lokale Zivilgesellschaft reagiert auf diese Entwicklung mit einer Mobilisierung, die über die üblichen Milieugrenzen hinausgeht. Ein von „Leipzig gegen Rechts“ initiierter offener Brief versammelt Unterzeichner wie die Omas gegen Rechts, Leipzig nimmt Platz sowie lokale Akteure wie die Buchhandlung DRIFT und die Gaststätte „Zum Wilden Heinz“.

Der Kernvorwurf lautet: Kommerzielle Verwertungslogik werde systematisch über gesellschaftspolitische Verantwortung gestellt. Kritisiert wird keine ästhetische Geschmacksfrage, sondern eine strategische Raumnahme durch Akteure der Neuen Rechten an einem Ort, der sich offiziell dem Erbe Luxemburgs verschreibt.

Das Line-up: Zwischen Kunstfreiheit und Codreanu-Kult

Das Programm der angekündigten Konzertnacht stützt die Befürchtungen der Kritiker:

Darkwood: Das Dresdner Projekt thematisiert in seinen Texten „germanische Stimmen“ und beteiligte sich an einem Tribute-Sampler für den rumänischen Faschistenführer Corneliu Codreanu.

Spiritual Front: Frontmann Simone Salvatori wird von Kritikern eine Nähe zur extremen Rechten sowie die Verbreitung pro-russischer Memes vorgeworfen.

Der Arbeiter: Das Projekt bezieht sich auf die Ästhetik Ernst Jüngers und nutzt Samples des Holocaustleugners Miguel Serrano.

Espacio Vital: Der Name (spanisch für „Lebensraum“) korrespondiert mit der Symbolik des Bandmitglieds Javier Garcia (Odal-Rune, Sonnenkreuz).

Die Hausleitung verteidigt das Line-up durch Vergleiche mit Mainstream-Phänomenen wie Rammstein und flüchtet sich in die Position eines politisch neutralen Dienstleisters. Auf der Webseite des Felsenkellers wurden Statements des Veranstalters und der Bands veröffentlicht.

Das Januskopf-Prinzip: Jörg Folta zwischen PR und Podcast

Während die offiziellen Statements des Hauses ein Bekenntnis gegen Rassismus und Antisemitismus betonen, zeichnet Geschäftsführer Jörg Folta in Formaten wie dem Podcast „A Distanza“ ein anderes Bild. Dort bezeichnet er Plagwitz als „Woke Bubble“, kritisiert Black-Lives-Matter-Demonstrationen als „Jobbörse“ für ein bestimmtes Milieu, die „Omas gegen Rechts“ nennt er „widerwärtig“ und tituliert die Antifa als „Auffangbecken für Soziopathen“.

Grüne Kulturpolitik wird als „Erpressung“ gelabelt. Auf Anfrage der Leipziger Zeitung rechtfertigt Folta diese Äußerungen als „bewusst zugespitzte Polemik“, die Debatten anstoßen solle.

Auch die Personalpolitik des Hauses steht unter Beobachtung: Bis Sommer 2025 war mit Marco K. ein ehemals aktiver rechter Hooligan im Betrieb angestellt. Folta begründet dies gegenüber der Leipziger Zeitung mit dem Recht auf eine „zweite Chance“ und einem Neuanfang, den man im Sinne des linken Erbes unterstützen müsse.

Selektive Neutralität und Steuergelder

Trotz Foltas harter Kritik an staatlicher Kulturpolitik als „Erpressung“ griff die Felsenkeller Betriebs GmbH zwischen 2020 und 2025 auf insgesamt 662.338 Euro an öffentlichen Mitteln zurück. Einen Widerspruch sieht die Geschäftsführung darin nicht: Man könne staatliches Handeln kritisieren und einzelne Elemente dennoch wertschätzen.

Die behauptete Rolle als „neutraler Vermieter“ erscheint zudem selektiv. Während man sich bei der „Neofolk Night“ auf die Unparteilichkeit zurückzieht, bezog das Haus beim Konzert der Band „Refused“ am 11. Oktober 2025 explizit politisch Stellung. Es wurden Flyer gedruckt und die Einnahmen gespendet.

Dies nährt den Verdacht, dass politische Positionierung im Felsenkeller dann stattfindet, wenn sie dem Marketing dient oder mit der privaten Meinung der Geschäftsführung harmoniert.

Demontage einer Institution

Die (un)politische Fassade des Felsenkellers ist brüchig geworden. Wenn völkische Ästhetiken in Hallen Einzug halten, die für die Befreiung von Unterdrückung stehen, verlässt die Debatte den Bereich der Kunstfreiheit. Die ideologische Umwidmung des Ortes und die Verachtung der eigenen Nachbarschaft durch die Geschäftsführung könnten zu einem Vertrauensverlust im Viertel führen.

Auf die Frage nach der Prävention gegen „rechtsextreme Wohlfühlorte“ im Haus antwortete die Geschäftsführung mit der Androhung rechtlicher Schritte gegen diese Behauptung. Auch sonst gibt man sich als Krisenmanager. Die Unterzeichnerinnen des offenen Briefes wurden zu Gesprächen eingeladen.

Für die „Neofolk Night“ am 31. Januar ab 19 Uhr hat sich jedoch bereits Protest angekündigt.

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Es gibt 3 Kommentare

Nein, “gerd stefan” wir sind nicht “wieder” bei “entarteter Kunst”. Aber es ist Kokolores, dem Felsenkellerbetreiber die Beförderung von Rechtsradikalismus anzuhängen.

Der sich selbst als “links” definierte Stadtteil möchte also in seinem Revier nur Kunst zulassen, die er selbst als links definiert und die im gut tut. Das möchte ich für mich auch, leider bin ich nicht allein.D.h. im Umkehrschluss Kunstfreiheit nur bis zur Grenze des selbst definierten Seins. Die DDR nannte das einst sozialistischer Realismus, die Nazis branntmarkten anderes als entartete Kunst. Er ist wieder da oder besser, wir sind wieder da. Ach noch was. Wer gehört eigentlich zu lokalen Zivilgesellschaft, doch nicht etwa die mit dem entsprechenden Nachweis, meine Grosseltern hatten es einst schwer diesen zu erbringen.

Das merken Sie selber, lieber Autor, daß “rechtsextremer Wohlfühlort” das von Ihnen dargelegte Szenarium nicht trifft. Die von Ihnen aufgelisteten Formationen sind bestimmt abstoßend. Jedoch eingeladen hat Jörg Folta diese bestimmt nicht. Wirklich abseitig ist Ihr Anwurf, er hätte einen Rechtsradikalen beschäftigt. Dafür sollten Sie ihm eher danken. Jedenfalls ist der Felsenkeller kein Hort des Rechtsradikalismus, können Sie sicher sein.

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