Zahl der Sachsen, die zu Psychopharmaka greifen, ist seit 2008 kräftig angestiegen

"196.000 Sachsen dopen sich für den Job", meldete die Gesundheitskasse DAK am Dienstag, 21. April. Das war ein Teilergebnis des vorgelegten Gesundheitsreports. Das Thema ist in den vergangenen Jahren verstärkt in das Blickfeld der Kasse gerückt. Immerhin wird hier ein Stück weit sichtbar, wie der Druck der schönen, neuen Arbeitswelt auf die Beschäftigten wirkt.

Bei Dopen denkt man hier an die diversen körperlichen Fitmacher im Leistungssport. In gewisser Weise ist auch die moderne Arbeitswelt ein Leistungssport. Nur geht es hier mehr um die Psyche und um verschreibungspflichtige Medikamente, die am Arbeitsplatz leistungsfähiger machen oder Stress abbauen.

Die Studie der DAK zeigt auch die Entwicklung der Fehlzeiten bei den psychischen Erkrankungen. Sie nahmen im vergangenen Jahr um 22 Prozent zu. Seelenleiden waren damit die zweithäufigste Ursache für Fehltage in Sachsen. Insgesamt fiel der Krankenstand leicht auf 4,3 Prozent. Er lag damit dennoch über dem Bundesdurchschnitt von 3,9 Prozent.

Psychische Erkrankungen sorgen mit 15 Prozent der Ausfalltage mittlerweile für den zweithöchsten Ausfall bei allen Erkrankungen, übertroffen nur noch von Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Es ist nicht die erste Studie der DAK, die zeigt, wie sehr die moderne Arbeitswelt vor allem die Psyche der Beschäftigten beeinträchtigt.

Für die repräsentative Studie wertete das IGES Institut die Fehlzeiten aller erwerbstätigen DAK-Mitglieder in Sachsen aus. Es wurden zudem Arzneimitteldaten der Kasse analysiert und bundesweit mehr als 5.000 Beschäftigte im Alter von 20 bis 50 Jahren befragt.

Demnach haben sich 5,4 Prozent der Berufstätigen in Sachsen und den angrenzenden Bundesländern schon einmal gedopt – mit Dunkelziffer sogar bis zu 9,7 Prozent. Ein Wert, der übrigens fast 3 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt.  Der Osten „hängt“ also noch hinterher bei diesem Thema der Leistungssteigerung. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen in Sachsen sind das 196.000 Menschen, die schon einmal leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente geschluckt haben.

Der harte Kern ist etwas kleiner: Derzeit betreiben etwa 36.000 der Erwerbstätigen in Sachsen regelmäßig und gezielt Hirndoping. Rund 64.000 haben im vergangenen Jahr wenigstens einmal zu einem Stimulanzium gegriffen.

„Auch wenn Doping im Job noch kein Massenphänomen ist, sind diese Ergebnisse ein Alarmsignal“, warnt Steffi Steinicke, Landeschefin der DAK-Gesundheit in Sachsen. „Nebenwirkungen und die Suchtgefahr des Hirndopings sind nicht zu unterschätzen. Deshalb müssen wir auch beim Thema Gesundheit vorausschauen und über unsere Wertvorstellungen und Lebensstilfragen diskutieren.“

Die Zahlen klingen zwar beim ersten Hören groß: 68 Prozent der Sachsen kennen den vermeintlichen Nutzen des Hirndopings. Augenscheinlich gibt es genug Medien, die tagtäglich darüber berichten. Was eine eigenen Untersuchung wert wäre. Denn wieviel (Schleich-)Werbung ist eigentlich dabei, mit der die entsprechenden Pharmakonzerne sich schon einmal im Bewusstsein der potenziellen Kunden verankern? Denn so schafft man sich ja neue Absatzmärkte – auch für Arzneien, die eigentlich für professionelle ärztliche Behandlungen entwickelt wurden.

Häufig werden dafür Betablocker und Antidepressiva eingesetzt, aber auch Wachmacher und ADHS-Pillen – Medikamente also, die eigentlich zur Behandlung von Krankheiten verschrieben werden, betont die DAK.

In Sachsen stieg zum Beispiel die Zahl der DAK-Versicherten, die von ihrem Arzt eine Methylphenidat-Verordnung (Ritalin) erhalten haben, von 2011 bis 2013 um 141 Prozent an. Methylphenidat ist zur Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen zugelassen. Zehn Prozent der DAK-Versicherten bekamen dieses Medikament, ohne dass die Kasse in den Behandlungsdaten Hinweise auf ADHS finden konnte.

Beim Wachmacher Modafinil verdoppelten sich die Verordnungen im gleichen Zeitraum. 29 Prozent der Rezepte blieben jedoch ohne nachvollziehbare Diagnose.

„Die Ergebnisse unseres Reports zeigen, dass es eine deutliche Grauzone bei den Verordnungen gibt. Wir vermuten, dass aus dieser Grauzone ein Teil der zur Leistungssteigerung missbrauchten Medikamente stammt“, sagt Steinicke.

Auslöser für den Griff zur Pille sind – so ergibt es die Befragung – meist hoher Leistungsdruck sowie Stress und Überlastung. Männer greifen eher zu leistungssteigernden Mitteln, Frauen nehmen häufiger stimmungsaufhellende Medikamente ein. Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Führungskräfte oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollen. Der DAK-Report zeigt, dass vor allem Erwerbstätige mit einfachen Jobs gefährdet sind. Auch Beschäftigte mit einem unsicheren Arbeitsplatz haben ein erhöhtes Doping-Risiko.

„Hirndoping ist mittlerweile beim ‚Otto Normalverbraucher‘ angekommen, um den Arbeitsalltag besser zu meistern. Das Klischee der dopenden Top-Manager ist damit vom Tisch“, so Steinicke.

Die Befragung ergab aber auch, dass 83 Prozent der Sachsen solche Leistungsverbesserer ablehnen.

Aber der Druck im Job wächst ja in fast allen Branchen. Und besonders geneigt, zu einem Leistungsverstärker zu greifen, sind nach der DAK-Umfrage die 40- bis 50-Jährigen. Da aber nur alle Versicherten bis 50 Jahre abgefragt wurden, ist natürlich offen, ob ältere Arbeitnehmer nicht sogar noch stärker nach solchen Unterstützungsmittelchen greifen, um der steigenden Leistungserwartung zu genügen.

Ebenfalls nicht abgefragt wurden die Branchen, in denen die Betroffenen arbeiten. Sind es auch dieselben, die seit 2008 besonders stark prekäre Beschäftigungsverhältnisse ausgebaut haben? Denn diese sind ja augenscheinlich einer der Hauptgründe dafür, dass die Versicherten sich Stimulanzien verschreiben lassen. Die dann freilich nicht verhindern, dass die Betroffenen dem psychischen Druck nicht doch erliegen. Mit 234 Ausfalltagen je 100 Versicherte verzeichneten die psychischen Erkrankungen 2014 einen neuen Rekordstand.

PsychopharmakaPrekäre Beschäftigung
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