„Die Schäden sind irreparabel“: Kinderärztin Dr. med. Melanie Ahaus über die Krux mit der digitalen Welt

LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 73, ab Freitag, 29. November 2019 im HandelFür FreikäuferAchtung Eltern: Erst ab elf Jahren sollten Kinder ein eigenes Smartphone haben. So empfiehlt es Dr. med. Thomas Fischbach, der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. Wenn Kinder nicht lernten, sich selbst sinnvoll zu beschäftigen, könne das „katastrophale Folgen für das Kind haben“. Dr. med. Melanie Ahaus ist Pressesprecherin des Berufsverbandes in Sachsen und ihre Patienten kommen mittlerweile vor allem wegen diffuser Symptome wie Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen in ihre Praxis in der Riebeckstraße. Eine mögliche Folge von Schulstress, Freizeitstress und unkontrollierter Mediennutzung.
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Die Aussage des Mediziners schlug Wellen, aber sie war auch bitter notwendig. Ein Blick durch Straßenbahnen, Einkaufszentren, Schulen oder Elternhäuser reicht, um zu verstehen: Der Mann hat recht. Das Smartphone ist das zweite Ich geworden – für Erwachsene und Kinder. Doch während Erwachsene theoretisch ganz gut selbst auf sich aufpassen können, Inhalte, auch verbotene, einzuordnen wissen und wohl größtenteils ein Problembewusstsein für die Nachteile intensiver Nutzung haben, sind Kinder diesen hoffnungslos ausgeliefert.

Besser gesagt: Sie werden dem hoffnungslos ausgeliefert. Von Eltern, die das Smartphone als Babysitter missbrauchen und nach dem Motto verfahren: „Hauptsache ruhig!“ Ein Problembewusstsein dafür scheint derzeit nicht flächendeckend zu existieren, dabei sind die Folgeschäden enorm. Kinder bis drei Jahre werden in ihrer geistigen Entwicklung durch die Nutzung von Smartphones und Tablets extrem behindert. Das Endgerät wegzunehmen sorgt auch für Streit mit älteren Kindern, Alternativen für die Freizeitbeschäftigung bleiben auf der Strecke.

Ein Teufelskreis, der am Ende dazu führt, dass das Smartphone doch wieder Beruhigungsdroge wird. Schüler in den weiterführenden Schulen geraten auch deswegen in tägliche Konflikte. Hausaufgaben oder Smartphone? Die Sucht und der Druck sind groß, wenn zu den Spielen auch die permanente Verfügbarkeit für Freunde hinzukommt und Strategien zur Bekämpfung nicht erlernt wurden. Und dazu klagt die Weltgesundheitsorganisation über den Bewegungsmangel auf der Welt und die Digitallobby drängt mit Macht in die Klassenzimmer – mit Tablets.

Frau Ahaus, „Eltern bringen ihren Kindern nicht mehr bei zu spielen oder sich sinnvoll zu beschäftigen, sondern parken den Nachwuchs vor den Geräten. Teilweise am Essenstisch! Ein furchtbarer Trend mit katastrophalen Folgen für die kindliche Entwicklung“, sagte Ihr Kollege Dr. med. Thomas Fischbach Ende Oktober und fordert ein Smartphone erst für elf Jahre alte Kinder. Welche katastrophalen Folgen hat die Smartphone-Nutzung davor?

Die Smartphone-und Tablet-Nutzung ist ein zunehmender Trend und die Entwicklung ist natürlich zweischneidig. Einerseits sind sie aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken, wir als Eltern sind auch da Vorbilder, denn die Kinder sehen uns Eltern mit diesen herumhantieren und machen es nach. Andererseits sind Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen bei intensiver Nutzung die Folge. In unserer Praxis habe ich in den letzten Jahren verfolgt, dass die Kinder, die Smartphones und Tablets nutzen, immer jünger werden.

Eltern lassen Kinder im Wartezimmer aus Angst vor Infektionen nicht mehr spielen sondern lassen sie Handy oder Tablet nutzen. Dazu muss man wissen, dass sich im Kleinkinder-Alter das Gehirn explosionsartig entwickelt, die Synapsen sich verschalten. Wenn das Kind dann nur fokussiert auf den Bildschirm starrt, gibt es Folgeschäden, weil es die Umgebung nicht mehr wahrnimmt und sich nicht bewegt.

Aber genau das ist wichtig für die kognitive Entwicklung. Eine Studie aus den USA hat dazu ans Licht gebracht, dass diese Synapsenverschaltung hauptsächlich in den ersten drei Lebensjahren stattfindet.

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Synapsenverschaltung?

Das Kind kommt mit einem quasi „blanken“ Gehirn auf die Welt, durch Einflüsse von außen findet die Synapsenverschaltung statt. Am Anfang ist das Gehirn quasi ein weißes Blatt. In den ersten drei Jahren gibt es zahlreiche „Verschaltungen“. Eine Studie aus den USA hat hervorgebracht, dass bei Kindern mit hohem Bildschirmgebrauch deutlich weniger Synapsenverschaltung stattfindet.

Können Kinder dieses Defizit noch aufholen?

Nein, die Schäden sind irreparabel. Das kann man nicht mehr gutmachen. Bei Kindern aus reizarmen Umgebungen, wo zu Hause nicht viel passiert, nicht vorgelesen, gesprochen oder interagiert wird, ist die Entwicklung schlechter.

Wieso fordert Dr. Fischbach dann erst eine Nutzung ab 11 Jahren und nicht ab 3 oder sechs Jahren, dem Ende der so wichtigen frühkindlichen Bildung?

Auch Kinder im Grundschulalter sind mit den Möglichkeiten der Geräte total überfordert. Kinder unter 12, so sagt man, sind nicht in der Lage die Gefahren des Straßenverkehrs einzuschätzen, und das Internet bietet noch viel viel mehr Gefahren und Möglichkeiten. Ich will aber die Nutzung von Tablets und Smartphones keineswegs nur verteufeln. Man sollte ruhig mal ein Smartphone nutzen, aber man darf das Kind damit nicht alleine lassen. Man darf es nicht als Babysitter oder Tröster missbrauchen.

Manche Eltern setzen ihr Kind mittlerweile zwei Stunden vor das Gerät, gehen aus und sparen so die 50 Euro für den Babysitter. Der Abend ist scheinbar gerettet. Es gibt viele Filme und Spiele für Kinder oder Lernapps mit denen man sich die Nutzung schönreden kann und die Eltern meinen es vielleicht auch gut, aber es ist nicht real. Das Kind lernt im Grundschulalter durch Greifen das Begreifen. Es muss Dinge anfassen, schmecken, riechen, tasten und so weiter.

Wenn Eltern zusammen mit den Kindern auf dem Tablet spielen, könne das sogar förderlich sein, meint Susanne Eggert. Weil es eben sehr schön ist für die Kinder, wenn sie diese Nähe erfahren, diese Gemeinsamkeit mit Vater oder Mutter zusammen etwas zu machen – zu merken: Dem Papa oder der Mama gefällt es auch.“ Wie stehen Sie dazu?

Genauso schön ist es aber auch, ein Buch vorzulesen. Noch mal: Ich will es ja nicht verteufeln. Es setzen sich auch viele Väter für zwei Stunden mit ihren Jungs vor die Playstation, um mal Spaß zu haben. Schöner wäre es aber, dass man nach draußen geht oder ein Buch nimmt. Auch das kann das Kind in die Hand nehmen. Ein iPad kann man genauso nehmen, aber das Flackerlicht des Bildschirms ist natürlich auch nicht gesund.

Videospiele stellen zudem eine Reizüberflutung dar. Das geht vielleicht ab 14 Jahren, aber nicht im Vorschul-, oder Grundschulalter. Gerade wo wir alle unter Bewegungsmangel leiden wäre es besser, gemeinsam z. B. mal raus in den Wald zu gehen. Diese ganz banalen Dinge, wie Bewegung an der frischen Luft und den Spaß daran zu erleben, sind so wichtig.

Sie sprachen Wahrnehmungsstörungen an. Wie sehen diese aus?

Aus den angesprochenen Untersuchungen hören wir, dass das Kind nicht zuhört und ins Leere schaut, dass alles dreimal wiederholt werden muss, bis das Kind reagiert. Dazu kommt dieses Umtriebige, dass Kinder nicht bei einer Sache bleiben können oder nicht malen wollen, weil es am iPad viel bequemer ist. Man könnte ja sagen, diese feinmotorischen Bewegungen brauchen wir zukünftig vielleicht nicht mehr, aber das schadet ja auch nicht, es zu können.

Dazu kommen noch Kopfschmerzen. Ich sehe in der Praxis immer weniger Kinder mit schweren körperlichen Erkrankungen wie Lungenentzündung. Es kommen jetzt Kinder mit Kopfschmerzen, Bauchschmerzen. WhatsApp-Gruppen mit Freunden und Klassenkameraden sorgen für Stress ohne Pause.

Dazu muss man wissen, dass Kinder die Wichtigkeit von Nachrichten nicht filtern können. Es ist alles gleich wichtig für die Kinder. Damit umzugehen lernen die Kindern nicht durch Mediennutzung, sondern im wahren Leben.

Was würden Sie stattdessen empfehlen, um Kinder gar nicht erst in die Lage kommen zu lassen, dass Sie Interesse an einem Smartphone haben?

Wenn man einmal angefangen hat ist es immer ganz schwer, den Schritt wieder zurückzugehen. Wenn ich meinem Kind jeden Morgen vor dem Kindergarten erlaubt habe, eine Stunde Fernsehen zu sehen und dann geht es im Schulalter vor der ersten Stunde aus Zeitgründen nicht mehr, dann ist der Streit vorprogrammiert und daher ist es besser, gar nicht erst damit anzufangen. Halten Sie Ihre Kinder davon ab solange es noch geht und stellen Sie klare Regeln dazu auf.

Ein 14-Jähriger gewöhnt sich nur schwer an neue Regeln. Wichtig: Das Kind darf man mit Smartphone und Tablet nicht alleine lassen. Nutzen Sie Sicherheitsapps und legen Sie Zeitlimits fest, um die Nutzung zu begrenzen.

Aber Moment: Am 28. November kommt „Die Eiskönigin 2“ ins Kino, ein Film, der seine Zielgruppe bei Kindern zwischen vier und zehn Jahren hat. Aus medizinischer Sicht müssten Sie von einem Besuch abraten.

Es ist natürlich ein schöner Film für die Kinder. Ein Kino-Besuch kann ein Event für die ganze Familie sein, etwas Besonderes. Danach sollte man aber nicht drei Stunden Playstation spielen und die nächsten drei Tage am besten medienfreie Zeit sein.

Die Smartphone-Nutzung ist nur ein Teil der Probleme, die Kinder- und Jugendärzte mit Kindern haben. Welche medizinischen Probleme plagen Leipziger Kinder gerade noch?

Die meisten sind im Grunde diffuse Probleme wie Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Leistungsprobleme. Man spricht zurzeit ja auch vom Burnout bei Kindern: der lange Schultag, vielleicht danach noch zu irgendwelchen Therapien, dann noch verschiedene Hobbys und die permanente Verfügbarkeit für die Freunde am Handy. Das ist einfach zuviel für die Kinder. Viele sind psychovegetativ erschöpft.

Eltern sollten sich überlegen, heute mal gar nichts zu machen anstatt zu viel in den Tag zu packen. Gleichzeitig gibt es die Kehrseite: Kinder sind sich den ganzen Nachmittag alleine überlassen, weil die Eltern arbeiten müssen. Der Bewegungsmangel gehört natürlich auch dazu. Alles wird mit dem Auto gemacht: Schule, Einkaufen, Hobbys und zu Hause erstmal aufs Sofa, um Nintendo zu spielen.

Welche Abhilfe können Eltern bei dem Druck der ständigen Verfügbarkeit leisten?

Das ist schwer, weil sich Freizeit und Schule am Telefon überschneiden können. „Ich brauche aber die WhatsApp-Hausaufgaben-Gruppe in der Klasse“. Es braucht klare Regeln, deren Einhaltung überprüft wird. Da sind die Eltern echt gefordert. Man muss sein Kind vor den Folgen schützen, auch wenn man natürlich will, dass Kinder mit ihren Freunden kommunizieren. Eine Regel könnte sein: Nicht mehr nach 20 oder 21 Uhr das Handy nutzen.

Eine zweite: Nach der Schule musst du dich auch nicht gleich zwei Stunden an die WhatsApp-Gruppe setzen. Besser ist es natürlich, das Kind hat ein Hobby. Früher kam das Kind auf die Straße und nach drei Stunden wieder dreckig, müde, hungrig zurück. Heute haben Eltern Angst davor, dass auf der Straße etwas passiert: es angefahren oder entführt wird und so ist es sicherer in seinem Zimmer aufgehoben.

Dabei hat sich die Verkehrssicherheit deutlich verbessert. Gefährlicher ist es geworden, seinem Kind die Selbständigkeit zu nehmen.

Eine Sache müssen wir noch ansprechen: Gibt es in Leipzig nicht zu wenige Kinderärzte? Warum ist das so und wie kann man es ändern?

Wir sind in den Großstädten in der luxuriösen Situation, dass wir offiziell überversorgt sind. Leipzig hat nach dem Schlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung genug Kinderärzte pro Kind. In unserer Notfall-Praxis gibt es auch viele Eltern, die sagen, sie finden keinen Kinderarzt. Wenn das so ist, kann man sich bei der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung seines Bundeslands melden.

Mit dem Termin-Vergabe-Service-Gesetz aus dem Sommer dieses Jahres melden Kinderärzte freie Termine und Eltern werden dann vermittelt. Jedes Kind, was neu auf die Welt kommt, findet auch einen wohnortnahen Kinderarzt. Gleichzeitig müssen Eltern schon einen triftigen Grund haben, um zu wechseln.

Dass es im Wartezimmer voll ist, hat auch andere Gründe. Es kommen viele Eltern zu uns, die eine Bescheinigung für den Arbeitgeber brauchen. Dahingehend braucht es z.B. ein Umdenken beim Arbeitgeber.

Leipziger Gehirnforschung: Wie funktioniert eigentlich die mentale Landkarte in unserem Kopf?

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