"Pieps", sagte Pieps jüngst. Irgendwann drei Tage nach dem Geballer. Die Hausmeister haben es wirklich geschafft, den ganzen Explosionsmüll von den Bürgersteigen zu kratzen. Die Stadt sieht wieder so sauber aus, als hätten sich die Menschen gar keine neuen Kalender gekauft. Und einige schleppen doch tatsächlich mit geduckten Häuptern ihre nagelneuen Fichtenbäumchen zum Sperrmüllplatz.

Den Baum unter den Arm geklemmt. Und dann – husch – weg damit. Hat’s einer gesehen? – Klar. Unsereins. Pieps hat sich ihre Seifenschale ins Fenster gestellt und sonnt sich. Die finsteren Tage sind vorbei. Und drüben in der Sieben gab’s Nachwuchs. Eine schöne, goldgelbe Zeitgenossin mit gelben Augen. Bisschen doof noch. Wie alle Katzen, wenn sie noch nicht aufgeklärt sind. Aber ein hübsches Biest. Pieps hat’s zuerst gesehen.

„Is doch nur ‘ne Katze.“

„Pieps!“

„Die Welt ist voller Katzen!“

„Pieps?“

„Ja, und Mäuse. Aber ich glaube nicht, dass Schröder mitspielt.“

„Pieps?“

„Weil Mäuse so klein sind. Da erschrickt sich Amalia immer.“

„Pieps!“

„Ich? – Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

Man muss ja nicht mit Mäusen diskutieren. Man kann auch ein bisschen Spazieren gehen. Ein bisschen an der Topfpalme schnuppern, nachschauen, ob hinter der Orchidee was versteckt liegt oder hinterm Nussknacker, den Schröder vor einer Weile aufs Fensterbrett gestellt hat.

„Pieps!!!“

„Bin ich gahanicht!“

„Pieps!“

„Nicht die Bohne!“

Auch hinter den Alpenveilchen hat sich nichts Fressbares versteckt. Und auch nicht hinter der Fetten Henne. Und die blöde Katze da drüben sitzt immer noch im Fenster und leckt sich die Pfoten.

„Pieps!“

„Das glaubst doch nur du. Sie interessiert mich einfach nicht.“Im Schlafzimmerfenster stehen die Hustensaftflaschen von Schröder. Drei leere, eine halb voll. Vom letzten Jahr noch, als es so bannig kalt war. Daneben eine Packung Pfefferminzdragees, ein Flaschenöffner und ein dicker Wollschal. Den er mir mal in einer Stunde menschlicher Regungen hingelegt hat, weil er dachte, ich friere, wenn ich stundenlang aus dem Fenster gucke. Was ich ja nicht tue. Ich kenne das da draußen ja alles, das ramponierte Versicherungsbüro (Sie wissen ja, der China-Böller zu Dingsbums …), die schiefen Antennen, die komische goldgelbe Katze, die jetzt ihr goldgelbes Köpfchen einspeichelt. So sind Mädchen nunmal. Immer auf ein glänzendes Fell bedacht. Immer auf irgendwelche Spanner bedacht, die dann vielleicht mit einer goldenen Kutsche vorfahren: He, Mieze …

„Pieps.“

„Vergiss es. Ich mag kein junges Gemüse.“

„Pieps?“

Darauf antworte ich nicht. Warum auch? Bin ich ein Mäuserich? Der gleich gehoppelt kommt, wenn Mausi ruft? – Sie dreht sich herum, putzt jetzt ihren Rücken, schön elastisch, wie die Biester nun mal sind, wenn es darum geht, irgendwelche Aufmerksamkeit zu erregen.

Und wenn ich nicht genau sehen würde, dass jetzt schon drei zerzauste Kater unten auf dem Bürgersteig hocken und wie gebannt zu ihr hochglotzen, dann würde ich ja vermuten, dass sie vielleicht in ihrer kleinen tückischen Art einen grünen Kater im dritten Geschoss gegenüber meinen könnte, der gerade seinen häuslichen Pflichten nachkommt und auf jedem Fensterbrett nach etwas Fressbarem sucht.

Aber.

Aber da liegt nichts.

Und wenn ihr etwas anderes gedacht habt, habt ihr ein völlig falsches Bild von Meinereinem.

Meint: Der Kater.

Wer sonst noch irgendwas über Katzen lernen will, kann ja hier nachschauen: https://www.youtube.com/user/simonscat

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