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Schwarwels Fenster zur Welt: Streik und Einheit!

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    Post, Bahn und in der Kita. Langsam wird’s eng oder? Und der deutsche Michel tobt, Grund genug glaubt er zu haben: Kinder am Hals, auch noch Busfahren und bald kommt nicht einmal mehr der nächste Mahnbescheid vom Mobilfunkanbieter. Skandal! Da bittet er doch lieber höflich darum, obs ein paar Euro mehr für den 80-Stunden-Job sein dürfen. Und vergisst die viel gepriesene Work-Life-Balance. Dann geht’s lieber wieder zurück ins Bergwerk zum fröhlichen Marmeladeschaufeln liebe Sklaven, bevor er in die Nähe eines funktionierenden Denkvorgangs gerät. Das Zauberwort heißt „Tarifeinheitsgesetz“.

    Schon das Wort ist Balsam auf die geschundene Seele des Teutonen. Wenn der Deutsche etwas mag, dann ist es Einheit. Deutsche Einheit, (R)EINHEITsgebot, alles schön gerichtet und in säuberlichster Ordnung, stramm geradeaus in Reih und Glied ins nächste Wirtschaftswunder hinein. Er verhalte sich stets anständig, auf dass er nicht unangenehm auffalle in der Gruppe. Das mag er nicht, der Marschbereite – da könnte doch jeder Querulant die Ordnung stören und gar die nächste Hügelerstürmung gefährden!

    Dann rutscht ja hier und da auch kein Krümel mehr vom Kuchen auf den hart umkämpften Küchenboden. Das kennt man bis heute noch so: Der wissende Adel gab sich ab und zu gnädig, es fiel ein Brot von der Burgmauer, wenn der Pöbel die Forke nur zum Mistumschichten im Schweinestall benutzte. Und die Fresse hielt.

    Das war schon früher falsch, aber heute legen schon die Sozialdemokraten die Gewerkschaften an die Kette und die großen unter ihnen klatschen, längst berauscht von der Dominanz zukünftiger Schreibtische und Eingangshallen Beifall. Es läuft bestens, auch in ihrem Interesse: Große EINHEITsgewerkschaften, gern, da geht’s vom Chefposten mal flott rüber in den Firmenvorstand. SPARTENgewerkschaften erinnern doch sehr an den durchgedrehten Preisboxer im alten Rom. Von der Arena an die Spitze? Das mögen wir hier nicht, der Blick geht eher mit Begeisterung zur Nagelschere auf englischem Rasen.

    Also heißt die derzeitige Devise: Streik ja. Wirksamer Streik – nein! Das kratzt am Image der bekannten Arbeitskämpfer (sic!), die in den letzten 10 Jahren nur schwache Abschlüsse auf die Füße brachten. Man suchte die EINHEIT mit dem Arbeitgeber (der ja bekanntlich eigentlich der Arbeitnehmer ist) und sprach von einer gemEINsamen Aufgabe für Deutschland.

    Würden Bahn, Post und der öffentliche Arbeitgeber selbst nicht längst den Champagner auf der Ende Mai oder Anfang Juni exekutierten Gesetzesablage kalt gestellt haben, man hätte sich wohl mit Erzieherinnen, Lokführern und Postboten schon geeinigt. Doch nun dräut besserer Abschluss am Horizont, denn der Bundestag eilt zu Hilfe und Nahles macht die Schildmaid im Ehebett.

    Nun müssen die lieben Herren im Vorstand nur das Papierchen abwarten, die erhöhten Prämien haben sie bei Post und Bahn schon für die guten Nerven bekommen (im Staatsdienst steht die Pflicht ja über dem Geld, da gibt’s nix, wenn man Lehrer veralbert und Kindergärtnerinnen beim Kinderstoßen alleine lässt).

    Und dann sind die lästigen GDL, Cockpit und Co. endlich weg. Die hohen Abschlüsse auch – ein Aufatmen geht durchs gebeutelte Germanien.

    Hilfe von DGB und Ver.di für die Randalierer?

    Fehlanzeige: Die kommen mit dem Grande Finale des Gesetzgebers der Macht wieder ein Stück näher. Und schließen dann wieder maßvolle Tarife ab. Wenn sie die kleinen Gewerkschaften wieder einkassieren und dann ab und zu mal zur Verhandlung mit den zukünftigen Aufsichtsratskollegen von der Konzernzentrale im Hinterzimmer antreten dürfen. Wenn sie noch dürfen, weil man sich dann wieder auf schriftlichem Wege auf Abschlüsse unterhalb der Inflation einigen wird.

    Das gibt den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren (sorry Falco). Und? Hat noch wer etwas zu verstreiken? Natürlich nicht. Wo kämen wir da hin, wenn´s am Küchenboden schöner wär, als auf dem Stühlchen am Tisch? Es heißt übrigens Einigkeit und Recht und Freiheit. Aber wer hat noch Zeit für Feinheiten, wenn der Zug nicht kommt, das Kind brüllt oder auf einmal der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht?

    So eine GemEINHEIT!

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