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Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen, Teil 2

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    „Ich dachte, gut, nistest du dich eben bei einem Künstler ein, das sind sensible Seelen, der wird deinen Besuch zu schätzen wissen. Aber das ist TYPISCH – ich musste ja ausgerechnet an SIE geraten! Selbst Ihr Musikgeschmack ist BILLIG! Sarah Lesch?! Wirklich? Und zuvor Slime? Und davor Sandow? Beim Hummeldrummel, womit habe ich das nur verdient?“ Schön, dachte ich, dein Kurzzeitgedächtnis funktioniert noch irgendwie.

    Denn was die Musik betraf, die ich heute gehört hatte, traf das grau-blaue Wesen voll ins Schwarze. Welcher berühmte Drogensüchtige hatte noch mal gesagt, dass er sich niemals so bereichernd unterhalten hätte, wie mit seinen Halluzinationen? Nostradamus? Nein, der war es nicht. Vielleicht Jonathan Swift? Nein, Thomas de Quincy!

    Tja, war das jetzt ein ernstzunehmender Livehack gewesen oder hatte der Mann sich damit einfach wichtig machen wollen? Sollte ich demnach meine Taktik ändern und auf das Gemecker des Wesens eingehen?

    „In ein paar Minuten wird Ihr Ministerpräsident übrigens einer Ausgangsbeschränkung zustimmen. Wegen der Seuche, an der Sie – so viel wie Sie rauchen – demnächst sterben werden. Übrigens, finde ich das Aroma Ihres Tabaks unerträglich. Und, BITTE, wer hier hat solch lange dunkle Haare?!“, sagte das Wesen und hielt mir zwei lange, leicht gelockte Frauenhaare entgegen.

    „Sie selbst sind Straßenköterblond! Leben Sie etwa temporär mit einem anderen Menschen zusammen? Tauschen Sie mit diesem Menschen Körperflüssigkeiten aus? Haben Sie daneben weitere Sexualkontakte, von denen ich wissen müsste, jetzt, da wir gezwungen sind, hier zusammenzuleben? Der Biomülleimer in Ihrer Küche enthält neben Kaffeefiltern keinerlei Nahrungsmittelreste. Das habe ich letzte Nacht bei einem Kontrollgang überprüft. Ernähren Sie sich etwa ungesund? Und das, obwohl Sie mindestens Starkraucher sind?“

    Und „Dieser ungehemmte Raubbau an Ihrer Gesundheit deutet auf unaufgearbeitete Kindheitsmikrotraumata hin. Ich gehe davon aus, dass Sie diese schleunigst aufarbeiten werden. Man will schließlich die Quarantäne vor der Apokalypse nicht mit einem Psychopathen verbringen! Zudem scheinen Sie im Internet unglaublich viel Zeit damit zu vertrödeln, mit für Ihre weitere Karriere nutzlosen Menschen Nachrichten auszutauschen. Wobei die Auswahl Ihrer dabei verwendeten Emojis bemerkenswert dürftig ist!“

    Dieses Wesen schien absolut keine Luft holen zu müssen beim Reden. Seine Predigt war ein einziger ununterbrochener Wortschwall.

    „Ach, Sie haben by the way gerade Pushnachrichten bekommen. Die Bundesländer haben die Ausgangsbeschränkungen verfügt. Und die Kanzlerin ist in Quarantäne. Doch das ist noch nicht öffentlich gemacht worden. Offenbar um Panikmache und eine weitere Explosion von Verschwörungstheorien zu vermeiden.“

    Youtube war von dem Trashpunksong zu einem Schlager weiter gesprungen. Sodass die Rede des Höckerzwergs mit den Popklängen von DJ Herzbeat untermalt worden war.

    Das jetzt, dachte ich, ist der Tiefpunkt deines Lebens. An meinem rechten Knöchel stand ein grau-blauer faltiger Wichtel mit Hörnchen und Rüssel, der mir erklärte, dass ich eine Psychotherapie bräuchte, mein Tabak mies sei, außerdem andeutete, dass die Kanzlerin demnächst sterben würde und darüber hinaus wissen wollte, mit wem ich Sex hatte?

    Aber den Soundtrack dazu lieferte DJ Herzbeat.

    Weiter konnte man nicht mehr sinken. Ich fand, es sei Zeit, Jonathan Swifts Livehack für Autoren mit schwankender Psyche einem Testlauf zu unterziehen und mit dem Wesen direkt zu kommunizieren.

    Ich starrte es also böse an. „Wer bist du und was gibt dir das Recht, dich nach meinen Sexualkontakten zu erkundigen?“

    „Ich bin hier derjenige, der Grund zur Beschwerde hat!“, antwortete das Wesen. „Ich hätte jetzt eigentlich unter dem Sofa von Julie Z. hocken und mich mit gepflegter Klassik belullen lassen können. Frau Z. zieht Biotomaten in Brandenburg! Aber Sie dürfen ja nicht einmal ein Gemüsemesser Ihr eigen nennen! Statt mich also an Frau Z.s Biotomaten zu laben, verschlug mich ein grausames Schicksal in eine staubige Ecke zwischen Ihrem Drucker und Ihrer nur oberflächlich getünchten Wand!“

    Das Wesen war nicht auf meine Frage eingegangen. Aber sah jetzt wütend zu mir herauf: „Jetzt drehen Sie sich gefälligst nicht noch eine Zigarette! Rauchen ist tödlich! Sie werden an dem Zeug sterben. Das heißt, wahrscheinlich sterben Sie ja zuvor sowieso an dem Virus.“

    Mein Handyscreen leuchtete auf. Jeder der fünf Messangerdienste, die darauf installiert waren, blinkte, piepe oder vibrierte entweder. Dazu kamen Pushmessages der acht Onlinezeitungen, die ich abonniert hatte. „Ich wiiiieeell Disch küssen!“, sang DJ Herzbeat auf Youtube aus meinem Laptop heraus.

    Ich war Punk. Ich schrieb Horrorromane. Ich war einiges an Trash gewöhnt. Aber Hang the Dj, könnte vom Disco-Song auch zur Handlungsanweisung mutieren, fand ich, und fragte mich, wie oft DJ Herzbeat darüber schon nachgedacht haben mochte und ob er demnächst bereit sei, Konsequenzen daraus zu ziehen, indem er die Branche wechselte.

    Ich warf den Laptop zu. Nicht ganz Hang the DJ, aber hilfreich. Denn DJ-Herzbeat verstummte.

    Die Pushmeldungen meines Handys betrafen ausnahmslos dasselbe Thema: bundesweite Ausgangssperre.

    „In drei Stunden werden Sie bei einem Ihrer üblichen karriereunförderlichen Social-Media-Kontakte ein Posting sehen, das Sie furchtbar deprimieren wird!“, verkündete meine offenbar prophetisch veranlagte Halluzination.

    Ich blickte an meinem linken Fuß herab. In mir formte sich eine Idee.

    „Sie verlangen zweifellos zu wissen, WAS Ihr Kontakt in, von nun an exakt zwei Stunden und neunundfünfzig Minuten, posten wird?“

    „Äh, ja…“, entgegnete ich.

    Das Wesen lächelte hämisch. „Ich zitiere das doch besonders gern für Sie: Hoffentlich gibt es nach Corona noch Punkbands. Nicht, dass die jetzt ganz viel üben und hinterher alle Jazz spielen.“

    Gut, dachte ich, bleib einfach rational. Entweder war das ein Albtraum. Oder eben doch ein schizophrener Schub. Beides akzeptabel. Beides beruhigender als die Vorstellung, dass dies jetzt hier real sein dürfte. Aber was hier real und was Halluzination war, ließ sich ganz einfach testen. Sollte ich dieses Wesen zertreten und es erhob sich wieder aus dem grau-blau blutigen Matsch, den mein Tritt hinterlassen hatte, dann war es eine Halluzination.

    Sollte es Brei bleiben, hatte ich womöglich gegen Dutzende nationale und internationale Fabelwesenschutzgesetze verstoßen. Aber das Risiko nahm ich in Kauf.

    Das Wesen stand immer noch neben meinem Fuß, den ich weiterhin noch nicht erhoben hatte, um es zu zertreten.

    „Übrigens sollte ich mich Ihnen wohl vorstellen. Mein Name lautet Balthasar Sebastian Mööp. Und es tut mir wahrlich nicht leid, Ihnen mitzuteilen, dass es mir so gar keine Freude ist, Sie kennenlernen zu müssen!“

    Eine neue Meldung ploppte auf meinem Handyscreen auf. Eine meiner Kolleginnen würde in zehn Minuten eine Livestreamlesung beginnen. Titel: „Zombies, Häschen, Medien und Idioten“. Na das passte doch zur Weltlage, dachte ich und erhob endlich meinen linken Fuß.

    Balthasar Sebastian Mööp drehte sich irre schnell um, beugte sich etwas vornüber und streckte mir sein Hinterteil entgegen. War das eine Unterwerfungsgeste? Oder ging er in Kampfstellung? Konnten Halluzinationen in Kampfstellung gehen, fragte ich mich verblüfft.

    „Wasserleiche!“, rief Mööp.

    Wie, Wasserleiche? Was sollte DAS denn?

    Meine Fußsohle schwebte über Sebastian Balthasar Mööps Kopf. Bereit, jederzeit niederzufahren, um ihn zu zerquetschen.

    „Wenn Sie Ihren Fuß niederfahren lassen, werde ich einen Stoff absondern, der schlimmer stinkt als eine frisch geöffnete Wasserleiche!“, drohte Mööp.

    Sehr vorsichtig setzte ich meinen Fuß neben Sebastian Balthasar Mööp wieder auf den Boden ab.

    Ich hatte Wasserleichen gerochen. Sogar frisch geöffnete.

    „Der Drucker! Mein Nest! Ganz machen! Sofort!“, piepste Mööp und wies in die Ecke neben dem Schreibtisch.

    Ich rückte den Drucker wieder zurück. Sebastian Balthasar Mööp verschwand dahinter und zerknüllte Skriptseiten.

    Ich glaubte es etwas murmeln zu hören. So etwas wie: „Und morgen mach ich ihn mit Verschwörungstheorien fertig!“

    Doch das könnte auch eine Täuschung gewesen sein.

    Ich versuchte, mich erneut auf Igor mit dem schlechten Mundgeruch zu konzentrieren, öffnete den Laptop und tippte weiter. Immer mal wieder glaubte ich Rascheln und Knistern wahrzunehmen. Doch immer dann stieg mir unwillkürlich auch der unerträgliche Geruch von frisch geöffneten Wasserleichen in die Nase.

    Fortsetzung folgt ….

    Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen, Teil 1

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