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Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen, Teil 1

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    Zeit: 22.03.2020: Nachmittags um halb drei. Ort: Homeoffice des Autors in Metropolennähe. „Ich hab kein Bier mehr!“, tippte ich in mein Handy. „Oh Mann, dieses Maß an Unprofessionalität bei der Apokalypsevorbereitung ist bedenklich!“, chattete Kollege M mich an. „Du hast gut reden! Du wohnst ungefähr vierhundert Meter vom Supermarkt entfernt und der führt sogar fränkisches Craftbier. Ich muss drei Kilometer Rad fahren um zum nächsten Supermarkt zu kommen!“, antwortete ich.

    „Dafür wohnst du auf dem Dorf und hast Landwirte in der nächsten Verwandtschaft. Das solltest du nicht unterschätzen, sobald während des Lockdowns die Nahrungsmittel knapp werden. Ich müsste mich dann ja hier in der Stadt an Plünderungen beteiligen und werde wahrscheinlich von der Bundeswehr erschossen, während ich versuche, Babynahrung für mein Kind aufzutreiben!“, antwortete Kollege M. Der zählte zu den Pessimisten. Aber war davon abgesehen völlig in Ordnung.

    „Dein Kind ist fast drei. Das ist über Babynahrung hinaus!“

    „War nur ein Beispielszenario! Na wirste schon überleben! Hast ja wohl noch Whisky, oder? Tschü!“, beendete Kollege M den Chat.

    Ja, ich hatte noch zwei Flaschen teuren Scotch. Aber wie meine sachsen-anhaltinische Oma gern gesagt hatte: „Aleene drinken macht Aljoholiger!“ Und Alkoholiker zu werden war kein Teil meiner mittelfristigen Lebensplanung. Trotzdem warf ich einen sehnsüchtigen Blick zu dem geerbten Schrankungetüm, in dem ich den harten Stoff aufbewahrte.

    Draußen schien die Frühjahrssonne und Vögel flogen durch den Garten. Sie waren so bunt und ekelhaft fröhlich.

    Meine Nachbarin führte ihr Kind aus. Beide waren bis zur Nasenspitze vermummt und trugen Handschuhe. Dabei waren draußen locker fünfzehn Grad. Viel Spaß, denke ich noch, und schwimmt nicht allzu weit raus in all eurem Schweiß.

    Dann hörte ich es.

    Ein Rascheln in der Ecke schräg hinter meinem Drucker.

    Hatte ich Mäuse?

    Hm, was war da zu tun? Fallen aufstellen? Oder war da ÜBERHAUPT etwas zu tun? Mein Kühlschrank war neu und dessen Tür dicht und aus Metall. An dessen Inhalt kam keine Maus heran.

    Wie lange dauert es eigentlich, bis so eine Maus verhungert, fragte ich mich. Und – wichtiger! – wie lange lag die danach verwesend in meiner Wohnung umher? Ich überdachte das. Hm, so viel, wie ich hier rauchte, da musste die Maus schon tief in die Verwesungsgestankbox greifen um gegen den Tabak anstinken zu können.

    Ich drehte mir eine neue Kippe und wandte mich wieder meinem Roman zu. Kannibalenhorror mit mittelgroßer Schlachteplatte, da sollte man sich schon konzentrieren. Dabei gilt es, dramaturgische Reihenfolgen beim Killen einzuhalten und die Atmosphäre hatte auch zu stimmen. Knifflig.

    Wieder – Rascheln. Irgendwie, zielstrebiger jetzt. Moment mal! Konnten Geräusche überhaupt zielstrebig sein?

    „Hau ab, Maus! Oder ich geh doch mal raus, fang die Katze vom lokalen Else-Kling-Klon weg und setze sie hier mal zwei Stunden in der Dachwohnung aus! Da werden wir sehen, wie fit du bist!“, drohte ich ihr.

    Mäuse sind nicht dafür bekannt, auf Menschen zu hören. Daher raschelte es schräg hinter meinem Drucker fröhlich weiter.

    Ich tippte einige Zeilen. Das Rascheln wurde lauter.

    Das nervte jetzt wirklich.

    „Maus!“, brummte ich. „Wir haben ein Problem! Das ist keine Art, deinen Einstand in unserer Seuchen-WG zu geben!“

    Ich schaute zum Drucker herüber. Und sah, wie eine der bedruckten Seiten meines vorletzten Romanskripts hinter dem Drucker verschwand.

    Gleich darauf: Knistern.

    Was zum Nepomuk….?

    Ich stand vom Stuhl auf – leise, leise. Trete zum Drucker und ziehe das Ding ruckartig aus seiner Ecke.

    „Ey! Das ist doch nicht wahr! Du machst gerade mein Nest kaputt! MEIN NEST!“

    WAS, dachte ich, wessen Nest?

    „Sag mal, bist du taub? MEIN NEST! KAPUTT! WEGEN DIR!“, rief das Wesen, das da zwischen zerknüllten Skriptseiten und Wollmäusen stand. Es war graublau, seine Haut war hässlich faltig. Außerdem hatte es einen Rüssel statt einer Nase und verfügte über einen schmalen eingefallenen Mund, der an den von Greisen ohne Zahnersatz erinnerte. Zwei merkwürdige blau-schwarz gescheckte Hauthörnchen ragten über seinen Augen aus dem Kopf. Es war ungefähr dreiundzwanzig Zentimeter groß.

    Okay, Alter, sagte ich zu mir selbst, irgendwann holen einen eben die Drogensünden einer reichlich verschwendeten Jugend ein. Das haste nun davon. Jetzt ging’s los – nächste Geschäftsadresse: Geschlossene.

    „DER DRUCKER, SIE PÖNKELPALLER!“, rief das Wesen mir zu.

    Pönkelpaller?! Ich fragte mich verblüfft, wie kreativ man in einer spätschizophrenen Episode eigentlich sein konnte? Pönkelpaller war nichts, was mir im Normalzustand eingefallen wäre.

    „Da draußen, durch IHRE VIEL ZU GROSSZÜGIG VERGLASTEN GIEBEL SCHEINT DIE SONNE HEREIN! Das ist schlecht für meine Haut!“, rief das Wesen.

    Hm, im Zweifel, immer den Mund halten, dachte ich, das riet einem jeder gute Strafverteidiger und das konnte auch in dieser Situation nur hilfreich sein.

    Also ignorierte ich meinen Besucher und setzte mich wieder an meine Tastatur um an dem Horrorroman weiterzutippen. Inmitten eines plötzlichen Schizophrenieanfalls Horrorromane zu erfinden – das ging ja wohl deutlich schlechter. Das sollte man mal verknallt und im bunten Hippiefieber versuchen – viel Spaß dabei! Igor, der Kannibalenkiller mit dem schlechten Mundgeruch, musste auf dem ostfinnischen Golfplatz allmählich die rosig gesunde Alina in seine Falle locken.

    Ich hatte vier, fünf, sechs, sieben, acht Zeilen getippt und für gut befunden. Dann – dann tippelte das Wesen auf seinen unproportional großen zehenlosen Plattfüßen zu mir an den Schreibtisch. Es kniff mir in die Socke. „Mein Nest, Sie IGNORANT! Kaputt! Das setzten Sie wieder instand! Sofort! Ihr Serienkillerkitschroman kann ja wohl WARTEN!“

    Ich verfasste knallharte Krimis und Horrorstorys, vor denen abgefuchste Filmproduzenten nicht nur ihre Praktikantinnen warnten. Was, fragte ich mich, bedeutete es genau für den Zustand meiner geistigen Gesundheit, wenn ich den Eindruck hatte, dass mich ein Phantasiewesen auf Knöchelhöhe in die Socken kniff, ich das sogar WAHRNAHM und es dann auch noch meinen literarischen Marktwert heruntermachte?

    Der Wicht schaute zu mir auf. Dabei sah ich, dass er feinste seidige Haare auf seinem Kopf hatte …

    Das Mööp – Ein fantastischer Seuchenbericht in Fortsetzungen, Teil 2

     

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