Gartenlaube Südvorstadt. Unbebauter Blick auf die Leipziger Flusslandschaft. Ein Jahr geht wieder mal zu Ende. Die Laube, aus Ascheziegeln und Wellasbest massiv gebaut; da kann man auch eine Nacht aushalten. Ich fummele an der Steckdose, schon knallt es. Viel zu früh, es ist doch noch lange vor zwölf. Aber das war der uralte Sicherungskasten. Behelfe mir mit einem Euro-Stück, um den Stromkreislauf wiederherzustellen und die nörglerische, überempfindliche Sicherung zu überlisten.
Endlich wird der Heizkörper warm. Mit Strom. Ohne CO₂-Fußabdruck. Heidi widerspricht. Dies sei ein Ölradiator. Da wäre fossiler Brennstoff drin. Öl? Mir wird ganz schwummrig, wenn ich an die Nachrichten der vorangegangenen Tage, ach, die der letzten Jahrzehnte denke. Öl zu besitzen, ist gefährlich, weckt heftigste Begehrlichkeiten.
„Lass uns nicht darüber nachdenken“, antwortet Michel, Heidis Gatte, „wir wollen weitermachen.“
Feuchtfröhlich verstreicht dann auch die Zeit. Nach der zweiten Flasche Allasch entdecke ich ein riesiges, im Elsterflutbett schwimmendes, dunkles Monstrum. Sieht aus wie ein Flugzeugträger. Es ist kurz vor zwölf. Bin zutiefst beunruhigt. Der Ölradiator bullert unbeeindruckt vor sich hin.
„Die Party geht weiter!“, bestimmt Heidi.
Da! Schüsse. Es knallt jetzt ganz in der Nähe, die Schläge lassen einen erzittern. Bald geht’s richtig los! Ich empöre mich lauthals, ohne viele Worte zu verlieren, verschütte Allasch auf der altersfleckigen Auslegware der Gartenlaube. Michel zeigt mir einen Vogel und schenkt mir wieder ein: „Hör auf mit deinem Quatsch, du verdirbst uns den Abend!“
Die Kracher werden immer lauter, dann meldet sich das Mobiltelefon. Eine Kurznachricht aus Brüssel. Man verurteile diese Einschüchterung und werde alles erdenklich Mögliche für die Verteidigung der Gartenanlage tun. Lese was von sofortigem Muffin-Verbot, Sanktion von Fracking-Gas und Umstellung auf heimische Braunkohle. Nach der dritten Flasche Allasch wanke ich vor die Tür, die eiskalte Luft lässt mich klar sehen.
Um den Flugzeugträger herum steigen Raketen auf. Es ist bereits nach zwölf. Wieder eine Kurznachricht, diesmal aus Berlin. Ich erhalte Waffenlieferungen. Es gelte, gemeinsame Werte zu verteidigen. Nun, wieviel wert ist denn diese modrige Laube wohl noch? Die Asbestsanierung käme mir obendrein teuer zu stehen. Doch ehe sich diese Gedanken in das große Ganze einordnen lassen, erscheint plötzlich mein alter Schulkamerad Friedrich.
„Na, du alte Haubitze!“
Da lacht er und bringt die angekündigte Munition: einen Kasten Gose und vier neue eisgekühlte Flaschen Allasch …
Irgendwie muss ich dann weggetreten sein, wohl nach mehreren weiteren Gose-Bieren und mindestens einer vierten Flasche des Kümmelgetränks.
Ein Arzt im grünen Chirurgenhabit beugt sich über mich und näht mir einen Finger an. „Ich habe doch gar keinen verloren!“, deklamiere ich. Der Mann neben mir mit blutender Hand, protestierend, wird auf die Suchtstation gefahren.
„Wie kann sowas passieren?“, frage ich den Arzt.
„Alle Sicherungen sind durchgeknallt.“
„Aber ich habe doch wie immer aus dem Glas getrunken! Na gut, in der Gartenlaube waren nur große Cognacschwenker verfügbar, nicht die kleinen Gläschen für den Likör.“
Darauf der Arzt: „Sie messen mit zweierlei Maß, und das geht schief.“
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