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„Herein, wenn es kein Schneider ist“ – Schlegel wehrt sich gegen Jürgen Schneiders Verharmlosungen

Zum LVZ-Interview mit Jürgen Schneider: Rückblickend erinnert sich Stadtrat Siegfried Schlegel: Die Redewendung "Herein, wenn es kein Schneider ist" bekam im April 1994 in Leipzig über Nacht einen völlig anderen Sinn. Nachdem sich Jürgen Schneider in die USA abgesetzt und am 15. April 1994 Insolvenz beantragt hatte, befasste sich auf Initiative der damaligen PDS-Fraktion der Stadtrat nur wenige Tage später in einer Aktuellen Stunde mit den Ursachen und Folgen des Immobilienskandals für Leipzig.

Damals gefiel sich die Stadtspitze darin, die Anzahl der Kräne als Beweis für den Aufschwung darzustellen und das politische Klima erlaubte es Leuten wie Schneider, derartig umtriebig zu agieren. Erst zu diesem Zeitpunkt war bekannt geworden, dass Jürgen Schneider mit seinem Firmengeflecht zwischen 11 und 20 Immobilien in Leipzig erworben hatte (die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt). Hinsichtlich der Zentrumsimmobilien gab es zahlreiche Mutmaßungen über Käufer und deren Absichten – hin zur italienischen Mafia oder Geldwäsche.

Im Lauf der Zeit wurde lediglich bekannt, dass ein Investor Jürgen Schneider einige wichtige historische Gebäude und Grundstücke zur Rekonstruktion und Neubebauung erworben hatte. Dabei war der Sanierungsaufwand höchst unterschiedlich und reichte von neuen Anstrichen bis zur vollständigen Entkernung bei Erhalt der Außenfassade und Wiederaufbau wie beim Zentralmessepalast oder dem Romanushaus. Dank üppiger Bankkredite, die Schneider durch Urkunden- und Planungsfälschungen sowie Betrug erworben hatte, besaß er scheinbar genügend Geld.

Täglich erreichen uns unzählige Meldungen aus Leipzig, Sachsen und darüber hinaus, die nicht immer gleich oder nie Eingang in den redaktionellen Alltag finden. Dennoch sind es oft genug Hinweise, welche wir den Lesern der „Leipziger Internet Zeitung“ in Form eines „Informationsmelders“ nicht vorenthalten möchten …

Schneider begann sogar Wohnungsneubau in der Meusdorfer Straße im Sanierungsgebiet Connewitz-Biedermannstraße und war als erster privater Investor in Leipzig bereit, einige Wohnungen mit Sozialbindung zu bauen. Erste auch öffentlich geäußerte Zweifel an der Gigantomanie kamen bei dem Projekt auf, unter dem Tröndlinring eine mehrgeschossige Tiefgarage quer zu unterirdischen Wasserläufen zu errichten. Proteste regten sich ebenfalls gegen den beabsichtigten Kauf preiswerter Wohnungen zwecks Abriss und Neubebauung in der großen Fleischergasse.

Während in der Folge die Banken die Leipziger „Schneiderobjekte“ als Verlustbringer für Steuerabschreibungen bis zum Weiterverkauf nutzen konnten, standen 1994 zahlreiche Bauunternehmen vor dem Ruin. Schneider wurde bestraft, und die Banken kamen mit einem „Ordnungsgong“ davon. Doch die existenziellen Probleme vieler kleiner und mittlerer Bauunternehmer lösten sich nicht von allein, wie man nach dem Interview vermuten könnte. Laut Schneider sei seinetwegen kein Handwerker Pleite gegangen, auch wenn es schlimm sei, dass sie Geld verloren hätten. Ein benachbarter Artikel widerlegt das.

Während damals OBM Dr. Lehmann-Grube zunächst schnellschussartig verkündete, die Handwerker hätten von der Stadt nichts zu erwarten, wurde durch Stadtverwaltung und Stadtratsgremien in den folgenden Tagen zusammen mit Handwerkskammer und IHK nach Wegen gesucht, den Baubetrieben zu helfen. Natürlich konnte die Stadt nicht einfach Geld an die Bauunternehmen rüberreichen. Innerhalb der folgenden Wochen erhielten aber Betroffene Unternehmen Bauaufträge auf dem Weg der Direktvergabe, um kurzfristig wieder Löhne und Material bezahlen und den Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten zu können, da viele von Ihnen wegen der zahlreichen und umfangreichen Schneideraufträge keine anderen angenommen hatten.

Leider blendet das Interview erneute Versuche von Finanzmanipulationen nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis aus. Doch gehören sie untrennbar zu seiner Biografie. Mehr als gedankenlos und makaber war die Idee des Stadt-Tourist-Service 1999, den vorzeitig aus der Haft entlassenen Jürgen Schneider als Stadtführer zu engagieren. So kann Schneider junge Unternehmer vielleicht darin beraten, wie man es nicht macht, kaum jedoch darin, wie man ehrlich und erfolgreich als Unternehmer tätig ist.
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Siegfried Schlegel
Sprecher für Stadtentwicklung


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