Als sich im Juni eine offizielle Delegation des Freistaats Sachsen, mit dem Chef der Staatskanzlei Oliver Schenk an der Spitze, auf eine Reise nach Uganda begab, befand sich unter den Teilnehmern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auch Prof. Christoph Lübbert, Leiter des Zentrums für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig (UKL).

Er pflegt bereits seit mehreren Jahrzehnten beruflich und privat enge Beziehungen zu Uganda. Als Experte unter anderem für das Problemfeld Antibiotika-Resistenzen waren seine Landeskenntnisse und sein Wissen auf dieser Reise gefragt.

Es sind eine Reihe schöner Zufälle, die das UKL, den Freistaat Sachsen und das ostafrikanische Uganda miteinander verbinden. Prof. Lübbert bereist das Land schon seit 30 Jahren und ist Autor eines anerkannten Reiseführers. Seine Mitarbeiterin im Bereich Infektions- und Tropenmedizin, Oberärztin und Privatdozentin Dr. Amrei von Braun, ist ebenfalls seit zehn Jahren und schon vor ihrer Tätigkeit am UKL mit Projekten in Uganda aktiv.

Und dann sucht der Freistaat Sachsen ein Partnerland unter den sogenannten Entwicklungs- und Schwellenländern, Uganda steht hier schon länger im Fokus der Landesregierung in Dresden. 

Erst seit 1986 hat das Land begonnen, nach Bürgerkriegsjahren eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Eine Demokratie nach mitteleuropäisch-westlichem Verständnis ist es noch nicht. „Die Zivilgesellschaft dort zu stärken, daran hat Sachsen großes Interesse“, sagt Prof. Lübbert.

Eines der Themen dieser geplanten Partnerschaft und damit der Reise sei die Medizin und darin enthalten das sogenannte Antibiotic Stewardship-Programm (ABS). „Hier wird Leipzig und das UKL eine führende Rolle spielen“, bestätigt Lübbert.

Unter „Antibiotic Stewardship“ (antibiotic = Antibiotikum; stewardship = Verantwortung) versteht man das nachhaltige Bemühen einer medizinischen Einrichtung oder eines Gesundheitssystems, eine Verordnungspraxis von Antiinfektiva, wie beispielsweise Antibiotika, in einem rationalen Maß sicherzustellen und zu verbessern. Unter Leitung von Oberärztin Dr. von Braun baut das UKL ein solches Programm am „Kiruddu National Referral Hospital“ in Ugandas Hauptstadt Kampala auf. 

Auf Grund seiner langjährigen Kenntnisse des Landes hat Prof. Christoph Lübbert nach eigener Aussage auch ein gutes Gespür, wie sich Uganda entwickelt. „Das Land hat sehr unter Corona gelitten“, meint er. So wären im gesamten Land die Schulen von März 2020 bis Ende 2021 komplett geschlossen gewesen. Die Reise nun im Juni sei auch bereits eigentlich für 2021 geplant gewesen – die Pandemie ließ es nicht zu.

Die fünf Tage vor Ort hätten, so Infektiologe Lübbert, der Delegation einen guten Eindruck vermittelt, wo das Land stünde. Die offiziellen Termine mit der Delegation führten nicht nur zum Gesundheitsminister, sondern sogar bis hinauf zum ugandischen Staatspräsidenten Yoweri Kaguta Museveni. 

„Wir haben das Interesse und den Grad der Nachhaltigkeit für unser ABS-Projekt durch diese Reise sicherlich stark verbessert, denn das Problem ist wie immer die Finanzierung“, erklärt Prof. Lübbert. „Und ich habe mich überzeugen können, dass das mit unserer Hilfe aufgebaute mikrobiologische Labor am ‘Kiruddu National Referral Hospital’ auch wirklich läuft.“

Im Rahmen einer Klinik-Partnerschaft zwischen dem Universitätsklinikum Leipzig und dem Infectious Diseases Institute der Makerere University in Kampala sowie dem Lehrkrankenhaus „Kiruddu National Referral Hospital“ wurde bereits über einen längeren Zeitraum gemeinsam ein Konzept zur unmittelbaren und nachhaltigen Verbesserung der Versorgung von Patient/-innen mit bakteriellen Infektionen entwickelt.

Über ein Projekt des Bund-Länder-Programms (BLP) wurde in diesem Krankenhaus in der ugandischen Hauptstadt nun zusätzlich ein modernes mikrobiologisches Labor aufgebaut. Als wichtiges Zeichen wertet Prof. Lübbert auch die Unterzeichnung einer offiziellen Absichtserklärung („Memorandum of Understanding“) über den längerfristigen Betrieb des neu errichteten Labors. 

„Wir machen Projektarbeit auf Augenhöhe“, erklärt der UKL-Experte. „Wir bauen ein Labor auf, wir schulen Leute, wir tauschen Wissen aus. Aber wir übertragen Leipzig nicht 1:1 auf Kampala, denn wir können auch von den Partnern in Uganda lernen. Mit Krankheiten wie tropischer Malaria beispielsweise kennen sich die ugandischen Kolleg:innen nun einfach mal besser aus als wir.“

Was den renommierten Arzt sehr freut, ist die Erkenntnis, dass die Menschen dort im Land zunehmend besser ausgebildet sind: „Viele von ihnen sagen, ‘ich will hier in Uganda bleiben und hier was bewegen’, das finde ich toll.“

Sichtlich zufrieden war nach dem Besuch auch Staatskanzleichef Oliver Schenk. In einer Email dankte die Staatskanzlei Prof. Lübbert und Oberärztin von Braun: „Durch Sie haben wir in Uganda eine Anker-Aktivität, die in beiden Ländern neben dem Sachinhalt für hervorragende Resonanz sorgt.“

Antibiotic Stewardship-Programm in Uganda / Besuch aus Kampala am UKL

Die Zahl antimikrobieller Resistenzen nimmt weltweit zu. Als eine Hauptursache gilt der zu hohe Verbrauch von Antibiotika. Diese Entwicklung aufzuhalten, gelingt nach Ansicht vieler Experten nur durch medizinische Zusammenarbeit über Landesgrenzen hinweg.

Mikrobiologische Diagnostik zur Identifizierung von Erregern und Resistenzen steht Patient:innen mit Infektionskrankheiten in Kampala aktuell nur sehr eingeschränkt zur Verfügung. Proben müssen aufwendig verschickt werden, sodass Resultate nur verzögert vorliegen. Unter der unzureichenden Diagnostik leidet dann auch die Versorgung der Mehrzahl der Patient/-innen mit Infektionen erheblich, da auf diese Weise keine gezielte Therapie möglich ist. 

Und die vielleicht gravierendste Folge: Durch Therapien mit sehr breit wirkenden Medikamenten werden zunehmend Antibiotikaresistenzen provoziert. 

„Es ist der Verdienst von Privatdozentin Dr. Amrei von Braun und ihres klinischen ABS-Projekts, dass nun bekannt ist, dass bis zu 80 Prozent aller Behandlungen mit Antibiotika in unserer Partnerklinik wegen Resistenzbildung gar nicht oder nicht mehr funktionieren“, erklärt Prof. Christoph Lübbert. „Diese Entwicklung zu kontrollieren oder aufzuhalten wollen wir nun gezielt weiterverfolgen.“

Einige Tage vor Lübberts Reise nach Ostafrika besuchte eine Gruppe ärztlicher Kolleg/-innen aus dem „Kiruddu National Referral Hospital“ das UKL. Während ihres einwöchigen Aufenthaltes nahmen sie an einem Workshop zum Thema ABS teil, der vom Team des Klinikbereichs Infektiologie und Tropenmedizin organisiert worden war. Dort diskutierten sie Fragen der Resistenzentwicklung und Maßnahmen dagegen.

Im Mittelpunkt stand die Entwicklung eines Konzeptes zur Einführung von ABS-Visiten am Hospital in Kampala, welche zukünftig eng von der UKL-Infektiologie aus betreut werden. Einen Eindruck, wie die verschiedenen Bereiche am UKL arbeiten, die sich mit ABS auseinandersetzen, erhielten die Besucher:innen aus Uganda während eines Rundgangs auf der Internistischen Intensivstation, in der Mikrobiologie, der Virologie sowie der Klinikumsapotheke.

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