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Eisige Winter setzen dem Leipziger Eisvogel heftig zu

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    Mit Eis hat es der Eisvogel nicht wirklich so. Im Gegenteil: Eisige Winter setzen ihm zu, dann bricht auch eine Eisvogelpopulation zusammen, halbiert sich regelrecht, so wie 2017 in Leipzig. Der Januar war knackekalt, die warme Witterung setzte erst spät ein. Und am Ende konnte Jens Kipping nur zehn brütende Eisvogelpaare im Leipziger Gewässersystem zählen. Im warmen Jahr 2016 waren es noch 21 gewesen.

    Wobei das Jahr 2016 eines von mehreren warmen Jahren mit langen Brutzeiten war. Da eroberte der Eisvogel auch Brutreviere, wo er vorher nicht zu finden war – die Untere Weiße Elster zum Beispiel (wo er 2017 wieder verschwunden war). Das Nahrungsangebot stimmte. Oft konnte sogar zwei, drei Mal gebrütet werden.

    Aber 2017 zeigte einmal mehr, wie sehr der Eisvogel von der Witterung abhängt. Am Donnerstag, 15. März, hatten Umweltamt und Amt für Stadtgrün und Gewässer eingeladen zur Vorstellung des Eisvogel-Monitorings 2017.

    Damit beauftragt ist der Ornithologe Dipl.-Ing. Jens Kipping aus Taucha. Eigentlich waren es zwei Monitorings – eines für das ganze Stadt- und Gewässergebiet, das dann das oben beschriebene Ergebnis zeitigte.

    Und eines speziell für den Floßgraben. Das Eisvogel-Monitoring im Floßgraben wird jährlich durchgeführt. Nicht nur, weil es hier in guten Jahren die dichteste Eisvogel-Population gibt, sondern wegen der Paddler. Das Vorkommen des Eisvogels hat ja dazu geführt, dass es zu einer Allgemeinverfügung im Floßgraben kam. Für motorisierte Boote ist die Durchfahrt generell untersagt. Und die Benutzer von Paddel- und Ruderboten werden darauf orientiert, in engen Zeitfenstern durch den Graben zu fahren, um die Störungen für den eisblauen Vogel zu minimieren.

    Denn der hat ja zu tun. Der muss brüten – und der muss seine Brut von 5 bis sieben Jungvögeln auch füttern, bis sie flügge sind. Das heißt an manchen Tagen, dass die Bruthöhle in der Uferwand bis zu 45 Mal angeflogen werden muss. Da ist allein schon das Füttern Stress.

    Paddler auf dem Floßgraben. Foto: Ralf Julke
    Paddler auf dem Floßgraben. Foto: Ralf Julke

    Kipping hat nicht zum ersten Mal am Floßgraben gezählt. Aller drei Tage ist er 2017 hingepilgert und hat das Brutgeschehen erkundet. Aber diesmal nicht nur das. 2017 hat er auch erstmals elf komplette Beobachtungstage eingelegt. Ein Vorhaben, das selbst im Umweltministerium auf großes Hallo traf. Denn so etwas gibt es in Sachsen noch nicht: so eine ausführliche Eisvogel-Beobachtung mit wissenschaftlichen Ergebnissen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

    Dafür baute Kipping extra eine getarnte Beobachtungsstätte im Mäander des Floßgrabens auf, dort, wo auch im letzen Jahr wieder ein Brutpaar auftauchte und am Ende drei Bruten schaffte. Für den kurzen Zeitraum, in dem Brut überhaupt möglich war, eine enorme Leistung. Kipping zählte alles, was ihm vor Augen kam – die Anflüge mit frischem Fisch, die Bauchklatscher (denn die reinlichen Vögel nehmen nach fast jedem Höhlenbesuch ein Bad), und die Boote, die durchfahren. Er hat an Wochentagen gezählt, wo bei miesem Wetter manchmal nur vier Boote durchkamen. Und an stark befahrenen Wochenenden, wenn bis zu 100 Boote durch den Floßgraben fuhren.

    Und eigentlich hat er sich gefreut, denn die meisten Paddler hielten sich tatsächlich an die Durchfahrtzeiten. Die Leipziger haben gelernt, ihren Eisvogel zu respektieren.

    Und dass Kipping ganze Tage dort hockte und beobachtete, hatte auch mit der Frage zu tun: Haben die Durchfahrtzeiten Einfluss auf das Verhalten des Eisvogels?

    Die Antwort ist ein klares Ja. Gerade in der Fütterungszeit verschieben sich die Aktivitäten, kommt der Eisvogel sichtlich in Verzug mit dem Füttern des Nachwuchses. Doch das für Kipping Überraschende: Die Durchfahrtpausen helfen ihm tatsächlich – er holt dann alles wieder nach und füttert im Akkord. Am Tagesende ist die Zahl der gezählten Fütterungen tatsächlich ähnlich hoch wie an Tagen ohne Bootsverkehr.

    Was die Regelung für die Durchfahrtzeiten bestätigt. Die Stadt wird deshalb auch nichts dran ändern.

    Aber nicht nur im Stadtgebiet insgesamt, auch im Floßgraben ging 2017 die Population zurück. Statt vier brüteten nur zwei Brutpaare. Immerhin, sagt Kipping. Denn wirklich harte Winter können der Population des Eisvogels noch viel härter zusetzen. In der Frühzeit der Eisvogelzählungen fand man sogar nur zwei Brutpaare – im gesamten Leipziger Gewässerknoten. Das heißt: Sowohl die warmen Sommer als auch die allmähliche Verbesserung der Wasserqualität haben dem Eisvogel geholfen, der überhaupt kein leichtes Leben hat.

    „Bis zu 80 Prozent des Nachwuchses stirbt schon im ersten Jahr“, sagt Kipping. Auch in normalen Jahren. Etliche Eisvögel wandern augenscheinlich auch regelmäßig ab Richtung Niederlande und Südfrankreich. Aber auch das ist noch nicht wirklich wissenschaftlich erforscht.

    Und wenn dann Winter so frostig werden, dass auch Flüsse zufrieren, dann verhungern viele Vögel, die in Leipzig überwintern. Oder ertrinken unterm Eis. Und 2018 scheint auch wieder so ein hartes Jahr zu werden. Der harte Frost liegt ja nur wenige Tage zurück. Und Brutpaare hat Kipping auch noch keine gesichtet, erst einen Einzelvogel am Floßgraben, der augenscheinlich die Bruthöhle vorbereiten will.

    Eis also ist sogar der Feind des so beliebten Vogels. Aber warum heißt er dann so? Und nur bei uns, wie Kipping betont. In allen anderen Ländern Europas heiße er Kingfisher, Königsfischer. Denn seine Spezialität ist nun einmal die Jagd nach kleinen und nicht ganz so kleinen Fischen. Für die stürzt er sich ins Wasser und ist oft so erfolgreich, dass er sich auch mal eine Pause gönnen kann.

    Und das Eis?

    „Zur Herkunft des deutschen Namens gibt es mehrere Theorien“, liest man auf Wikipedia. „So lässt sich der Name wahrscheinlich vom althochdeutschen ‚eisan‘ ableiten, was ‚schillern‘ oder ‚glänzen‘ bedeutet und auf das glänzend-farbige Gefieder des Vogels bezogen ist.“

    Es lohnt sich also, die Augen offen zu halten. Wenn’s blau schillert überm Wasser oder am Ufer, dann könnte es einer sein. Einer, der den eisigen Winter überlebt hat und jetzt eine Höhle voller Jungtiere versorgen muss mit leckerem frischem Fisch aus Leipziger Gewässern. Ein Königsfischer, wie er im Buche steht.

    Monitoring am Floßgraben: Eisvogel-Population auch 2017 stabil

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    5 KOMMENTARE

    1. @m.k.
      Das „klingt“ nicht nur so, das ist so.

      Was Kipping bis heute nicht verstanden hat. Denn dann hätte er diese Einschränkung in seinem „Gutachten“ veröffentlicht und ihm somit die Ein- und Beschränkungen, die dieser Arbeit notwendigerweise inne wohnen attestiert.
      Insoweit ist das Gutachten wertlos.

    2. Lieber Herr Kipping: Stellen Sie sich vor, Sie haben einen reglemäßigen 8 Stunden-Arbeitstag. Dann kommt wer und legt fest, dass in 5 dieser 8 Stunden auf Ihrem Schreibtisch Brakedance gemacht wird, Sie haben keinen Zugriff auf Ihre Unterlagen, nachdenken können Sie auch nicht, denn es ist Krach und wildes Durcheinander. Es bleibt Ihnen nur zu warten (und sich dabei gutmöglichst zu entspannen, was aber bei diesen Grenzüberschreitungen kaum zu schaffen ist), bis das alles vorüber gegangen ist. Sie werden also mit hohem Blutdruck und hohem Puls, mit hohem Kortisolspiegel und Adrenalin, das keinen Sinn hat, weil Sie sich möglichst still und in Deckung halten müssen, ohnmächtig (und vermutlich zunehmend verzweifelt) warten müssen, bis der gräßliche Budenzauber ein Ende hat. Und dann wird von Ihnen gefordert, dass Sie Ihr tägliches Arbeitspensum in den Ihnen verbleibenden 3 Stunden realisieren sollen! Naja, eine Stunde können Sie schon einsparen, ohne Puller- und Essenspausen. Aber 5? Da Ihre Existenz (und vor allem die Ihrer Kinde9r absolut davon abhängt, dass Sie diese bescheuerten Rahmenbedingungen erfüllen – alles andere kostet zumindest Ihre Kinder das Leben – werden Sie alles, aber auch wirklich alles daran setzen, die wenigen Stunden zu nutzen, um Ihre Aufgaben abzuarbeiten. Perspektivisch und auf Dauer wäre Ihre Prognose bezogen auf Ihre Gesundheit eher schlecht. – Aber so jetzt kann man schon sagen, dass alles wirklich gut und die Allgemeinverfügung i.O. ist – obwohl Sie NIE eine Beobachtung im völlig ungestörten Zustand als Vergleichsgröße durchgeführt haben: nur diese dann zu erhebenden Daten könnten eine einigermaßen objektive Einschätzung der von Ihnen untersuchten Bedingungen hinsichtlich geht vs. geht nicht, kann so bleiben vs. muss verändert werden „wissenschaftlich“ nennen. So, wie hier beschrieben, geht „Wissenschaft“ im Dienste eines Brotherren. Das klingt nach einer zu veröffentlichenden wissenschaftlichen Arbeit.

    3. Verzeihung für die Tippfehler, kam vom Lachen, als ich mir den Hamburger Hafen als geeignetes Revier für Eisvögel vorgestellt habe. Ob da schon jemand mal kartiert hat?

    4. Lieber Olfa, ich bin sicher, ein geneigter Gutachter wird auch auf dem Mittelstreifen einer vierspurgen Autobahn ein geeignetes Biotop für Feldlerchen ausmachen. Mit etwas Fantasie geht alles auf dem Papier!

    5. Alles Panikmache…
      Die Durchfahrtzeiten für die Boote verlängern, denn nach der Logik von Kipping und Stadt führen mehr Boote zu mehr Vögeln.
      Dazu noch Motorboote, die im Winter das Eis aufbrechen und das Wasser erwärmen.
      Am besten noch den Mäander beseitigen, damit das Wasser schneller fließt und die Boote schneller fahren können. Dann wird der Sauerstoffgehalt des Wassers erhöht und gleichzeitig friert es schwerer zu.
      Jetzt erklärt sich auch die maschinelle Entkrautung des Floßgrabens? Man muß halt nur etwas nachdenken.

      „Inwertsetzung“ von Natur halt, hier des Floßgrabens.

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