Aus der Arndtstraße in der Südvorstadt sollte eine Hannah-Arendt-Straße werden

Für alle Leser126 Unterstützer, 109 davon aus Leipzig, hat Alexander Johns Petition „150 Jahre sind genug – Arndtstraße in Leipzig umbenennen“ bis jetzt gefunden. Nicht gerade viel. So richtig scheint das Thema die Leipziger im Allgemeinen und die Südvorstädter im Besonderen noch nicht aufzuregen. Obwohl es eigentlich ein sehr heutiges Anliegen ist, das dahintersteckt. Jetzt hat Thomas Kumbernuß, Stadtrat für Die PARTEI, das Thema aufgegriffen.

Er beantragt jetzt direkt: „Der Leipziger Stadtrat möge beschließen, die Arndtstraße in 04275 Leipzig in Hannah-Arendt-Straße umzubenennen.“

Das ist konkret und ein echtes Bekenntnis.

Das Kumbernuß auch begründen kann: „Bedauerlicherweise wurde 1870 die damalige Alleestraße nach dem Schriftsteller Ernst Moritz Arndt benannt, dessen Wirken durch antisemitische, rassistische, nationalistische, frankophobe und militaristische Tiraden gekennzeichnet war.“

Und dann zitiert er Ernst Moritz Arndt aus dessen Werk „Geist der Zeit“ (4. Teil, 1818):

„Wenn ich sage, ich hasse den französischen Leichtsinn, ich verschmähe die französische Zierlichkeit, mir missfällt die französische Geschwätzigkeit und Flatterhaftigkeit, so spreche ich vielleicht einen Mangel aus, aber einen Mangel, der mir mit meinem ganzen Volke gemein ist. Ebenso kann ich sagen: Ich hasse den englischen Übermut, die englische Sprödigkeit, die englische Abgeschlossenheit. Diese gehassten und verachteten und getadelten Eigenschaften sind an sich noch keine Laster, sie hängen bei den Völkern, die sie tragen, vielleicht mit großen Tugenden zusammen, die mir und meinem Volke fehlen. Darum lasst uns die Franzosen nur recht frisch hassen, lasst uns unsere Franzosen, die Entehrer und Verwüster unserer Kraft und Unschuld, nur noch frischer hassen, wo wir fühlen, dass sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven.“

Seit 2019 Stadtrat der PARTEI: Thomas "Kuno" Kumbernuß bei einer Nachfrage an Heiko Rosenthal im Stadtrat. Foto: Michael Freitag

Seit 2019 Stadtrat der PARTEI: Thomas „Kuno“ Kumbernuß bei einer Nachfrage an Heiko Rosenthal im Stadtrat. Foto: Michael Freitag

Thomas Kumbernuß: „Wie gesitteter stünde es der Stadt Leipzig, den schändlichen Namen der Arndtstraße einem Joch gleich abzulegen und stattdessen die Straße nach einer Frau zu benennen, deren Wirken der Aufklärung gewidmet war, Hannah Arendt, jüdische deutsch-amerikanische Historikerin und Publizistin!“

In der Diskussion um Arndt taucht auch immer wieder gern die Argumentation auf, er habe es ja nicht so gemeint, die Äußerungen seien im zeitlichen Kontext zu verstehen und ansonsten sei er doch ein großer deutscher Schriftsteller. Aber damit unterstellt man dem Mann eine Naivität, die er ganz bestimmt nicht hatte.

Was Arndt schrieb, war ordentlicher deutscher Nationalismus in seiner Frühform, in dem schon alle Elemente der Verachtung steckten, die im Krieg von 1870/1871 und in den nächsten beiden großen Kriegen voll zum Tragen kamen. Es ist dieselbe Schablone, mit der heute die neuen rechten Nationalisten den Hass auf andere Menschen schüren – samt Antisemitismus. Am 24. Oktober hat es der Rechtsextremismusforscher Hajo Funke ja in der „Zeit“ am Beispiel von Björn Höcke analysiert.

Und was solche Worte aus der Feder eines Arndt anrichteten und wie sie wirkten, das benannte schon damals keiner präziser als Heinrich Heine, der sehr genau registrierte, wie aus dem verordneten Biedermeier in Preußen-Deutschland der neue, giftige Nationalismus wuchs, der aus Menschen, die dem worteschleudernden Arndt gar nichts getan hatten, regelrechte Monster zeichnete. Es sind die großen nationalen Intellektuellen, die mit Worten zündeln – und hinterher für die Folgen nicht verantwortlich sein wollen. Oder gar verteidigt werden, weil ihre Worte ja so leicht missbrauchbar waren. Aber Arndts Worte waren genau so gemeint. Und er ließ sie drucken, als Napoleon längst geschlagen und verbannt war. Er schrieb sie mit Überlegung.

Und auch wenn heute kaum noch ein Leipziger weiß, was Arndt alles geschrieben hat, wirkt seine Art, den Hass mit Worten zu schüren, bis heute fort. Es geht um den zur Schau getragenen Patriotismus, der vor allem Verachtung für andere Menschen und Kulturen ist. Bei Alexander John findet man weitere Argumente.

Direkt zur Petition von Alexander John.

Petition zur Umbenennung der Arndtstraße

 

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Arndtstraße
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