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Petition zur Umbenennung der Arndtstraße

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    Dass Berühmtheit nicht wirklich bedeuten muss, dass der berühmte Mann auch Bemerkenswertes geleistet haben muss, belegen just jene Herren, die in Deutschland 200 Jahre lang als Geistesriesen der nationalen Einheit gefeiert wurden, Leute wie Ernst Moritz Arndt, Johann Gottlieb Fichte oder Friedrich Ludwig Jahn. Dass sie schäumende Antisemiten und Nationalisten waren, wurde erst in letzter Zeit richtig Thema. In Leipzig zieren sie noch immer Straßenschilder.

    Man denkt sich nichts dabei. Sie klingen wie große Klassiker, irgendwie in eine Liga anzusiedeln mit Schopenhauer, Hegel und Kant. Aber dem ist nicht so, jedenfalls nicht, wenn man genauer hinschaut. Dann merkt man, dass sie im hohen Olymp der deutschen Personenverehrung vor allem deshalb gelandet sind, weil sie ab 1806 die wütende geistige Munition geliefert haben, mit denen der Hass nicht nur auf Napoleon, sondern auf die Franzosen insgesamt angestachelt wurde. Sie konnten sich nicht bremsen.

    Und Jörg Schweigard ging 2015 in der „Zeit“ zu Recht auf die nicht zu leugnende Tatsache ein, dass sie vor allem komplett gewandelte ehemalige „Linke“ waren, glühende Verehrer der Französischen Revolution, deren Enttäuschung darüber, was Napoleon dann draus gemacht hatte, spätestens 1806 in Hass umkippte. Und zwar nicht nur gegen den Diktator, sondern gegen die Franzosen selbst. Und die Juden. Und fortan auch gegen allerlei andere Völker und Menschengruppen, auf die sie aus ihrer „Reines Blut“-Haltung mit Verachtung herabschauten. Aus Enttäuschung wurde ein wütendes Beleidigtsein. Und schon Heinrich Heine schied seine deutschen Geistesgrößen etwas später in eine sichtliche Mehrheit an schäumenden Nationalisten und viel zu wenige Kosmopoliten.

    Nicht ahnend, dass die regierenden Stalinisten später den Kosmopolitismus ebenso zum Verbrechen erklären würden. Was sichtlich vielen in der DDR Geborenen bis heute nicht wirklich klar ist – wie nationalistisch auch die DDR war, die Leute wie Arndt, Fichte, Jahn und Scharnhorst aufs Heldenpodest hob. Das war auch eine „Traditionslinie“, mit der sich die ins Amt gehobenen Einheitssozialisten quasi zu Erben der „Befreiungskriege“ machten, die auch so in den Geschichtsbüchern bezeichnet wurden, obwohl sie mit „Befreiung“ wenig zu tun hatten.

    Die alten Fürsten blieben auf ihren Thronen, die wenigsten lösten das Versprechen auf eine Verfassung ein. Aber das Zähnefletschen der zu wütenden Nationalisten gewordenen einstigen Revolutionsverehrern begründete von da an eine ganze Flut von menschenfeindlichen Schriften honoriger Herren, die damit den ganz speziellen deutschen Nationalismus befeuerten und all seine tödlichen Auswüchse.

    Muss man so weit zurückgehen, um die Herren zur Verantwortung zu ziehen? In Greifswald an der Universität hat man es getan.

    Die Diskussion ist für Leipzig überfällig, findet Alexander John. Er hat jetzt auf Openpetition eine Petition gestartet, die dazu führen soll, dass die Arndtstraße in der Leipziger Südvorstadt nach 150 Jahren endlich umbenannt wird. Am besten nach einer verdienstvollen Frau.

    Sein Begründungstext auf Openpetition:

    Die Arndtstraße in 04275 Leipzig soll nach einer Frau benannt werden.

    Alexander John

    Am 31.12.1869 beschloss die Ratsversammlung die Alleestraße in Arndtstraße umzubenennen. Hiermit wollte man den Schriftsteller und Pädagogen Ernst Moritz Arndt anlässlich seines 100. Geburtstages ehren. Die Umbenennung erfolgte am 3. Januar 1870.

    Ernst Moritz Arndt war ein bekennender Antisemit, Nationalist und frankophob. Deshalb haben die Nationalsozialisten bundesweit zahlreich Straßen und öffentliche Einrichtungen nach Arndt benannt. Nachdem nun die Universität Greifswald und die evangelische Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde in Berlin sich von ihrem Namenspatron trennten, stünde es auch der Stadt Leipzig gut zu Gesicht, sich von ihrer Arndtstraße zu trennen.

    Da in der Südvorstadt noch keine Straße nach einer Frau benannt ist, soll die Arndtstraße nach einer Frau benannt werden.

    In einem seiner Briefe schreibt er, deutsches und jüdisches Blut dürften sich nicht vermischen: „[Wir) würden am Ende mit unseren Israeliten wohl fertig, da so viele durch den Übergang zum Christentum sich allmählich in unserem Volke verlieren; aber die Tausende, welche die russische Tyrannei uns nun noch wimmelnder jährlich aus Polen auf den Hals jagen wird, das ist eine sehr ernste Frage und unsere Regierung müßte gegen solche Eindränge und Einschliche viel strengere und härtere Maßregeln ergreifen, als sie thut.“

    Quelle: www.ndr.de/geschichte/Ernst-Moritz-Arndt-Patriot-oder-Antisemit,ernstmoritzarndt102.html

    „Er [der Jude] möge für friedlos erklärt werden über das ganze deutsche Reich, und nimmer möge seine Acht versöhnt werden.“
    Quelle: Ernst Moritz Arndt, Blick aus er Zeit, 1814)

    „Besonders augenfällig, explizit und virulent erscheint dieser Zusammenhang von nationaler Identität und nationalen Feindbildern im nationalistischen Diskurs des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einer seiner herausragenden Vertreter war Ernst Moritz Arndt (1769-1860), der Wortführer des frühen deutschen Nationalismus und neben Johann Gottlieb Fichte und Ludwig Jahn der einflussreichste und massenwirksamste Vordenker des deutschen Nationalismus im 20. Jahrhundert. Arndts Diskurs über das Fremde, als dessen Verkörperung er die Franzosen ansah, ist geprägt von einer grundlegenden Abwertung des Anderen, das als Bedrohung gesehen wird, einer hiermit korrespondierenden Aufwertung des Eigenen, der eigenen Nation und Mentalität, und einer tendenziell negativen Einstellung gegenüber interkulturellen Beziehungen, die, so Arndts Vorstellung, das ,Eigene‘ schwächen und seine Entfaltungsmöglichkeiten beeinträchtigen. Seine Schrift ,Über Volkshaß und den Gebrauch einer fremden Sprache‘ (1813) illustriert diese Konfiguration.“ (S.83) aus Hans-Jürgen Lüsebrink, interkulturelle Kommunikation, 4. Aufl. 2017

    Vielen Dank für Ihre Unterstützung, Alexander John aus Leipzig

    ***

    Wer mag, kann zu Arndt und Fichte die entsprechenden Passagen auf Wikipedia nachlesen. Wir haben sie unterm Text verlinkt.

    „Im Prinzip müsste man gleich ein Paket mit den alten, weißen Männern im alten Leipzig schnüren. Fichte und Jahn sind auch krasse Nationalisten/Chauvinisten gewesen und zumindest Jahn auch Antisemit“, ergänzt Alexander John seinen Vorstoß zu Arndt. „Wie es um Gerhard von Scharnhorst steht, kann ich noch nicht sagen, er gilt zumindest als Begründer der Wehrpflicht. Und wie Carl Wilhelm Otto Koch drauf war, ist auch eher nicht erforscht. Und auch bei Max von Schenkendorf findet sich zumindest leichter Chauvinismus.“

    Dass gerade in der Südvorstadt so viele Straßen nach „deutschen Patrioten“ benannt wurden, hat mit der Tatsache zu tun, dass die Südvorstadt ab 1866 systematisch bebaut wurde (dem Jahr, in dem Sachsen an der Seite Österreichs gegen die Preußen bei Königgrätz verlor). In der Folgezeit versuchte Sachsen preußischer als die Preußen zu werden und es entfaltete sich ein regelrechter kleindeutscher Nationalismus. 1871 waren dann die Sachsen zusammen mit den Preußen in Frankreich. Wobei man unterscheiden muss: Träger des Hurrapatriotismus war auch damals das (Groß-)Bürgertum, das die Stadtpolitik bestimmte. Und dieser Hurrapatriotismus mit seinen Kriegervereinen und Siegesdenkmälern war auch immer eine bürgerliche Gegenideologie zur (in ihren Ursprüngen kosmopolitischen) Sozialdemokratie.

    Wer also die Straßen in der neuen Südvorstadt nach schäumenden Patrioten benannte, setzte auch seine Duftmarken. Und während die Fichtestraße 1876 ihren Namen bekam, wurde im selben Jahr auch – ganz patriotisch – die Kaiser-Wilhelm-Straße benannt. Nur hier haben im Lauf der Zeit tatsächlich mal die Sozialdemokraten gewonnen: Die Straße heißt heute August-Bebel-Straße.

     

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    7 KOMMENTARE

    1. Darjeeling SFTGFOP1: „„letztlich sind Arndts Gedichte literarisch wertlos.“
      Was sagt uns das über den Autor dieser Zeilen?“
      Ja, was wohl?
      Dass er lesen und kritisch denken kann?

    2. Diese Gedichte..

      Nur weil sich was reimt und irgendwelche Sprach-Ergüsse theatralisch eingebaut werden..
      schwülstig pathetisch Mord und Totschlag in fremden Landen gepriesen, das Rumgejammer in den höchsten Tönen,
      das völkisch nationale Deutschtum mit Gottes Hilfe beschworen wird..
      hmmm, vielleicht möglich dass das auch heutzutage irgendjemanden gefällt.

      Ob das dann wichtig ist, ob’s jemandem literarisch wertvoll erscheint?
      Oder erschienen ist und so kolportiert wurde.

      Bisher war ich mir mit mir selber nicht schlüssig, aber nachdem ich das gelesen habe,
      so eine Straßenbennenung ist eine Ehrbezeugung und die dort wohnen, müssen diese dann auch persönlich vertreten.
      Bei einer Umbenennung gibt es da aus meiner Sicht wirklich nichts zu verlieren.
      Weder moralisch noch literarisch.

      Und wem sowas gefällt, der kann sich ja jederzeit z.B. hier lesend erinnern:
      https://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9566/92

      PS:
      Menschen-Rassenkunde ist keine Wissenschaft.
      Und wer sich wider seine eigene menschliche Lebenserfahrung stellt, um dem vermeintlichen ‚Mainstream‘ bzw. der geschürten Angst und folgender Ausgrenzung, genüge zu tun.. sowas gibt’s heute wohl auch noch.

    3. „letztlich sind Arndts Gedichte literarisch wertlos.“
      Was sagt uns das über den Autor dieser Zeilen?

    4. So viel Text für ein kleines bisschen Geschichtsrelativismus, Leolo? Weil früher alle …, war es wohl OK? Wobei selbst das nicht stimmt! Antisemitismus war nicht normal, Franzosenhass auch nicht!
      Und letztlich sind Arndts Gedichte literarisch wertlos.
      Wir haben also Nichts zu verlieren, sondern könnte die Ehrung einer wirklich bedeutsamen Persönlichkeit gewinnen!

    5. Quatsch. Das ist eine reine Ersatzhandlung, und noch nicht mal eine gute, denn dann müssten auch alle Lutherkirche, – straßen und -plätze verschwinden. Aber an die traut man sich nicht ran, deshalb wird auf die „Kleinen“ geschossen. Der übliche Furor linker Reinlichkeitsapostel, der Exorzismus der Atheisten des 21. Jahrhunderts. Statt des Teufels wird eben die Geschichte ausgetrieben, was macht’s?!
      Dass im 19. Jahrhundert so ziemlich jeder halbwegs gebildete Bürger auch ein halbwegs offener (oder verkappter) Antisemit war, wird dabei entweder übersehen oder als Beweis für die allgemeine Verderbtheit der Zeit angesehen – was zugleich der eigenen moralischen Überhöhung dient.
      Natürlich hat Arndt eine Menge Sachen geschrieben, die in unseren heutigen Ohren antisemitisch klingen, aber muss man denn die damalige Zeit immer mit unseren heutigen Maßstäben messen? Woher dieses Reinigungsfuror? Weil Arndt ohnehin gerade auf der Abschussliste steht bzw. schon abgeschossen wurde, in Berlin, Greifswald und anderen Städten.
      „Ich will durchaus nicht, noch billige ich, wenn Andere solches wollen, daß man die Juden mit der Härte und Grausamkeit behandeln soll, womit sie im Mittelalter behandelt worden sind. Man soll die in Teutschland gebohrnen Juden nach den Gesetzen unsers menschlichen Evangeliums als teutsche Landsleute betrachten und sie als solche schirmen und schützen.“
      Das hat Arndt in „Blick aus der Zeit auf die Zeit“ (1841, S. 190) geschrieben. Gewiss, die Zeilen rundum sind dann wieder latent-anitsemitisch, zum Beispiel wenn er sich gegen das Vermischen der Völker (hier: Juden und Deutsch) wendet. Aber das sind Ideen, die damals gang und gäbe waren. Man lese nur Arthur de Gobineaus „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“ (1852-1854). Nahezu alle Forscher waren damals überzeugt, dass Rassenmischung nicht gut für ein Volk sei. Wir wissen heute, dass das Quatsch ist, aber wer sind wir denn, unser Wissen von heute auf die damalige Zeit zu projizieren und darüber zu richten, d.h. Leute wie Arndt dafür zu verurteilen, dass sie an die damals neusten Erkenntnisse der Wissenschaft glaubten. Das macht ihre Ansichten nicht besser, ich weiß, aber sich als Nachgeborener mit dem Wissen von heute über die Leute aus dem 19. Jahrhundert zu stellen, ist mir zu billig. Wir müssen unsere Geschichte aushalten, nicht tilgen. Es ist ein Zeichen (und auch ein Glück, wenngleich kein leichtes) des modernen Menschen, dass er in Differenzen zu leben gelernt hat, dass er in und mit diesen Widersprüchen leben muss – dann genau die sind sein Leben.

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