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Was braucht der Leipziger Auenwald jetzt wirklich?

Von Gastbeitrag von von Bernd Gerken und Johannes Hansmann (NuKLA)

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    Wir nehmen des Positionspapier „Reiner Prozessschutz gefährdet Artenvielfalt im Leipziger Auwald“ (das Leipziger Wissenschaftler/-innen der Universität Leipzig, des iDiv und des UFZ am 9. Dezember veröffentlichten, d. Red.) mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis. Unser Erstaunen rührt daher, dass uns nicht bekannt ist, wer „reinen Prozessschutz“ fordert. Wir empfehlen keinen flächendeckenden Prozessschutz. Wir empfehlen jedoch eine Erweiterung der Prozessschutzflächen und eine Ergänzung vor allem um solche, die den derzeitigen Charakter des Auwaldes als überwiegendem Hochwald abbilden.

    Damit dort sinnvolle Untersuchungen der Sukzession unter verschiedenen Bedingungen erfolgen können, braucht es dazu jeweils mindestens 100 ha. Ansonsten haben wir es nur mit Flächen zu tun, die durch Randeffekte anthropogener Abgrenzung geprägt werden.

    Wir empfehlen zudem eine Reihe forstlicher Maßnahmen befristet zu unterlassen, wie Femelung und Altbaumentnahme bei allen auentypischen Baumarten, bis Unklarheiten in einem breiten Fachkonsens ausgeräumt werden konnten.

    Es besteht kein Zugzwang! Wer in der Dimension Wald und Forst denkt, lernt, dass die Qualität z. B. der Verjüngung über den waldbaulichen Erfolg und den wirtschaftlichen Ertrag ebenso entscheidet, wie über die Eignung als Ort konsequenten Artenschutzes.

    Wir fragen deshalb, ob dieses Positionspapier in Eile entstand, und was es bewirken will? Es zeigt deutlich, dass hinsichtlich der Waldgeschichte des Auwaldes und bezüglich der Möglichkeiten forstlicher Nutzung oder Prozessschutz bei den Autoren Unklarheiten bestehen. Diese Unklarheiten müssten dringend geklärt werden, ehe die bisherige forstliche Nutzung und vermeintlicher Artenschutz mit der Motorsäge fortgesetzt werden dürfen. Eine fachliche Diskussion zu den im Positionspapier aufgeworfenen Fragen sollte dringend ergebnisoffen begonnen werden. Dazu zählen weitere, im Positionspapier nicht erwähnte, die jedoch für Geschichte, Bestand und Entwicklung des Leipziger Auensystems relevant sind.

    Diese Unklarheiten im Text und unsere Beobachtungen bei den bereits erfolgten forstliche Maßnahmen (2004 bis heute) im Auwald, legen die Dringlichkeit einer veränderten forstlichen Tätigkeit nahe. Wir greifen hier nur folgende Einzelheiten heraus, und bauen auf eine ausführliche fachliche Diskussion, die es einzuleiten gilt.

    In einer Aue gehört an erster Stelle der Wasserhaushalt als prioritäre „Pflegemaßnahme“ benannt. Forstliche Maßnahmen können allenfalls darauf aufbauen, können aber selbstverständlich keinen Auenwald schaffen, wenn die Standortbedingungen nicht gegeben sind. In einer Aue ist die Dynamik des Wassergangs der Schlüssel zur Artenvielfalt.  Die Eiche trägt ihren Teil dazu bei, profitiert von der Dynamik, und fördert dann natürlich auch den Artenreichtum.

    Wir haben es jedoch schon mehrfach geschrieben: Die auentypische Artenvielfalt entsteht erst durch die Dynamik des Wassergangs, dem eine klein- bis großräumige Substratverlagerung und die Schaffung auentypischer Strukturen möglich ist. In welchem Umfang das bis 1930 geschah, zeigen u. a. Berichte des sächsischen Heimatbundes und viele andere zeitgenössische Publikationen der damaligen Zeit, und die heute jederzeit mögliche Inaugenscheinnahme der subfossilen Gerinnestrukturen des Luppe-, Weiße-Elster- und Pleisse-Systems.

    Zur Fülle der auffälligen und für Auenökosysteme typischen Arten zählen Insekten, Fische, Amphibien usw. usf., zu deren Gunsten die flächig ablaufenden Hochwasser für verschiedenerlei Gewässer sorgen UND IM Wald durch kleinräumige Substratbewegungen dazu führen, dass häufig anstelle reiner pflanzensoziologisch fassbarer Waldtypen raum-zeitlich veränderliche Durchdringungskomplexe verschiedener Ausbildungen von Waldgesellschaften entstehen.

    Im Vergleich zu Eichen-Hainbuchenwäldern finden im Auenwald mit typisch erhöhter raum-zeitlich schwankender Randliniendichte solche Arten einen Lebensraum, die z. B. in einem schlichten Stieleichen-Hainbuchen-Feldulmenbestand ohne Wasserdynamik nicht auftreten können. Bodenlebende Tiere zeigen diese kleinräumigen Unterschiede sehr gut auf und reagieren schnell! Schon wenige Jahre nach dem Ausbleiben der Hochfluten können z.B. charakteristische Laufkäfer-Gemeinschaften nicht mehr gefunden werden.

    Wie bei den Pflanzengesellschaften verschwimmen auch bei diesen Tiergemeinschaften die Durchdringungskomplexe wieder zu dem einheitlicheren Bild, das Hochflut-freie Wälder zeigen. Es gibt historische Berichte, bspw. müsste dieses bei Lippold (1890) zu lesen sein, dass man selbst bis an die Nonnenmühle, wo heute das Bundesverwaltungsgericht steht, nachts das als „steinerweichend“ beschriebene Quaken der Frösche gehört hat. Einst gab es hier Arten, die nun schon ausgestorben sind. In den Gundorfer Lachen schwammen Anfang des 20. Jahrhunderts Europäische Sumpfschildkröten, und Leipzig hatte eine der größten Rotbauchunkenpopulationen von ganz Deutschland.

    Emil Adolf Roßmäßler (1806-1867) ist in Leipzig geboren und gestorben. Er ist nicht ohne Grund hier „Vater der deutschen Aquaristik“ geworden. Es gab zahllose Fachgruppen zur Feldherpetologie, und bis zum Zweiten Weltkrieg stand am Ranstädter Steinweg das Naundörfchen, das traditionelle Fischerdorf vor Leipzig, später Stadtteil von Leipzig.

    Eines der charakteristischsten Speisen in Leipzig war das Leipziger Allerlei, zubereitet mit Flusskrebsen, welche man hier so zahlreich aus den Gewässern fischen konnte, das dieses Gericht als Armenspeise verspottet wurde. Wir können entsprechende Literatur als Beleg heraussuchen, oder Sie können dies mit wenigen Klicks bei Wikipedia und sonstigen Nachschlagewerken im Internet selbst nachlesen.

    Diese Flussdynamik gilt es so gut wieder herzustellen, wie es geht – erst dann kann man mutmaßen, wie sich die Baumartenzusammensetzung unter Prozessschutz entwickeln würde. Und erst dann kann man entscheiden, ob Prozessschutz nun so furchtbar wäre oder nicht, oder welche forstlichen Maßnahmen ergriffen werden sollte, um das Schutzgebietssystem Leipziger Auwald zu entwickeln, wie es der MAP vorsieht.

    Jedes Waldökosystem ist einzigartig, Auenwälder jedoch gehören zu den bedrohtesten Lebensgemeinschaften und sind zweifellos Ökosysteme, die originär vom Fluss oder gar mehreren Flüssen, geprägt sind. Dies macht ihre Besonderheit aus.

    Als solche erkennbare Hude-Eichen werden als Mittelwaldeichen bezeichnet. Wir fanden keine Quelle, die eindeutig belegt, dass es in der Leipziger Aue eine Jahrhunderte-währende Mittelwaldwirtschaft gab, wie wir sie teilweise noch heute am Oberrhein oder im Burgund (Region Dijon u. a.) in Frankreich finden.

    Vielmehr deutet vieles darauf hin, das der Auwald aus einer kleinbäuerlichen Wald-Weide-Nutzung unter hydrologischen Auenbedingungen entstanden ist. Dies ist bei Lange (1959) und anderen historischen Quellen nachlesbar. Natürlich gab es forstliche Eingriffe und mehrfach das schriftliche Bekunden in Ratsprotokollen, eine Mittelwaldwirtschaft einzuführen (u.a. ab 1617, vereitelt durch den 30-jähr.Krieg). Neben den Kriegswirren mag es schlicht zu nass gewesen sein.

    Zudem fanden wir Belege, worin man sich beschwerte, dass man hier keine Forstwirtschaft betreiben könne. Diese Beschwerden reichen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Deswegen hat man zwar eingegriffen, aber eine Mittelwaldwirtschaft, wie sie der Forst heute begreift, hat unseres Wissens im Auwald nie lange Fuß gefasst.

    Im 19.Jahrhundert wurde dies einige Jahrzehnte versucht. In früheren Jahrhunderten hat man nachweislich die Stieleiche gefördert, indem man die natürliche Verjüngung (ausdrücklich so benannt) geschützt hat und durch Eichel-legen forciert hat. Diese auch für Leipzig traditionelle Methode sollte wieder aufgegriffen werden.

    Mit Sicherheit hat man in vergangenen Jahrhunderten Eichen gefördert, aber mit anderen Methoden als heute. Man musste gar nicht auf die Idee kommen, große Lochhiebe herzustellen, denn es gab keine Hochwälder recht einheitlichen Altersaufbaus, sondern genug natürliche oder von Menschen erzeugte Klein-Lichtungen und zudem Hecken, aus denen Eichen häufig mit sehr guten Stammformen keimen und aufwachsen konnten.

    So konnten an natürlichen (oder von „ungeordneter“ Holznutzung durch Menschen entstandenen) Waldlücken Eicheln gelegt werden. Zudem war in früheren Jahrhunderten flächendeckend Waldweide, Viehtrift und Gräserei üblich. Dieses ist ebenfalls bei Lange (u.a.) nachzulesen. Grundbesitzende Herren beschwerten sich über Waldweide, was laut Radkau deutschlandweit damals der Mode entsprach: Es gab infolgedessen ab dem 17. Jahrhundert bis ins 19. hinein eine Abkehr von den bäuerlichen „unordentlichen“ Waldnutzungen hin zu dem, was wir heutzutage „ordnungsgemäße Forstwirtschaft“ nennen. Diese wurde gezielt gegen die bäuerlichen „Übergriffe“ politisch entwickelt.

    Die derzeit noch auffindbaren, ältesten Eichen – wir erinnern an die Eiche an der Batschkemündung sowie eine „Blitzschlageiche“ im Rosental – sind fast 300–500 Jahre alt! Diese Bäume stammen aus der Zeit der „unordentlichen“ bäuerlichen Waldnutzungen, über die man schriftlich Belege finden kann, und wäre es auch nur, weil sich ein Forstmann des 19. Jahrhunderts lauthals darüber beschwerte.

    Waldweide konnte zwanglos aus dem ursprünglichen, natürlichen Auftreten von Wildrindern (Auerochse und Wisent), Wildpferden und Wildschweinen abgeleitet werden. Ab dem 15. Jhdt. wurden die wildlebenden Großsäuger zunehmend durch Kulturformen (Kuh etc.) ersetzt. Mehr noch als die Kulturrinder hatten die wildlebenden Arten einen beträchtlichen Einfluss auf die Gehölzvegetation. Am umstrittenen Wisent-Projekt im Rothaargebirge kann dies aktuell erlebt werden.

    Und es hat seinen Grund, warum Altbäume, z. B. im Wisentgatter des NP Kellerwald oder des Sababurg-Wildparks, gegen „Schälschaden“ geschützt werden. Auch deshalb werden freilaufende Wisente in deutschen Nationalparks nicht geduldet – es bliebe von den Rotbuchenwäldern, die wir als in ihrer natürlichen Struktur verstanden und mit forstlichen Maßnahmen verträglich kennenlernten, ein sehr neuer Aspekt übrig, der sich mit den Vorstellungen vom geschlossenen Urwald mit Waldinnenklima und geringer Biodiversität deutlich abhöbe.

    Videobotschaft von Peter Wohlleben zur Leipziger Stadtratsentscheidng am 11. Dezember.

     

    Für das Verständnis des Auwaldes müssen wir erkennen, dass die Waldlebensgemeinschaften, die im Positionspapier zum Prozessschutz als Mittelwald bezeichnet werden, unter einer starken, für das Weiße Elster-Pleisse-Luppe-System bis 1930 noch gegebenen Auendynamik aufgewachsen sind, und dabei vor allem von kleinbäuerlicher Waldnutzung bis hin zur Waldweide beeinflusst wurden.

    Auch wenn im 19. Jhdt. stark eingegriffen wurde, um einen Mittelwald schulbuchmäßig aufzubauen, wurde dieser nie vollendet (Umbau auf Hochwald). Was wir heute Nieder- und Mittelwald nennen, mag es v.a. in den dorfnahen und stadtnahen Bereichen gegeben haben (wegen kurzer Transportwege), jedoch sind diese Bereiche schon längst von Stadtteilen wie dem Waldstraßen- und dem Musikviertel überbaut worden. Ein Teil dieser Areale kann teilweise noch auf den Meßtischblättern Sachsens um 1800 gefunden werden.

    Im Fazit notieren wir, dass die Verfasser des Positionspapiers wichtige historische Bezüge und Bedingungen übersehen. Kritischer noch ist die gewählte Reihenfolge der Argumentation: Erst müssen die standorttypischen Bedingungen wieder hergestellt werden, dann kann man überlegen, ob und was man ggfs. wie und wo an forstlichen Pflegemaßnahmen tun sollte.

    Diese Pflegemaßnahmen sollten bis zur Bewährung aus artenschutzrechtlicher Sicht resp. der Widerbelebung von typischen Lebensgemeinschaften im Auen-Ökosystem zunächst nur auf wenigen Probeflächen umgesetzt und auf der Grundlage einer Untersuchung vor der Maßnahme anschließend eingehend über viele Jahre floristisch-vegetationskundlich und faunistisch-ökologisch untersucht werden.

    Wir erlauben uns eine Vermutung: wenn es eine regionaltypische Dynamik des Wassergangs der am Leipziger Auensystem beteiligten Flüsse wieder geben darf, könnte bezüglich Artenschutz nichts oder nur wenig noch zu tun sein?

    Wenn sich dieses System wieder auf Auenbedingungen einstellen könnte – wozu die Altbäume mit 150 bis 250 Jahren und mehr die besten Voraussetzungen mitbringen (ihr Wurzelsystem passt bezüglich der auentypischen Grundwasserschwankungen, weil sie unter solchen gekeimt sind!) – und auch natürliche Sturm- und Schneewurf-Dynamik wirken können, wird es um die Verjüngung der Stieleiche kein Problem mehr geben: Eicheln legen und Jungeichen im Kleingatter pflegen braucht keine Befahrung durch schwere Maschinen.

    Daraufhin kann auch eine behutsame Nutzung in Form einzelstammweiser oder Kleingruppen-Entnahme erfolgen, denn es dürfte dann zur Selbstverständlichkeit geworden sein, dass vor jedem Eingriff sowohl das Potenzial als auch das reale Vorkommen etwa des Eremiten bekannt ist (dessen Habitatbäume dann grundsätzlich nicht „entnommen“ werden – und für deren Nachwuchs ebenfalls gesorgt wird!).

    Die bisherige forstliche Nutzung mit zu großen Femeln in Form von Kleinkahlschlägen, dem Versuch aus Hochwald durch Belassen weniger Altbäume auf Kleinkahlschlag Mittelwald zu erzeugen, die Ausführung sogenannter Sanitärhiebe oder die künstliche Schaffung von Totholz können keineswegs als behutsamer Umgang mit Naturschutzgütern bezeichnet werden.

    Leipziger Forscher erläutern in einem Diskussionspapier, warum aus ihrer Sicht Forstmaßnahmen im Auenwald nötig sind

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