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D-Mark, Euro und die zähe Bremsung in der sächsischen Lohnentwicklung

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    Der 3. Oktober naht. Das ist der Tag, an dem 1990 offiziell fünfeinhalb Länder in die Bundesrepublik Deutschland eintraten. Eigentlich ein simpler bürokratischer Akt, denn die eigentlichen Schritte zur deutschen Einheit waren alle schon vorher. Aber für Statistiker ist der Tag mal wieder Gelegenheit, so eine Art Bilanz zu versuchen.

    Nur um die wichtigsten Daten zur Deutschen Einheit einfach noch mal zu benennen: 9. November 1989, 1. Juli 1990, 23. August 1990 und 31. August 1990. Wer da am 3. Oktober erst gefeiert hat, der hat entweder die Zeit verpennt gehabt oder sich zu große Schampus-Vorräte angelegt.

    Sachsens Statistiker haben nun versucht, einmal auszurechnen, wie sich die Löhne in Sachsen seit 1991 entwickelt haben. Und was sich die Sachsen davon kaufen konnten.

    Natürlich ist es nur eine halbe Statistik, weil die Statistiker auch nur die Hälfte der Zahlen zur Verfügung haben, nämlich die zum Bruttomonatsverdienst eines vollzeitbeschäftigten und sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmers. Das ist nämlich das, was die Bundesarbeitsagentur erfasst. Über ein Drittel der Beschäftigung wird überhaupt nicht erfasst. Und in diesem Fall wird’s noch komplizierter, denn die Statistiker beschränken sich auf Produzierendes Gewerbe, Handel sowie Kredit- und Versicherungsgewerbe. Bis 2007. Dann ändert sich die Erfassungsgrundlage. Der riesige Bereich der Dienstleistung ist also teilweise genauso ausgespart wie Landwirtschaft, Bildung und Soziales. Der Grund: „Ab dem Jahr 2007 wurden neben dem Produzierenden Gewerbe weitere Dienstleistungsbereiche in die Verdiensterhebung einbezogen. Deshalb sind diese Beträge mit denen der zurückliegenden Jahre grundsätzlich nicht vergleichbar.“

    Also Zahlen, die man mit Vorsicht genießen sollte, auch wenn das erst einmal mächtig bombastisch klingt: Von 981 Euro hat sich der Durchschittsmonatsverdienst bis zum Jahr 2000 bereits auf 1.957 Euro verdoppelt. Weitere sechs Jahre später stieg er noch einmal um reichlich ein Sechstel (15 Prozent) auf 2.260 Euro.

    Aber auch hier wird sichtbar:

    Der Zuwachs hat sich nach der „Aufholjagd“ in den 1990er Jahren deutlich verlangsamt. Tatsächlich hat die Reallohnentwicklung in Sachsen seit 1999 stagniert, gab es bis 2007 nur minimale Lohnzuwächse, was freilich nichts mit „Hartz IV“ zu tun hat, sondern mit dem deutschlandweiten Pakt der deutschen Gewerkschaften, sich bei Lohnforderungen zurückzuhalten, solange die Bundesrepublik mit den damals hohen Arbeitslosenzahlen zu kämpfen hatte. Wer sich erinnert: Konservative Kommentatoren bezeichneten die Bundesrepublik damals als „kranker Mann Europas“. Eine Formel, mit der dann auch Druck dafür aufgebaut wurde, die neoliberale Arbeitsmarktreform unter dem Namen „Agenda 2010“ durchzusetzen.

    Erstaunlicherweise kam der deutsche Wirtschaftsaufschwung schon 2004 in Gang, bescherte auch Sachsen wieder leichte Lohnzuwächse, bis dann 2008 die Finanzkrise ins Kontor schlug. So besehen sind die erwähnten 15 Prozent schon wieder beachtlich, vor allem weil sie zum größten Teil auf der Entwicklung seit 2010 beruhen.

    Zwischendrin war ja dann auch noch die Einführung des Euro als Zahlungsmittel im Jahr 2002, ein Jahr, in dem viele Sachsen das vage Gefühl hatten, dass nun auf einmal alles doppelt so teuer war. Natürlich nur ein Bauchgefühl, dem Sachsens Statistiker nun versuchen beizukommen, indem sie ausrechnen, wie viel man sich zum Beispiel im Jahr 1991 für einen Euro hätte kaufen könne (mit dem Euro-Wert von 2014, nicht dem von 2002. Oder – als Vergleich – was man sich mit einer Deutschen Mark des Jahres 1991 im Jahr 2014 hätte leisten können.

    Die schöne Rechnerei macht natürlich sichtbar, wie die Inflation wirkt und durch beharrlich steigende Preise dafür sorgt, dass das Geld – scheinbar – immer weniger wert ist.

    Das wird schon am Euro deutlich.

    Ein normaler Euro war natürlich 2014 genau einen Euro wert. Ein Euro des Jahres 2002 hätte im Vergleich mit dem heutigen Euro eine Kaufkraft von 1,20 Euro gehabt. Man konnte sich für heutige 20 Cent mehr davon kaufen. Er hat also 17 Prozent an Wert eingebüßt.

    Hätte es im Jahr 1991 schon den Euro gegeben, sieht die Rechnung noch heftiger aus. Der fiktive Euro von 1991 hätte heute nur noch eine Kaufkraft von 0,67 Cent. Er hätte 33 Prozent seines Wertes eingebüßt.

    Das ist für Währungen normal. Zumindest heutzutage, wo fast alle das Loblied auf die Inflation singen und Deflation (man kann sich für dasselbe Geld MEHR leisten) immerfort verdammt wird.

    Aber dann ist ja da auch noch der güldene Glanz der D-Mark, den ein paar selbsternannte „Euro-Kritiker“ wieder beschworen haben. Soll ja (im Vergleich zum Euro) eine geradezu stabile Währung gewesen sein. War sie aber nicht. Das fiel nur nicht so auf. Das fällt auch in der Tabelle aus dem Landesamt für Statistik nicht so auf, weil die Statistiker nicht auch noch die Reihe für die DM ausgerechnet haben mit der Grundannahme, sie hätte 1991 genau 1 DM gekostet.

    Aber da die Inflationsrate in der Euro-Reihe dargestellt ist, braucht man nicht viel herumzurechnen.

    Eine DM aus dem Jahr 1991 war im Jahr 2001 – dem letzten Jahr ihres Gebrauches – nur noch 81 Pfennige wert. Sie hat in diesen zehn Jahren 18 Prozent ihrer Kaufkraft eingebüßt. Man muss die Reihe nur bis nach unten gehen: Das, was eine DM im Jahr 1991 noch an Kaufkraft hatte, hätte sich genauso gemindert, wie das beim Euro der Fall war. Eine DM hätte im Jahr 2014 nur noch 67 Prozent der Kaufkraft von 1991 gehabt. Und wer den Kaufkraftverlust in DM-Zeiten und in der Euro-Zeit vergleicht, der sieht: Das nimmt sich eigentlich nichts. Die Mark hatte genauso Schwund wie der Euro.

    Und das kann man dann umrechnen und kommt auf einen Betrag von 1,5 bis 2 Prozent, die hier als durchschnittliche Inflationsrate erscheinen.

    Der Erwerbstätige aber verliert jedes Jahr so einen Prozentsatz an Kaufkraft.

    Um das auszugleichen, müssen die Löhne steigen. Jedes Jahr um mindestens 1,5 bis 2 Prozent.

    Das taten sie in Sachsen nicht immer. Auch nicht in den hier berücksichtigten Branchen. In den frühen 1990er Jahren stiegen sie am heftigsten – um durchschnittlich 6,8 Prozent pro Jahr. Bekanntlich ja im Gleichklang mit dem permanenten Abbau von Arbeitsplätzen. Danach verlangsamte sich das Tempo deutlich.

    Und man findet noch einen besonderen Effekt in der Tabelle: Die Einführung von „Hartz IV“ in Deutschland ist sogar bis auf die Löhne im Verarbeitenden Gewerbe durchgeschlagen.

    Am reinen Durchschnittslohn sieht man es nicht: 2.219 Euro sind nun einmal mehr Geld als 2.179 Euro. Aber die Landesstatistiker aus Kamenz haben die Lohnentwicklung auf die Kaufkraftentwicklung umgerechnet. Das ist das, was wir oben erklärt haben. Wenn die Lohnzuwächse unter der Inflationsrate liegen, hat der Lohnempfänger einen realen Kaufkraftverlust.

    Übrigens ein Effekt, der auch 2011 und 2012 wieder auftrat, als auch in Industrie und Dienstleistung in Sachsen der Bereich der prekären Beschäftigung massiv ausgebaut wurde. Jetzt wuchs zwar die Beschäftigung wieder, die Arbeitslosenrate sank – dafür drückten die vielen prekären Jobs die Durchschnittslöhne nach unten.

    Und diese Tal-und-Berg-Fahrt in den Jahren seit 2001 hat dazu geführt, dass die Durchschnittslöhne nur noch mit 1,6 Prozent pro Jahr anstiegen. Womit die sächsischen Einkommen nicht mehr stark genug wuchsen, um die Einkommenslücke gegenüber den Durchschnittslöhnen im Westen der Republik zu schließen. 2009 erreichte Sachsen zwar zum ersten Mal 80 Prozent des Westniveaus. Aber seitdem hängt die Entwicklung bei 81 Prozent fest.

    Die Statistik aus dem Sächsischen Landesamt für Statistik.

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