Leipzig wächst, weil es der Kern einer zukunftsfähigen Metropolregion ist

Leipzig wächst. Und wächst. Und wird weiter wachsen. Das zeigt auch der jüngste Quartalsbericht der Stadt, den Ruth Schmidt, die Leiterin des Amtes für Statistik und Wahlen, am Montag, 7. September, vorstellte. Hinten, im gelb eingefärbten Teil, stehen da immer die aktuellsten Zahlen zur Stadtentwicklung. Und siehe da: Das Babyplappern wird uns weiter erfreuen.

An Babys hängt nun einmal alles. Das sehen auch die Bundesstatistiker so, die am Montag auch ihre neue Bevölkerungsprognose für die Bundesrepublik veröffentlicht haben. Motto: Die Flächenländer schrumpfen, die Stadtstaaten werden vielleicht noch ein bisschen wachsen.

Das Nervende an diesen Prognosen ist ihre grobe Rasterung. Denn man kommt zwar auf so ein Ergebnis, wenn man die Entwicklung auf Bundesländer berechnet. Aber Bundesländer werden nicht mehr die bestimmende Struktur sein in der Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland, sondern Metropolen. Mitten in einem von Narren regierten Europa, in dem die Nationalismen wieder fröhlich Auferstehung aus dumpfen Gemächern feiern, ist längst eine Entwicklung im Gang, die die Strukturen des ganzen Kontinents neu definiert – und zwar als Wirtschaftsstrukturen. Die EU hat das vor 20 Jahren schon erkannt. Die nationalen Regierungen bis heute nicht, die föderalen Regierungen erst recht nicht. Sie träumen noch immer von „blühenden Landschaften“, wo es um funktionierende Strukturen geht.

Und man muss Sachsen gar nicht verlassen, um zu sehen, welche Zugkraft Wirtschaftsstrukturen entwickeln, moderne Wirtschaftsstrukturen erst recht. Denn natürlich bieten sie Einkommen, Karriere- und Entwicklungschancen. Sie bieten Infrastrukturen, Bildungseinrichtungen, soziale und kulturelle Vielfalt. Sie bieten das, was die Regierungspolitiken nur noch als vages Versprechen formulieren. Und das Erstaunliche ist: Es gilt wieder, was vor 800 Jahren schon mal galt: Stadtluft macht frei.

Wer jung ist, weiß es: Die großen Städte sind es, die heute noch ermöglichen, sein eigenes Leben frei zu gestalten. Frei von den Zwängen der Provinz, frei von den Verkrustungen einer reduzierten Lebensstruktur.

Und wo selbst Leipzigs Statistiker noch den Kopf wiegen und fürchten, der Zustrom nach Leipzig könne versiegen, sagen auch die Sommerzahlen 2015, dass da erst mal gar nichts versiegt. Um 12.388 Bewohner ist Leipzig von Juni 2014 bis Juni 2015 gewachsen. Das sind die Zahlen aus dem Melderegister der Stadt. Das Stadtwachstum geht also auf hohem Level weiter. Und künftig werden die jungen Neuleipziger nicht nur aus Sachsen, Brandenburg oder Sachsen-Anhalt kommen oder aus diversen westlichen Bundesländern, sondern auch verstärkt aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern des destabilisierten Nahen Ostens.

Natürlich kann man darüber diskutieren, ob nun die Amerikaner am Syrien-Irak-Debakel Schuld sind. Sind sie auch. Zumindest ein gewisser George W. Bush darf sich das auf die Fahnen schreiben.

Aber die andere Frage ist natürlich: Hätten da nicht auch die Europäer mehr tun können, um den Norden Afrikas in eine stabilere und wohlhabendere Zukunft zu leiten? Haben sie nicht. Wissen ja alle.

Der Effekt ist aber logisch: Wenn eine ganze Region derart wirtschaftlich in die Binsen geht, dann brechen die Menschen auf und suchen nach Orten, wo sie mit ihrem Wissen, Können und Wollen etwas tun können. Menschen sind eigentlich Wesen, die mit ihrer Hände und Köpfe Arbeit an einer sinnvollen Zukunft arbeiten wollen. Davon hat übrigens in den vergangenen 150 Jahren ein Land besonders profitiert: die USA. Es waren zum Teil die klügsten Köpfe aus aller Welt, die die USA erst zur wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Supermacht gemacht haben.

Das ist so langsam vorbei. Auch in den USA regieren mittlerweile die Grenzzaun- und Mauerbauer, ist die konservative Mehrheit nur zu sehr bereit, das Land dicht zu machen und abzuschotten.

Eigentlich ist das die große Chance Europas. Denn so niedrige Geburtenraten wie in der Bundesrepublik – 1,4 Kinder pro Frau – haben mittlerweile viele europäische Länder. Sie sind dringend auf Zuwanderung angewiesen. Zuwanderung in Arbeit, in Wissenschaft, in Kultur und in Dienstleistung.

Das Modell des künftigen Europa ist in Leipzig schon in Ansätzen zu sehen: Es wird viel mehr von wirtschaftlichen Knotenpunkten bestimmt, die untereinander möglichst reibungslos vernetzt sind. Das sind sie noch nicht wirklich, weil reihenweise Provinzfürsten auf der Bremse stehen und lieber alte Tagebaue retten, als schnelle Zugverbindungen in den nächstgelegenen polnischen Netzknoten um Wroclaw.

Sie glauben noch immer, dass man mit Kohle Geld verdient und Arbeitsplätze sichert. An Bildung als Wirtschaftsfaktor glauben sie nicht. Das ist die aktuelle Tragik Sachsens im speziellen und des bundesdeutschen Föderalismus im Allgemeinen. Die Strukturen passen nicht zu den Entwicklungen. Sie bremsen die Entwicklung. Alles, was derzeit in Leipzig passiert, passiert trotz dieser hemmenden Barrieren. Und zwar gerade deshalb, weil die Kernstrukturen funktionieren, weil sich die Metropolisierung Mitteldeutschlands direkt auf das Leben der jungen Menschen auswirkt. Und wenn es nur erst einmal durch zwei Familienjobs in der Dienstleistung ist.

Nicht auszudenken, wie dieser Metropolkern Leipzig / Halle sich entwickeln würde, wenn auch noch Geld da wäre, Risikokapital für neue Firmen, Ideen und Branchen.

Im ersten Halbjahr 2015 ging das Bevölkerungswachstum munter weiter. In den ersten drei Monaten gab es allein ein Wanderungsplus von 2.696 neuen Leipzigern, in den nächsten drei Monaten kamen noch einmal 2.233 dazu. Die meisten Wanderungsgewinne hat Leipzig traditionell immer im zweiten Halbjahr, wenn Ausbildung und Studium beginnen. Über 8.000 betrug der Wanderungsgewinn im 2. Halbjahr 2014. Am Jahresende wird Leipzig also locker auch in den amtlichen Registern über 550.000 Einwohner haben.

Dazu kommen dann noch einige Gewinne aus dem Saldo von Geburten und Sterbefällen. Zumindest war das 2014 so, als Leipzig erstmals wieder nach über 20 Jahren mehr als 6.000 Geburten verzeichnete. Das kann auch 2015 wieder so kommen.

Bis zum 30. Juni verzeichnet das Melderegister schon einmal 3.066 Geburten. Das sind schon wieder ein paar mehr als im Vorjahr. Die Stadt wird also vorerst nicht aufhören können, Kitas und Schulen zu bauen. Sie muss sogar das Tempo beim Schulenbauen erheblich beschleunigen, auch wenn sie eigentlich das Geld dafür nicht hat. Das Geld fließt falsch in Sachsen. Darüber haben wir oft genug geschrieben – und werden wohl auch noch oft darüber schreiben müssen.

Aber erst einmal widmen wir uns im nächsten Teil den Flüchtlingen, Ausländern und Migranten, die eigentlich nur in Statistiken noch solche sein sollen. Im Alltag sollten sie allesamt sehr schnell echte Leipziger werden, denn nur dann funktioniert die Integrationsmaschine Metropolregion. Und wenn die Leute, die das Geld „genehmigen“, die richtigen Entscheidungen treffen, kann in Mitteldeutschland durchaus eine spannende Geschichte beginnen. Die Fadenenden haben wir in der Hand. Aber es sind nicht nur die Legida-Narren, die mit einer Schere herumlaufen.

BevölkerungswachstumMetropolregionGeburten
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