Für Statistiker ist es so eine Art Löffelbiscuit: Am 26. Oktober sammelten Sachsens Landesstatistiker mal alle Zahlen zu Mehrlingsgeburten im Land zusammen. Bis 2013 sah es so aus, als würde der Freistaat da von Rekord zu Rekord rennen: 614 Mehrlingsgeburten - das war einsame Spitze seit 1990. Beinah wie die Geburtenzahl an sich.

“In Sachsen wurden 2014 bei 35.497 Geburten 36.094 Kinder geboren, darunter waren  583 Mehrlingsgeburten mit insgesamt 1.180 Mehrlingskindern. Jedes 31. geborene Kind war damit ein Mehrlingskind”, formulieren die Landesstatistiker. “Mit 569 Zwillingsgeburten und 14 Drillingsgeburten war 2014 ein leichter Rückgang der Mehrlingsgeburten zu verzeichnen. Gegenüber dem Vorjahr gab es zwar 8 Drillingsgeburten mehr, aber 39 Zwillingsgeburten weniger.”

Der Rest war dann eigentlich nur noch Zahlenspielerei. Auch wenn einige Zahlen zumindest ein Blitzlicht geben in die geheimnisvolle Welt der jungen Mütter: “Im Jahr 2014 waren bei 55 Prozent der Mehrlingsgeburten die Eltern miteinander verheiratet, bei den Einzelgeburten waren es dagegen 40 Prozent. Auch beim Durchschnittsalter der Mütter lassen sich Unterschiede erkennen. Mit durchschnittlich 30,3 Jahren waren die Mütter bei der Geburt nur eines Kindes jünger als die Mütter bei einer Mehrlingsgeburt mit durchschnittlich 32,0 Jahren.”

Was dann auch einen der Gründe dafür benennt, warum der Anteil der Mehrlingsgeburten seit 1994 so drastisch gestiegen ist: Die betroffenen Mütter erfüllen sich ihren Kinderwunsch meistens später, haben oft auch schon ein längeres Berufsleben hinter sich. Und die Chemie tut ihren Teil dazu.

Und das wieder hat mit den großen wirtschaftlichen Umbrüchen ab 1991 zu tun: Viele junge Frauen verließen damals den Freistaat gen Westen, weil im Land selbst einfach kein Job zu finden war. Die Geburtenzahl rauschte von 49.966 im Jahr 1990 auf 31.438 im Folgejahr und auf 22.832 im Jahr 1994 hinunter. Und parallel stieg damals der Anteil der Mehrlingsgeburten von 0,89 auf 1,2 Prozent. Mit 1,79 Prozent wurde 2013 der Spitzenwert erreicht. 2014 ging der Wert wieder leicht auf 1,64 zurück.

Trotzdem stieg die Gesamtzahl der lebend geborenen Kinder wieder von 34.800 auf 35.935. Was ja den Schluss zulässt, dass wieder mehr jüngere Mütter sich einen Kinderwunsch erfüllten – in der Regel wurden das dann Einzelgeburten. Und die 36.094 geborenen Kinder, das ist tatsächlich der höchste Wert seit 1991 gewesen. In Leipzig gab es ja bekanntlich erstmals wieder mehr als 6.000 Geburten: Mit 6.253 lebend geborenen Kindern lag Leipzig damit auch erstmals wieder dicht hinter Dresden, wo es 6.300 lebend geborene Kinder gab. Jedes dritte Kind wurde also in einer der beiden großen Städte geboren.

Und der Faktor Mehrlingsgeburten deutet auch noch auf etwas anderes hin, denn wenn junge Frauen sich ihren Kinderwunsch früher erfüllen, bedeutet das in der Regel auch, dass sich die wirtschaftliche Sicherheit der jungen Familien etwas stabilisiert hat. Oft haben beiden jungen Elternteile (ob nun verheiratet oder nicht) eine Erwerbsarbeit und die Betreuung der Kinder ab dem vollendeten 1. Lebensjahr scheint gesichert.

Manchmal greifen wichtige Grundversorgungen einfach sinnfällig ineinander: ein ausreichendes Arbeitsplatzangebot, ausreichend hohe Löhne auch für Berufseinsteiger, zuverlässige Kinderbetreuung und stabile Infrastrukturen in den Großstädten zum Beispiel, die eben in all diesen Beziehungen nicht nur Motor, sondern auch sichere Insel in einer Umgebung sind, in der sonst Alles wie auf Abruf steht.

Selbst im Sinne einer stabilen demografischen Entwicklung wäre eine Landesregierung hier eigentlich gefragt, die stabilen Strukturen zu fördern.

Aber dieses Umdenken in der Landespolitik, die geradezu gebannt nur das Thema Überalterung und Schrumpfung vor sich sieht, ist nicht zu spüren. Und das ist gefährlich, denn das macht die Landespolitik sichtlich unflexibel selbst in Situationen, in denen punktgenaues Investment angeraten wäre. Tatsächlich lässt man gerade jetzt die Großstädte ins offene Messer beim bezahlbaren Wohnungsbau rennen und produziert damit natürlich auch wieder Probleme für die jungen Familien – denn wenn eine bezahlbare Wohnung nicht zu finden ist, wird auch so mancher Kinderwunsch wieder vertagt.

Landespolitik könnte sehr punktgenau und zielführend all jene Bedingungen fördern, die Familienbildung und Kinderkriegen begünstigen. Es sind oft genau dieselben, die auch die Wirtschaft in einer Region stabilisieren. Aber dazu fehlt augenscheinlich das Handbuch im politischen Geschäft. Und so bleibt Zögern und Zaudern und Sparen als frappierend zukunftsloser Dreiklang in der sächsischen Landespolitik unübersehbar.

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