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Was das Gefühl von Ungerechtigkeit mit der Bevölkerungsentwicklung in Sachsen zu tun hat

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    Sachsen ist ein Land in der Klemme. Statistisch ist das alles längst bekannt. Doch die zum Teil bittere Wahrheit wurde immer wieder durch regierungsamtliche Schönfärberei weggeredet. Auch deshalb hat sich schleichend das Gefühl verbreitet, dass dieser Politik nicht zu trauen ist. Und die aktuelle Umfrage der "Sächsischen Zeitung" thematisiert diesen Unmut nun auch erstmals in einer der sächsischen Regionalzeitungen. Und bestätigt damit die Kritik der SPD.

    „47 Prozent der Sachsen meinen, im Vergleich zu Westdeutschland keinen gerechten Anteil am Lebensstandard zu bekommen. Aus diesem Gefühl entwickelt sich auch Skepsis gegenüber der Demokratie – bis hin zur Sehnsucht nach einem ‚starken Führer‘. Das zeigt überdeutlich, dass wir eine offene Debatte über Gerechtigkeit brauchen“, erklärte am Montag, 29. Januar, Henning Homann, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag und demokratiepolitischer Sprecher, zur jüngsten Umfrage der „Sächsischen Zeitung“. „Daran muss sich auch die Wirtschaft beteiligen und handeln.“

    Denn, so Homann: „Lohnunterschiede zwischen Ost und West, längere Arbeitszeiten wie in der Metall- und Elektroindustrie und geringe Tarifbindung verstärken das Gefühl bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, dass ihre Stimme und ihre Leistung im Unternehmen nicht zählen. Hier kann sich die Wirtschaft nicht hinter der Politik verstecken.“

    Aber – das ist die Einschränkung: Das ist die klassische Interpretation. Die in gewisser Weise auch negiert, dass der Osten seit 1990 einen doppelten Transformationsprozess absolvierte. Nicht nur den Umbau einer heruntergewirtschafteten Staatswirtschaft galt es zu meistern. Das war immer nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte haben die jeweils verantwortlichen Politiker stets ignoriert: Der Osten war das erste großflächige Experimentierfeld der Deindustrialisierung. Und hier hätte man ganz bewusst die Frage versuchen müssen: Was passiert eigentlich mit einer fast komplett von ihrer Industrie entblößten Region?

    Und was müsste man tun, um hier die Lebensbedingungen der Menschen zu stabilisieren?

    Genau das aber wurde in all den Jahren nie beantwortet. Ergebnis ist natürlich genau dieses Brodeln in den Köpfen, der allgegenwärtige Unmut und das Gefühl, betrogen und ausgegrenzt zu sein. Wenn es sich Politik zu leicht macht, indem sie solche Entwicklungen ignoriert, entstehen abgehängte Regionen und politische Erdrutsche. Nicht nur im deutschen Osten. Dieselben Phänomene gibt es ja in den USA („rust belt“), England, Frankreich, Polen usw.

    Und die Bewohner dieser Regionen reagieren natürlich. Sie wählen „Erlöser“ und „Heilsfiguren“. Oder sie ziehen um. Oder – um einmal den beliebtesten Spruch denkfauler Politiker zu benutzen: „Sie stimmen mit den Füßen ab.“

    In den 1990er Jahren verlegten sie zu Hunderttausenden ihren Wohnsitz in den Westen.

    Und seit der Jahrtausendwende ist auch ein anderer Effekt unübersehbar: Sie verlassen die strukturschwachen ländlichen Regionen und ziehen in die Großstädte, wo sich die moderne Wirtschaft angesiedelt hat, die den besser ausgebildeten jungen Leuten tatsächlich noch Arbeit gibt. Nicht unbedingt gut bezahlte. Aber attraktiv genug, den Konzentrationsprozess in Ostdeutschland und Sachsen immer weiter voranzutreiben.

    Ergebnis: 2017 überschritt die Bevölkerungsentwicklung eine magische Schwelle. Nicht bei der Absolutzahl. Da sank die Bevölkerungszahl im Lauf des Jahres sogar wieder von 4.084.851 auf 4.081.783, nachdem sie in den Vorjahren endlich wieder gestiegen war. Aber das natürlich vor allem durch die Aufnahme von Flüchtlingen. Die ja dann – mit begeisterter Mauer-Politik von altem Schrot und Korn – gestoppt wurde.

    Also kommt Sachsen wieder zurück in die alten Bewegungsmuster: Die ländlichen Räume schrumpfen. 2016 um 14.739 Personen. Zuwachs verzeichneten dafür die Großstädte: plus 11.671. Diese offizielle Zahlen für Dezember 2016 hat jetzt das Statistische Landesamt endlich vorgelegt.

    Leipzig war natürlich der Motor. Hier wuchs die Bevölkerung ganz amtlich von 560.472 auf 571.088.

    Aber Leipzig ist auch das Muster für die Entwicklung, die im kompletten Osten stattfindet. Die modernen Unternehmen siedeln sich fast alle in und um die Großstädte an. Mit dem demografischen Effekt, dass die Bevölkerung sich zusehends in diesen Metropolkernen sammelt.

    Die magische Linie: Ende 2016 lebte erstmals mehr als jeder dritte Sachse in einer der drei Großstädte.

    Lag der Wert Ende 2015 noch bei 33,12 Prozent, waren es am Jahresende 33,43 Prozent. Und das wird so weitergehen, denn bei Demografie geht es immer um tragfähige Wirtschaft und um tragfähige Strukturen. Natürlich hätte auch Sachsens Regierung gegensteuern können. Aber die einst von Ministerpräsident Georg Milbradt initiierten Demografie-Konferenzen verlieren sich mit Milbradts Abgang. Und hernach regierte in Dresden die personifizierte Ahnungslosigkeit.

    Deswegen vermissen die ratlosen Sachsen natürlich auch so etwas wie eine belastbare Zukunftsvision, die nicht nur aus einem Lamento über Bevölkerungsschwund und Vergreisung besteht.

    Die neue LZ ist da: Silvesterknaller, Treuhandschatten, Sondierungs-Gerumpel und eine Stadt in der Nahverkehrs-Klemme

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    1 KOMMENTAR

    1. Das lässt sich auch in Cottbus beobachten: deindustrialisiert. Einziger größerer Arbeitgeber Vattenfall, und dann kommt lange nichts. Ein paar Landesgeschäftsstellen, bisschen Verwaltung, bisschen Dienstleistung, die BTU, das wars. Was bleibt: niedrige Löhne, hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung, Frust bei den Gebliebenen. Den Rest sehen wir jede Woche in den Nachrichten

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