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2019 muss Leipzigs Bevölkerungsprognose neu berechnet werden

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    Am Montag, 16. April, erschien Leipzigs Quartsbericht Nr. IV/2017, also der letzte fürs abgelaufene Jahr. Der auch noch einmal ein Thema bündelt, das die Stadtverwaltung in nächster Zeit beschäftigen wird: Wird das Leipziger Bevölkerungswachstum eigentlich so weitergehen? Oder ist jetzt der Wurm drin?

    Natürlich ist der Wurm drin. Einige Parameter, mit denen Leipzigs Statistiker 2016 die neue Bevölkerungsprognose errechnet haben, sind so nicht stabil geblieben. Um das einordnen zu können, muss man wissen, dass immer nur ein Stichtag Grundlage der Hochrechnung ist. In diesem Fall war es der 31. Dezember 2015. 2015 war auch gekennzeichnet durch die riesige Hilfsaktion von Angela Merkel den syrischen Flüchtlingen gegenüber. Das hatte – als die Flüchtlinge ab September 2015 in Sachsen ankamen – auch sofort Auswirkungen auf Leipzig. Überall wurden neue Großunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen aus dem Boden gestampft. Die Bundesrepublik richtete sich darauf ein, dass mindestens drei, vier Jahre lang Kriegsflüchtlinge in dieser Größenordnung nach Deutschland kommen würden.

    Dass die Bundesrepublik gleichzeitig massiv daran arbeitete, die Flüchtlingsströme versiegen zu lassen und dafür vor allem die Türkei massiv mit Geld ausstatten ließ, das kommt in der deutschen Diskussion nicht vor. Was schon verblüfft. Denn die Rettungsaktion von 2015 wird Angela Merkel bis heute angekreidet, die Rechtsradikalen und Populisten argumentieren damit bis heute gegen die Bundeskanzlerin, obwohl sie seit zwei Jahren nichts anderes tut, als den Forderungen der Rechtsausleger nachzukommen. Die Zahl der Zuwanderer ist schon 2016 zusammengebrochen. 2017 tröpfelte sie nur noch. Der Familiennachzug ist noch immer ausgesetzt.

    Und das hat logischerweise Auswirkungen auf die tatsächlichen Wachstumszahlen in Leipzig. Denn – so schreibt es auch Andrea Schultz in ihrem Beitrag „Zweite Evaluierung der Bevölkerungsvorausschätzung 2016“ – die Prognose von 2016 ging noch davon aus, dass erst 2018/2020 mit einem Rückgang der Flüchtlingszahlen zu rechnen sei.

    Tatsächlich gab es den Rückgang schon 2016. Was der Hauptgrund dafür ist, dass die Leipziger Bevölkerungszahl im Dezember 2017 schon um 8.000 unter der geschätzten Zahl in der Hauptvariante lag. Statt 598.300 Einwohner hatte Leipzig nur 590.337.

    Und die Bevölkerungsentwicklung läuft auch noch unter der untersten Prognose, die bei 594.000 lag.

    Mittlerweile wandern ja die 2015 registrierten Zuwanderer auch schon wieder zu Tausenden ab aus Sachsen. Die fremdenfeindlichen Erscheinungen in Ostsachsen zeigen Wirkung, genauso wie die oft völlig unverständlichen Asylentscheidungen und die bürokratischen Begleitumstände eines Versuches, auf dem sächsischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Sachsen haben sich wirklich von ihrer „besten“ Seite gezeigt. Ein gastfreundliches Land ist der Freistaat nicht. Obwohl die Arbeitskräfte gebraucht werden.

    Aber das lässt sich nur vermitteln, wenn die Staatsregierung beginnen würde, über das Thema Demografie offen und kenntnisreich zu berichten.

    Aber Demografie ist ja ein Thema, das gerade in der konservativen Politik immer hinter den Kulissen-Themen „Heimat & Familie“ verschwindet, romantisch aufgekocht und ein bisschen menschenfeindlich gewürzt.

    Tatsächlich wird unter diesen Butter-Labeln eine Politik gemacht, die Familiengründungen massiv erschwert und gerade die jungen Berufsanfänger mit den Lasten einer Politik beschwert, die die flexible Verfügbarkeit von Billigarbeitskräften für wichtiger hält als eine stabile Umgebung für Familien mit Kindern.

    Ergebnis: Die heimischen Geburtenraten bleiben im Keller. 2016 konnten Leipzigs Statistiker noch mit einer Quote von 1,52 Kindern pro Frau rechnen, die Wirklichkeit seitdem zeigt aber wieder nur die alte Quote von 1,45. Das heißt: Man hat die Zuwanderung in die Stadt zu hoch berechnet und die Geburtenzahl ebenfalls. Das eine wirkt sich mit 4.000 Einwohnern weniger aus, das andere mit 190.

    Vergleich der alten Bevölkerungsprognosen (unten), der von 2016 (oben) und der tatsächlichen Entwicklung (rote Linie). Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV / 2017
    Vergleich der alten Bevölkerungsprognosen (unten), der von 2016 (oben) und der tatsächlichen Entwicklung (rote Linie). Grafik: Stadt Leipzig, Quartalsbericht IV / 2017

    Und beide Fehler sorgen dafür, dass auch die in die Zukunft projizierten Zahlen nicht mehr stimmen.

    Leipzig bleibt also dauerhaft unter der 2016 berechneten Mindestvariante, die für die Messestadt im Jahr 2030 immerhin noch 670.000 Einwohner voraussagte. Die viel zitierten 720.000 Einwohner gehören zur Hauptvariante. Es gab auch noch eine Maximalvariante von 760.000.

    Aber war die Prognose von 2016 deshalb so falsch?

    „Nein“, sagt Dr. Andrea Schultz, Abteilungsleiterin Stadtforschung im Amt für Statistik und Wahlen. Im Gegenteil: Die Prognose war wichtig, weil sie überhaupt erst einmal den Blick dafür öffnete, dass Leipzig stärker wuchs als zuletzt erwartet. Denn die letzte Bevölkerungsprognose von 2013 sah für Leipzig bis 2030 nur ein Wachstum auf 590.000 Einwohner vor. Hätte die Stadt mit dieser Zahl weiter geplant, hätte sie nichts mehr planen müssen. Die Zahl ist ja längst erreicht.

    Auch die Prognosen des Landesamtes für Statistik liegen immer wieder viel zu niedrig.

    Was tun?

    Immer wieder neu rechnen, sagt Andrea Schultz. Denn kurzfristige Einflüsse, die langfristig die Zahlen verzerren, sind nie auszuschließen. 2019 ist deshalb die nächste Bevölkerungsvorausberechnung dran. Mit den Daten vom 31. Dezember 2018.

    Der Blick auf die Grafik zeigt übrigens, dass die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung zwar unter der Prognose von 2016 liegt, trotzdem aber über allen anderen Prognosen – der von 2013 genauso wie denen des Freistaats. Die nächste Hochrechnung wird sich also irgendwo dazwischen ansiedeln.

    Und die Entwicklungen im Jahr 2018 werden einen starken Einfluss haben. Denn mittlerweile schlagen ja auch andere Einflüsse zu, die eine mögliche Zuwanderung bremsen. Denn einige Bauvorhaben, die 2016 noch in die Berechnung eingeflossen sind, sind bis jetzt nicht gekommen – das betrifft die Wohngebiete am Lindenauer Hafen genauso wie die Planungen in Meusdorf. Was 2018 tatsächlich passiert, wissen wir ja noch nicht wirklich.

    Das Jahr 2017 hatte zwar ein etwas geringeres Wachstum – aber es war eindeutig noch ein eindrucksvolles Wachstumsjahr.

    Nur wird jetzt niemand mehr aus voller Brust verkünden, dass Leipzig schon 2018 die 600.000er-Marke knackt.

    Das fehlende Wohnungsangebot im bezahlbaren Bereich bringt Leipzigs Wachstum abrupt zum Erliegen

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