Im Frühjahr lösten wir damit noch einen kleinen Sturm im Wasserglas aus, als wir vermeldeten, dass es mit Leipzigs großem Bevölkerungswachstum vorbei sei und man sich die 600.000 für dieses Jahr in den Wind schreiben könne. Mit dem neuen Quartalsbericht Nr. 3/2018 bestätigen jetzt auch Leipzigs vorsichtige Statistiker diese Entwicklung.

Schon 2017 hatte es sich abgezeichnet, gerade mal ein Jahr, nachdem die jüngste Bevölkerungsprognose erst hinaufgeschraubt worden war auf 720.000, vielleicht gar 760.000 Einwohner im Jahr 2030.

Aber dieser Prognose lagen Zuwanderungszahlen zugrunde, die der netten kleinen Handelsstadt am Westrand Sachsens jedes Jahr Bevölkerungszuwächse von über 10.000 gebracht hätten. Wenn sie denn gekommen wären. Aber die Zeiten der großen Zuwächse sind vorbei. Schon 2017 flachte sich das Wachstum ab, gab es zwar noch einen Zuwachs von 10.892 Leipzigern. Aber schon zum Jahresende war klar, dass der Zuzug nach Leipzig deutlich nachließ.

Möglicherweise hat es tatsächlich mit dem deutlich verknappten Wohnungsangebot zu tun. Viel hat es auf jeden Fall mit der gedrosselten Zuwanderung aus dem Ausland zu tun. Denn ohne die Zuwanderung aus dem Ausland wäre Leipzigs Bevölkerungswachstum schon seit Jahren deutlich niedriger ausgefallen. Was ja das große Kopfzerbrechen der Statistiker in der vorletzten Bevölkerungsprognose gewesen war.

Denn eigentlich geben die ländlichen Räume Mitteldeutschlands kein großes Wachstum mehr her. Die jungen Leute sind dort rar geworden. Und bislang speiste sich das Wachstum der Großstädte aus diesen jungen Leuten, die zu Ausbildung und Studium in die Großstädte wandern und dann gern dort bleiben und Familien gründen und Kinder bekommen.

Aber so etwas erschöpft sich irgendwann, erst recht, wenn die jungen Leute im Schnitt immer noch nur 1,46 Kinder bekommen, viel zu wenig, um auch nur den Bevölkerungsbestand zu halten.

Man hatte also die Zuwanderung aus dem Ausland zuerst deutlich unterschätzt – und 2016 deutlich überschätzt. Oder besser: Man hat die Abschiebe- und Absperr-Mentalität der deutschen Staatspolitik unterschätzt.

Was dann 2018 endgültig in der Leipziger Bevölkerungsstatistik sichtbar wurde.

Im ersten Quartal wurden gerade einmal 551 Leipziger mehr registriert als im Dezember 2017, im zweiten Quartal kamen 798 hinzu, im dritten Quartal kamen nun 1.315 hinzu. Im Oktober kamen jetzt zwar noch einmal 2.687 hinzu, der übliche Herbsteffekt, verbunden mit dem Semesterbeginn in den Leipziger Hochschulen. Aber die 600.000 werden in diesem Jahr nicht mehr erreicht, ist sich Statistiker Peter Dütthorn sicher. So viele werden im November und Dezember nicht mehr dazu kommen.

595.870 Leipziger waren Ende Oktober im Melderegister der Stadt gespeichert, sodass zum Jahresende mit einem Bevölkerungsplus um die 5.000 bis 6.000 gerechnet werden kann. Das ist nicht wenig. Schon gar nicht im Sachsenvergleich, wo Leipzig auch mit so einem Bevölkerungswachstum einsam herausragt.

Selbst die Landesstatistiker bestätigen es, auch wenn sie mit ihrer Auswertung ein halbes Jahr hinterherhängen. Aber während Leipzig in ihrer Statistik im ersten Quartal um 305 Einwohner wuchs, hatten selbst Chemnitz und Dresden ein Minuszeichen vor der Bevölkerungsentwicklung.

Für ganz Sachsen steht sogar ein ganz fettes Minus da: minus 5.645 Einwohner in drei Monaten.

Damit ist Sachsen wieder genau da, wo es vor dem ganzen Gezänk um Obergrenzen und Drosselung der Zuwanderung war: ein hinschmelzendes Land, das seine Bevölkerung einfach schon durch Überalterung und zu geringe Geburtenraten verliert.

Oder mal so formuliert: Der wachsende Fachkräftemangel ist 1.) selbst gemacht und wird sich 2.), wenn das so weitergeht, immer mehr verschärfen.

Und Leipzig hat nach wie vor die Trumpfkarte, dass die Stadt für Zuwanderer aus dem Ausland attraktiv ist. Ein Thema, mit dem sich die Studentin der Survey-Statistik Guangxin Xie von der Uni Bamberg einmal eingehend beschäftigt hat.

Womit wir uns im nächsten Beitrag zu Quartalsbericht beschäftigen.

Eine Muntermacher-LZ Nr. 61 für aufmerksame Zeitgenossen

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