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Donnerstag, 21. Januar 2021

Leipziger bestätigen schlechter werdenden Gesundheitszustand seit 2013

Von Ralf Julke

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    Armut macht dick. Manchmal scheint das so zu sein. Arme Leute haben kein Geld fürs Sportstudio, müssen Fastfood aus dem Supermarkt essen und können sich gesundes Obst und Gemüse nicht leisten. Seit 2013 fragt Leipzigs Bürgerumfrage auch nach Sport, Gesundheit und Lebendgewicht der Bürger. Und auch für 2017 gilt: Die halbe Stadt läuft mit heftigem Übergewicht durch die Gegend.

    Nur 49 Prozent der Befragten hatten einen normalen Body-Mass-Index. 49 Prozent hatten Übergewicht (davon 14 Prozent richtig krankhaftes Übergewicht – Adipositas), 2 Prozent hatten Untergewicht. Was zumindest eine ernüchternde Bilanz ist, da Leipzig das Thema ja nun seit Jahren auf der Tagesordnung hat. Nur tun kann die Stadt nicht viel.

    Eigentlich kann sie nur versuchen, genügend Sportstätten zur Verfügung zu stellen, damit die Menschen sich mehr bewegen. Was zumindest eine Ursache des Übergewichts ist: die fehlende Bewegung.

    Darauf deutet jedenfalls auch wieder die Befragung zu den sportlichen Aktivitäten hin. Immerhin 55 Prozent der Leipziger geben an, häufiger sportlich aktiv zu sein. Ein Wert, der seit 2013 sogar leicht gestiegen ist – von damals 52 Prozent. Und vor allem eine Altersgruppe fällt auf durch deutlich mehr sportliche Aktivität: die Senioren ab 65 Jahre. Bei ihnen stieg der Anteil der sportlich Aktiven von 46 auf 56 Prozent.

    Augenscheinlich hat die Botschaft die älteren Leipziger jetzt tatsächlich erreicht, dass man schnell und gründlich krank und fett wird, wenn man sich nach dem Berufsende nicht mehr körperlich betätigt. Denn viele Menschen bleiben im Berufsleben auch deshalb lange relativ gesund und normalgewichtig, weil sie in Bewegung bleiben – auch auf der Arbeit.

    Auch wenn die Statistik nun zeigt, dass sich die meisten Leipziger das Übergewicht im Lauf des Lebens anfressen und ansaufen. Bei den unter 34-Jährigen haben noch 65 Prozent der Befragten Normalgewicht. Nur 6 Prozent sind adipös. Was freilich schon alarmierend genug ist.

    Denn das bedeutet eben auch, dass trotzdem schon 32 Prozent der Befragten ein ungesundes Übergewicht mit sich herumschleppen. Das die meisten dann nie wieder loswerden. Und augenscheinlich sorgt unser „moderner“ Lebensstil dafür, dass immer mehr Menschen Übergewicht ansammeln. Entweder weil sie nur noch sitzen – egal, ob bei der Arbeit, im Auto oder zu Hause vorm Bildschirm – oder/und weil sie sich falsch ernähren.

    Die Umfrage zeigt ja nur die Ergebnisse. Schon bei den 35-bis 49-Jährigen sind 48 Prozent übergewichtig, davon sogar schon 13 Prozent adipös. Das heißt eben das, was die Leipziger Adipositas-Forscher immer wieder betonen: Übergewicht ist eine moderne Volkskrankheit. Mit fatalen Folgen, wie wir wissen – mit Folgeerkrankungen für den Gelenkapparat, den Kreislauf und (eigentlich noch beängstigender) für das Gehirn.

    Einschätzung des Gesundheitszustandes nach Ortsteilen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017
    Einschätzung des Gesundheitszustandes nach Ortsteilen. Grafik: Stadt Leipzig, Bürgerumfrage 2017

    Und wenn schon so früh ganze Bevölkerungsteile dauerhaft übergewichtig werden, was passiert dann erst bei den Älteren?

    Bei den 50- bis 64-Jährigen sind dann schon 58 Prozent übergewichtig (davon 19 Prozent adipös) und bei den Senioren dann sogar 65 Prozent (und 21 Prozent adipös). Wobei es im hohen Alter ja oft schon zu spät ist, weil der Verschleiß des Gelenkapparates kaum noch ausgiebige sportliche Betätigung ermöglicht.

    Aber das Signal scheint trotzdem angekommen zu sein, wenn der Anteil der sporttreibenden Senioren so deutlich gestiegen ist.

    Bleibt noch die Frage nach dem Geld: Hängt das Übergewicht wirklich mit den schlechten Einkommen zusammen?

    Wenn man die sportliche Aktivität allein für sich betrachtet, dann trifft das zu. In fast allen Altersgruppen – und ganz unübersehbar ab dem 45. Lebensjahr steigt die sportliche Aktivität mit dem Einkommen. Das ist selbst bei den Senioren so. Bei den Leipzigern, die mit weniger als 800 Euro auskommen müssen, was nun wirklich ein echter Vogelschiss ist, liegt der Anteil der sportlich Aktiven zwischen 28 und 40 Prozent, während er bei den Menschen mit Einkommen über 1.400 Euro zwischen 48 und 69 Prozent liegt.

    Das alles in diesem Fall nur auf die älteren Jahrgänge über 45 Jahre bezogen. Bei den 18 bis 44-Jährigen liegen in allen Einkommensgruppen die sportlichen Aktivitäten über 50 Prozent. Das heißt: Das Geld hindert junge Leute nicht, sich auch sportlich fit zu halten. Joggen und Radfahren oder ein paar Schwimmbadbesuche sind meist auch mit kleinem Budget zu bewältigen.

    Schwieriger wird es dann bei Sportbekleidung oder Tickets für Sportvereine oder Sportstudios.

    Danach schlägt das Einkommen unübersehbar auf die sportlichen Betätigungen durch.

    Wobei die Karte im Bericht zur Bürgerumfrage auch zeigt, dass Sporttreibende Sporttreibende anstecken. Denn über 60 Prozent liegen die Werte allesamt im Stadtinneren und rund um den Auenwald, wo man wochentags wie wochenends tausende Radler und Jogger auf den Beinen sieht, die – mal gelassen, mal regelrecht verbissen – ihre Runden drehen.

    Aber Bewegung ist nicht der einzige Einflussfaktor aufs Gewicht, auch wenn man damit jede Menge Kalorien verbrauchen und seinen Gesamtgesundheitszustand deutlich verbessern kann. Auch zum Gesundheitsbefinden wurden die Leipziger wieder befragt. Und es fällt ins Auge, dass die Einschätzungen zum Gesundheitszustand nicht nur ab dem 50. Lebensjahr deutlich zurückhaltender werden – statt 66 Prozent sagen nur noch 53 Prozent, dass es ihnen gesundheitlich gutgeht.

    Es taucht noch ein alarmierendes Phänomen auf: In allen Altersgruppen gehen die positiven Aussagen zur eigenen Gesundheit seit 2013 zurück. Ganz markant sogar in der Altersgruppe der 35- bis 49-Jährigen. Gab es hier 2013 noch 72 Prozent positive Aussagen, waren es nun nur noch 66 Prozent. Einen ähnlichen Effekt sieht man bei den 18- bis 34-Jährigen. Und das, obwohl diese beiden Altersgruppen besonders viel Sport treiben.

    Es deutet also einiges darauf hin, dass sich in ihrem Leben seit 2013 massiv etwas zum Schlechteren entwickelt hat. Da das nicht abgefragt wurde, kann man nur vermuten, dass es möglicherweise in einer Arbeitswelt liegt, die immer mehr mit Arbeitsbedingungen aufwartet, die die Beschäftigten krank machen – seien es Überlastungen, Stress oder frustrierende Veränderungen im Arbeitsalltag, mal von immer mehr Mobilität, Nachtarbeit und Unsicherheit ganz zu schweigen.

    Das ist nur eine Vermutung. Die Krankenkassenstatistiken deuten – gerade bei psychischen Erkrankungen – in diese Richtung.

    Hat das etwas mit Übergewicht zu tun?

    Eher nicht. Denn Normal- und Übergewicht verteilen sich relativ einheitlich über alle Einkommensgruppen. Das heißt: Höhere Einkommensgruppen schleppen ähnlich viel Übergewicht mit sich herum wie niedrige. Nur die Erwerbslosen fallen mit etwas mehr Übergewicht aus dem Rahmen. Wobei es ja längst auch schon Untersuchungen gibt, die gerade den oft und lange Arbeitslosen auch zunehmend psychische Probleme attestieren.

    Denn ein Spruch stimmt nun einmal nicht: Der Mensch ist nicht gern arbeitslos. Wenn er nicht erwerbstätig sein und sozial aktiv sein kann, wird er krank. Und etlicher Frust verwandelt sich dann augenscheinlich auch in Übergewicht.

    Was ausgerechnet die Senioren dann auch noch beweisen, wenn bei ihnen der Anteil der Übergewichtigen gleich mal auf 65 Prozent hochschnellt.

    Man ist also gut beraten, sich auch ab dem 50. Lebensjahr weiter körperlich zu betätigen, den Sitzkonsum deutlich einzuschränken und wohl auch seine Essgewohnheiten etwas gesünder auszurichten.

    Denn der so rapide als schlechter eingeschätzte Gesundheitszustand ab dem 50. Labensjahr kann auch mit falschem Freizeitverhalten zusammenhängen – sitzend, unbewegt und verbunden mit zu viel Knabberkram und Alkohol. Und – das taucht bei dem Werterückgang seit 2013 als Gedanke auf – zu viel Medienkonsum, schädlichem, weil stressendem Medienkosum und permanenter Alarmbereitschaft in Bezug aufs niemals ruhende Smartphone.

    Was sicher ein echter Untersuchungsgegenstand für Psychologen und Gesundheitsforscher wäre: Wie krank macht diese Technologie des permanenten Alarmiertseins und die sogenannte „Informationsüberflutung“?

    Das lass ich hier einfach mal so stehen. Die Erkenntnis, dass da etwas im Gange ist, ist schon alarmierend genug.

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