Die 600.000 für Leipzig gibt es erst im Herbst 2019

Für alle LeserDie offizielle Einwohnerzahl des Landesamtes für Statistik liegt zwar für 2018 noch nicht vor, aber sie wird für Leipzig irgendwo bei 588.000 Einwohnern landen. Das ist die Zahl, nach der Leipzig seine anteiligen Zuweisungen vom Land bekommt. Im Leipziger Melderegister waren zum Jahreswechsel schon ein paar mehr Einwohner vermerkt: 596.517 an der Zahl, also rund 6.000 mehr als ein Jahr zuvor. Das Zuwanderungstempo hat sich spürbar verlangsamt.

Im Grunde ging es schon nach 2015 spürbar zurück. Gab es 2015 noch einen Bevölkerungszuwachs von fast 16.000 Menschen, waren es in den Folgejahren nur noch rund 12.000 bzw. 11.000. Was nicht nur mit dem deutlichen Rückgang der Zahl von registrierten Asylsuchenden in Sachsen zu tun hat, sondern auch mit dem immer knapper werdenden Wohnungsangebot und den dramatischen Folgen der demografischen Entwicklung in den Landkreisen, wo immer spürbarer die jungen Menschen fehlen, die noch in die Großstädte einwandern könnten.

Damit sind freilich auch die Leipziger Bevölkerungsprognosen von 2017 hinfällig, die ja bekanntlich den OBM regelrecht aufgeschreckt hatten, denn wenn man ein Bevölkerungswachstum von 10.000 pro Jahr annimmt, dann landet Leipzig 2030 tatsächlich bei 700.000 Einwohnern plus x – mit allen Konsequenzen für den Wohnungsbau, Schulen, Kitas, ÖPNV …

Mittlerweile hat das Leipziger Amt für Statistik und Wahlen angekündigt, dass 2019 die Bevölkerungsprognose neu berechnet wird. Wobei sich die Statistiker zuversichtlich geben, dass es auch in den nächsten Jahren einen Zuwachs geben wird – aber eher nicht im Bereich von 10.000, sondern eher im Bereich von 5.000 neuen Einwohnern pro Jahr. So wie 2018, dem Jahr, in dem nur die Unaufmerksamen noch alle Nase lang fragten: Ja, wann schafft denn Leipzig die 600.000 Einwohner?

Heimlich hat Leipzig die magische Schwelle ja geschafft. Denn das Einwohnerverzeichnis verzeichnet ja nicht nur die wohnberechtigten Einwohner, sondern auch die, die hier mit einer Zweitwohnung gemeldet sind. Und das sind noch einmal rund 5.200 Personen. Und die reichten natürlich locker, dass Leipzig 2018 tatsächlich die Zahl von 601.737 hier wohnhaften Menschen erreichte. Zumindest denen, die auch gemeldet sind. Es soll ja auch noch einige Nichtgemeldete geben.

Aber wenn Leipzig auch 2019 weiter so wächst wie 2018, ist im Herbst mit der magischen Zahl zu rechnen, kann der Verwaltungsbürgermeister sich einen exemplarischen Leipziger Neueinwohner herauspicken und ihn oder sie zum/zur 600.000sten küren.

Und dass Leipzig weiter wächst, ist auch kein Mysterium, sondern hat mit der weiter wachsenden Zahl von angebotenen Arbeitsplätzen zu tun. Seit 2010 wächst die Zahl der als frei gemeldeten Stellen kontinuierlich und wird 2019 wohl ebenfalls eine magische Grenze überschreiten – die Zahl 8.000.

Und viele Unternehmen (als neuer Kandidat hat sich ja die verzweifelt personalsuchende Bahn zu Wort gemeldet) werden alles dafür tun, irgendwie neue Mitarbeiter zu gewinnen. Die LVB werben ja schon in Spanien um Fahrpersonal. Nicht einmal die nahen Länder Polen und Tschechien machen Hoffnung, denn auch dort macht sich so langsam das Fehlen von ausbildbarem Nachwuchs bemerkbar. Die demografische Falle schlägt in allen europäischen Ländern zu.

Und wenn der Verdacht stimmt, dann hat das überall mit derselben falsch verstandenen Wirtschaftstheorie zu tun, mit falscher Steuerpolitik, die Geldvermögen entlastet und Arbeitskraft belastet, menschliche Arbeit entwertet und die Geldmacherei von Aktienbesitzern quasi steuerfrei stellt. Logisch, dass dann gerade da, wo es um Familie und Kinder geht, das Geld fehlt.

Dafür schwebt am Horizont schon das Gespenst der nächsten großen Finanzkrise, denn entschärft sind die Risiken am Geldmarkt bis heute nicht. Dazu war auch die deutsche Politik zu feige, stattdessen reist Finanzminister Uwe Scholz sogar als „Lobbyist der Finanzwirtschaft“ nach China, wie man am Donnerstag lesen konnte. Man darf wirklich so langsam fragen: Wer bezahlt eigentlich die deutschen Finanzminister? In wessen Interesse agieren sie eigentlich oder verhindern – wie Scholz – die Einführung eine Finanztransaktionssteuer, die Finanzspekulationen endlich besteuern würde?

Im Interesse der Familien, die sie so gern feiern, ganz bestimmt nicht.

Der Zuzug von Ausländern nach Leipzig ging 2018 übrigens auch zurück. Lagen die Zuwachszahlen in den Vorjahren – vor allem bedingt durch die Aufnahme von Flüchtlingen – bei 9.000, 6.000 und 4.000, schmolz dieser Zuwachs 2018 auf 2.610. Also ist auch daher kaum noch Extra-Zuwachs für Leipzig zu erwarten. Und ein sinnvolles Einwanderungsgesetz, das auch Fachkräfte nach Sachsen bringt, ist ebenfalls noch nicht spruchreif.

Für OBM Burkhard Jung und seine Verwaltung bedeutet der Rückgang beim Wachstum eine wichtige Entspannung, denn so könnte die Stadt vielleicht doch noch schaffen, in den nächsten Jahren genug Schulen und Kitas zu bauen. Aber nur unter der Bedingung, dass der Zuwachsrückgang nicht zur Ausrede wird, die Programme jetzt wieder zu strecken. Denn für eine 700.000-Einwohner-Stadt ist noch gar nichts beschlossen. Selbst der in diesem Jahr fällige Nahverkehrsplan definiert bestenfalls die Grundlagen für eine 600.000-Einwohner-Stadt mit Ausbaupotenzial für 650.000.

Wenn das Wachstum so bleibt, wird Leipzig die 650.000 gegen das Jahr 2030 oder etwas früher erreichen. Aber auch das nur, wenn der preiswerte Wohnungsbau auf die Beine kommt. Denn das, was der Freistaat Sachsen bislang fördert, ist von einem Wohnungsbau für Leipziger Normalverdiener noch weit entfernt.

Selbst gebaut und ungelöst: Die Sächsische Demografie-Falle

Bevölkerungswachstum
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