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Alternde Erwerbsbevölkerung in Ost wie West: Das demografische Drama in zwei neuen Karten  

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    „Demografischer Wandel“, das klingt so harmlos wie Klimawandel, Kulturwandel oder Meinungswandel. Aber der Begriff verharmlost die Folgen einer Politik, die den Menschen aus dem Blick verloren hat und eine Gesellschaft nur noch nach ökonomischen Prämissen gestaltet. Aber die auf Effizienz getrimmte Zeitökonomie stiehlt den Menschen nicht nur Freizeit und Lebenszeit. Sie macht Menschsein selbst zur Ware. Mit dramatischen demografischen Folgen.

    Aber auch wenn Ostdeutschland ab 1990 zum Experimentierfeld für eine ökonomische Radikalkur geworden ist, bedeutet das nicht, dass der Westen der Bundesrepublik von diesem falschen Denken über die „Macht des Marktes“ verschont bleiben wird. Was den Osten heute schon prägt, wird auch den Westen zunehmend in den Griff bekommen. Das zeigt eine neue Grafik aus dem Institut für Länderkunde.Denn der demografische Wandel spiegelt sich immer deutlicher in der Altersstruktur der Erwerbstätigen wider: Mehr als ein Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland ist heute über 50, in den ostdeutschen Ländern außer Berlin machen die älteren Beschäftigten sogar fast 40 Prozent aus. Deutschlandkarten des Leibniz-Instituts für Länderkunde zeigen, wie stark die einzelnen Regionen von den Alterungstendenzen der letzten Jahre betroffen sind.

    Die Überalterung erfasst den Westen

    Die stärksten Anstiege der über 50-jährigen Beschäftigten im Zeitraum 2008 bis 2019 verzeichnen mit mehr als zwölf Prozentpunkten der Regierungsbezirk Münster, die Region Oberfranken und das Saarland. Deutlich geringer als im Bundesdurchschnitt ist die Dynamik der Alterung in Berlin und der Region Leipzig wie auch in Oberbayern und Hamburg.

    Diese städtisch geprägten Regionen profitieren von der Zuwanderung jüngerer Menschen aus dem In- und Ausland. Auch wirtschaftsstarke Regionen wie die Regierungsbezirke Darmstadt und Stuttgart sind weniger stark von den Alterungstendenzen betroffen als strukturschwache Regionen wie etwa die Regierungsbezirke Kassel und Braunschweig in Nordhessen beziehungsweise Südniedersachsen.

    Der Anteil der unter 30-Jährigen an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist bundesweit nur geringfügig um zwei Prozentpunkte auf knapp 21 Prozent zurückgegangen. Die im „Nationalatlas aktuell“ des IfL veröffentlichten Karten zeigen allerdings große regionale Unterschiede. In der Oberpfalz, in Niederbayern, Schwaben und der Region Trier liegt der Anteil der jüngeren Erwerbstätigen weiterhin mehr als zehn Prozent über dem Bundesmittel. Dagegen verzeichnen die ostdeutschen Bundesländer mit Ausnahme von Berlin einen massiven Rückgang und rangieren mehr als zehn Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

    Grafik: Institut für Länderkunde / Nationalatlas
    Anklicken zur Ansicht der einzelnen Regionen, Grafik: Institut für Länderkunde / Nationalatlas

    Infrastrukturschwache Regionen bluten aus

    Auch in der Region Leipzig ging der Anteil der jüngeren Beschäftigten von 22,6 auf 17,2 Prozent zurück – trotz Zuwanderung und Bevölkerungswachstum. In den Regionen um Dresden und Chemnitz war der Rückgang freilich noch stärker, genauso wie in den Nachbarländern Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Alles direkte Folge des gravierenden Geburtenrückgangs in den 1990er Jahren, der die Geburtenzahlen im Osten regelrecht halbiert hat.

    Aber wenn die Jahrgänge der jüngeren Erwachsenen derart halbiert sind, hat das logischerweise Folgen weit in die Zukunft. Folgen, an die die Regierenden in den 1990er Jahren nicht einen Gedanken verschwendeten.

    „Diese Entwicklungen können die ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb Deutschlands weiter verstärken, denn die wirtschaftsschwächeren Regionen haben offensichtlich größere Schwierigkeiten, den Generationswechsel zu bewältigen“, versucht Tim Leibert vom Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Leipzig, die Entwicklung zur erklären.

    Wobei auch seine Sicht primär ökonomisch geprägt ist. Denn nach seiner Ansicht gelte das besonders für Ostdeutschland, „wo strukturelle Defizite, etwa in der Branchenstruktur mit einem niedrigen Anteil an Hochtechnologiebetrieben, zu den Belastungen des demografischen Wandels hinzukommen“.

    Klassischer kann man den Denkfehler gar nicht benennen. Denn wenn man die Fähigkeit einer Gesellschaft, sich zu regenerieren, von der strukturell defizitären ökonomischen Basis her denkt, bestimmt logischerweise der „Markt“, ob es zu Familiengründungen kommt, Frauen in der Region bleiben und mehr als 0,7 Kinder pro Frau (die Geburtenrate der 1990er Jahre) geboren werden. Genau so haben auch ostdeutsche Politiker gedacht und denken sie oft noch heute.

    Von Berlin abgesehen stehen die Arbeitsmärkte im Osten somit vor einer besonders schwierigen Aufgabe, betont das IfL. Viele Beschäftigte werden in den nächsten 15 Jahren in Rente gehen, gleichzeitig gibt es immer weniger Nachwuchskräfte.

    Tim Leibert: „Es ist abzusehen, dass ein bedeutender Anteil der durch Verrentung frei werdenden Stellen nicht besetzt werden kann. Angesichts des drohenden Fachkräftemangels warnen manche Experten sogar von einer zweiten Deindustrialisierung in Ostdeutschland.“

    Die Karten im Nationalatlas aktuell 15 zeigen zwar die Misere, aber nicht die Lösung. Und schon gar nicht die Denkfehler, die seit 30 Jahren eine Politik befeuern, die gerade junge Menschen unter Entscheidungszwänge setzt, denen sie gar nicht ausweichen können, egal, ob es um den künftigen Wohn- und Arbeitsort geht oder den Zeitpunkt und den Mut zur Familienplanung.

    Keine Generation steht unter einem so hohen Rationalisierungsdruck des eigenen Lebens wie die der Berufsanfänger, denen auch heute noch Billigjobs, befristete Arbeitsverträge und prekäre Bildungsverhältnisse geboten werden. Die zwar der Gewinnmaximierung der Unternehmen dienen, aber keine Basis sind für eine verlässliche Lebensplanung. Aus den Folgen der Markt-Experimente in Ostdeutschland in den 1990er Jahren wurde nichts gelernt.

    Aber die Radikal-Ökonomisierung bestimmt nach wie vor unsere Politik. Und so gehen die ostdeutschen Bundesländer der Entwicklung nur um 10, 15 Jahre voraus, die auch den Westen heimsuchen wird. Zwangsläufig. Denn in diesem Punkt kennt radikales Marktdenken kein Pardon.

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      1 KOMMENTAR

      1. Eine „Infografik“ ohne erläuternde Legende ist einfach nur ein buntes Bildchen.

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