Nutzungsdruck im Leipziger Gewässerknoten hat gegenüber 2011 noch einmal deutlich zugelegt

Das Wassertouristische Nutzungskonzept (WTNK) steht immer wieder in der Kritik. 2006 wurde es eingeführt und gilt seitdem als Rahmen für alle wassertouristischen (Bau-)Projekte im Leipziger Gewässerknoten. Aber die beharrliche Kritik der Umweltverbände hat zumindest einen kleinen Effekt: Die Mitglieder der Steuerungsgruppe Leipziger Neuseenland müssen das Thema Natur verstärkt in den Fokus nehmen.
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Eigentlich müssen sie das schon seit 2006. Und deshalb gibt es auch alle fünf Jahre ein Monitoring zum WTNK. Eigentlich drei. Ziel ist es – so betont auch Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig und aktuell Sprecher der Steuerungsgruppe Leipziger Neuseenland – dass man mit den gewonnenen Erkenntnissen nachsteuern kann. Denn wenn sich durch die touristische Nutzung der Gewässer bestimmte Erhaltungszustände im großflächigen Naturschutzgebiet Leipziger Auwald ergeben, muss man reagieren.

Das Problem: Die Monitorings werden nur alle fünf Jahre erstellt. 2006 gab es das erste, 2011 das zweite – 2016 gingen die Begutachter wieder auf Tour. Zwei Teile des 2016er Monitoring stellten sie am Freitag, 24. März, vor: einerseits das naturschutzfachliche Monitoring, zum anderen das Nutzungsmonitoring.

Klingt erst einmal nach dem, was die Naturschutzverbände fordern, ist es aber nicht. Die fordern nun seit Jahren eine Umweltverträglichkeitsprüfung für das WTNK. Das ist etwas anderes. Und welche Folgen das hat, konnten die Leipziger vor zwei Jahren miterleben, als die Bereinigungsarbeiten in der Pleiße beendet werden mussten, weil die Pläne zur sogenannten Störstellenbeseitigung schlicht die Lebensräume wichtiger Tierarten im Schutzgebiet betrafen. In diesem Fall war es die Grüne Keiljungfer, die sich auch an der Pleiße wieder angesiedelt hat.

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung für diese Maßnahme war genauso wenig erfolgt wie für das WTNK insgesamt. Auch am Floßgraben erlebte die Stadt Leipzig ein ähnliches Desaster, als hier im Winterhalbjahr 2014/2015 die Unterwasservegetation abgemäht wurde. Aus Sicht der Stadt Leipzig, um die Bootsgängigkeit des Floßgrabens zu erhalten. Aus Sicht des Naturschutzes eindeutig ein Verstoß gegen die Umweltschutzbelange – die Mahd hat eindeutig den Lebensraum wichtiger geschützter Arten beeinträchtigt und darf so nie wieder passieren.

Hätte es für die Pleiße-Entstörung und den Floßgraben entsprechende Umweltverträglichkeitsprüfungen gegeben, hätte beides nicht passieren dürfen.

Eigentlich wissen es die Beteiligten.

Was aber bringen dann die beiden Monitorings?

Mit dem naturschutzfachlichen beschäftigen wir uns noch extra.

Fangen wir mit dem Nutzungsmonitoring an.

Die sieben Kurse im WTNK und die Monitoringstellen von 2016. Karte: Stadt Leipzig / bgmr Landschaftsarchitekten

Die sieben Kurse im WTNK und die Monitoringstellen von 2016. Karte: Stadt Leipzig / bgmr Landschaftsarchitekten

Das soll eigentlich ermitteln, wo die Grenzen für die Wassertouristische Nutzung im Leipziger Gewässerknoten und im Leipziger Auwald sind. Denn Steuern und Gegensteuern macht ja nur Sinn, wenn man diese Grenzen kennt, wenn man weiß, wann die menschliche Nutzung der beliebten Wasserrouten die Lebensräume der geschützten Arten und die geschützten Biotope schädigt.

Dass das Nutzungsmonitoring allein nicht hilft, haben die Leipziger ja auch schon erlebt. Zwar wies schon das 2011er Monitoring eine hohe Belastung in vielen Gewässerabschnitten und besonders auf Kurs 1 nach (das ist der vom Stadthafen durch den Floßgraben zum Cospudener See), aber die Stadt Leipzig sah sich trotzdem mehrere Jahre nicht genötigt, die Nutzung insbesondere im Floßgraben deutlich einzuschränken.

Den Konflikt beschreibt die Steuerungsgruppe in ihrer Pressezusammenfassung so: „Die Gewässer des Leipziger Neuseenlandes sind bei Mensch und Natur beliebt. Dies führt nicht zwangsläufig zu Konflikten. Die Entwicklung des Wassersports und die Entwicklung der Natur schließen sich nicht gegenseitig aus.“

Doch. Es führt zu Konflikten. Und es hat die Stadt Leipzig nicht nur mittlerweile dazu gezwungen, am Floßgraben eine Allgemeinverfügung zu erlassen, sondern diese auch deutlich zu verschärfen. Nicht nur, weil der Eisvogel immer öfter brütet und die warme Witterung auch die Brutzeit verlängert. Auch weil es immer einen Teil Zeitgenossen gibt, der sich nicht an die Regeln hält. Und weil die Allgemeinverfügung in den ersten Jahren von vielen Zeitgenossen geradezu bewusst unterlaufen wurde, bekam die Stadt auch eine entsprechende Mahnung von der Landesdirektion, die Kontrollen und Sanktionen auszuweiten. Was auch passiert ist.

Seit die Verwaltung beides verstärkt hat, ist die Zahl der Geldbußen deutlich gestiegen, die Zahl der Verstöße ist gesunken.

Was aber erfasst das Nutzungsmonitoring?

Dafür erfasst wird die Anzahl der Bootsbewegungen an 12 Standorten der einzelnen Kurse des Gewässerverbundes – und zwar vor allem an warmen Wochenenden in der warmen Jahreszeit, wenn der Nutzungsdruck auf Leipzigs Gewässern besonders groß ist. Praktisch als Kontrolle gibt es dann noch die Zählungen an den beiden Schleusen im Kurs 1, die das Bild bestätigen: unter der Woche sind deutlich weniger Paddler unterwegs als an den warmen Wochenenden.

Die Zählungen zeigen auch, dass auf den eher naturnahen Abschnitten der Weißen Elster bei Großzschocher und bei Wahren und Lützschena kaum Wassersportler unterwegs sind. Der Hauptbetrieb konzentriert sich auf die Stadtelster (plus Elsterbecken, Karl-Heine-Kanal und Elstermühlgraben). Hier ist im Grunde an manchen Tagen schon die Grenze erreicht, werden bis zu 800, manchmal 900 Bootsbewegungen an einem Tag gezählt. „Die Boote kommen praktisch im Sekundentakt“, erklärt Jörg Putkunz vom Büro bgmr, der für diesen Teil des Monitorings verantwortlich zeichnet.

Grund dafür ist natürlich, dass sich hier alle Kurse treffen, dass viele Freizeitpaddler und -ruderer vor allem hier unterwegs sind und auch die meisten Passagierboote hier fahren. Plus die richtigen Wassersportler, die außerhalb der Hauptbetriebszeiten aufs Wasser gehen und trainieren.

Je weiter man sich von diesem Gewimmel entfernt, umso geringer wird natürlich die Nutzungsdichte.

Aber man merkt auch, dass erst zwei der geplanten sieben Kurse richtig in Betrieb sind. Einige Kurse werden natürlich niemals hohe Bootszahlen erreichen – wie die Kurse 3 und 4 auf der nördlichen Weißen Elster oder der Pleiße-Kurs 6 nach Böhlen und Rötha. Die sind eher etwas für wirklich professionelle Wasserwanderer. Die meisten Leipziger tummeln sich auf dem Stadtkurs mit der Nummer 7. Und der beliebteste Kurs ins Neuseenland ist nun einmal der Kurs Nr. 1 durch den Floßgraben.

Und die Zählungen bestätigen, dass seine Beliebtheit die ganzen Jahre zugenommen hat. 2006 wurden hier noch Spitzen von 30 Booten am Tag gemessen, 2011 waren es 100 Boote. Mittlerweile werden bis zu 300 Boote gezählt. Dass die Umweltverbände in Sorge sind, dass damit die Grenze schon erreicht ist, ist verständlich.

Aber was folgt daraus? Steuert Leipzig nun gegen?

Danach klingt auch die Meldung der Steuerungsgruppe nicht: „Im Vergleich zur Nutzungsuntersuchung 2011 wird festgestellt, dass die bisher entwickelten wassertouristischen Kurse 1 vom Stadthafen zum Cospudener See, 1a von Pegau zum Stadthafen und der Stadtkurs 7 gut und intensiv genutzt werden. Auf dem Kurs 1 im Abschnitt Pleiße/Floßgraben sind in der Höchstbelastung ca. 300 Bootsbewegungen und am Mündungsbereich Stadtelster/Karl-Heine-Kanal bis zu 900 Bootsbewegungen an einem Tag erfasst worden. Der Anteil von Motorbooten auf den Kursen des WTNK liegt, bedingt durch die Einzelgenehmigungspraxis, nach wie vor insgesamt auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau. Allerdings weisen die Gutachter darauf hin, dass mit der weiteren Zunahme der Befahrung der Stadtgewässer die für den Wassersport maximal verträglichen Nutzungsdichten nahezu erreicht scheinen.“

Aber unter Zugzwang ist die Leipziger Umweltbehörde trotzdem. Denn im letzten Jahr musste sie zugeben, dass auch die Bootsflotten der Verleiher ohne rechtliche Genehmigung auf Pleiße und Floßgraben unterwegs sind. Denn Bootsverleihe sind eindeutig gewerbliche Unternehmen. Und jede gewerbliche Nutzung in Naturschutzgebieten muss behördlich geprüft und genehmigt werden.

Da ist man auch wieder beim Thema Umweltverträglichkeitsprüfung. Denn die Frage steht eindeutig: Wie viel Bootsverkehr verträgt der südliche Auenwald?

2016 waren die Boote der Bootsverleihe im Südlichen Auwald nur geduldet, bestätigte Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal am Freitag, 24. März. Ab 2017 sollen die Bootsverleiher nun Genehmigungen erhalten. Mit den Genehmigungen wird auch festgelegt, wie viele Boote sie ausleihen dürfen. Über die Zahl konnte Rosenthal freilich noch keine Angaben machen. Das werde noch geprüft.

Was er aber aus dem Monitoring schon weiß, ist, dass einige Bootsverleiher ihre Flotten kräftig aufstocken wollen. Denn es stimmt ja: Die Nachfrage der Leipziger ist deutlich gestiegen. Perspektivisch können sich einige Verleiher den Ausbau ihres Bootsbestandes um 50 bis 60 Prozent vorstellen, sagt Jörg Putkunz. Betont aber das „perspektivisch“. Denn natürlich wird die Nachfrage steigen, wenn es weitere (attraktive) Kurse gibt. Auch das stimmt ja: Die meisten Leipziger, die sich mit Boot in die Gewässerlandschaft begeben, wollen tatsächlich lebendige, unzerstörte Natur erleben und genießen. Die Architekten des Gewässerverbundes müssen also auch aus Eigeninteresse alles dafür tun, die Natur zu schützen.

Und was haben die Bootsverleiher nun für 2017 beantragt?

Die Zahl hat dann Angela Zabojnik parat, die zuständige Abteilungsleiterin im Amt für Stadtgrün und Gewässer. „Einige wollen 5 bis 10 Prozent mehr Boote verleihen“, sagt sie. „Zumindest haben sie es so beantragt.“

Was dann genehmigt werden wird, konnte Heiko Rosenthal am Feitag noch nicht sagen.

Derzeit haben die fünf wichtigsten Verleiher im Schnitt 30 bis 80 Boote im Bestand. Da die Boote in der Regel bis zu vier Stunden am Tag ausgeliehen werden, kommt man schnell auf die oben genannten Zahlen. Im Gewässerknoten, so Putkunz, ist im Grunde die Grenze der Nutzung an den 20 besonders nutzungsstarken Wochenenden erreicht.

Am Floßgraben, so meint er, habe sich das neue Regime eingespielt. „Auch wenn manche Leute erst noch lernen müssen, was Sperrzeit eigentlich bedeutet und dass sie tatsächlich noch eine ganze Stunde unterwegs sind, wenn sie in den Floßgraben einfahren.“ Da müsste sich die Stadt noch etwa einfallen lassen, um den Bootsfahrern diesen Umstand klar zu machen. Die bisherigen Hinweise dazu würden jedenfalls nicht ausreichen.

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