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Jugendparlament beantragt Prüfung von Werbeverbot für Nikotin und Alkohol in Leipzig

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    Gerade hat ja der Leipziger Stadtrat die Neuvergabe der Werbekonzessionen an einen neuen Anbieter beschlossen. Der alte ist in Widerspruch gegangen und lässt prüfen, ob Leipzig damit nicht die eigenen Ausschreibungskriterien unterlaufen hat. Aber was in diesem Streit der Werber völlig untergeht, ist die Frage: Was hat Werbung überhaupt in öffentlichen Räumen zu suchen? Erst recht, wenn damit schädliche Produkte beworben werden? – Ein Fall fürs Jugendparlament.

    Vorher sorgte ja die Leipziger Diskussion um das Verbot sexistischer Werbung für deutschlandweites Aufsehen. Manchenorts gab es ein Oho: Was sich die Leipziger Frauen so trauen! – Aber oft genug gab es auch die übliche Häme der Stromlinienförmigen: Wieder mal andere Leute bevormunden, oder was?

    Was natürlich auch mit der Schieflage der ganzen Diskussion zu tun hat. Deutsche Städte sind zugekleistert mit schreiender, dummer, rücksichtsloser Werbung. Niemand kann sich den oft mitten im Weg stehenden Reklametafeln entziehen. Mit plattesten Sprüchen versuchen einem die billigsten Läden ihre Rabatte, Superangebote, Schnäppchen und sonstigen Heilsbringer anzudrehen und ihren überflüssigen Quark für unbedingt erwerbenswert zu verkaufen.

    Wer mag, kann ja herumgehen und sich fragen: Braucht er überhaupt irgendeins der Produkte und Angebote, die da so schreiend in den öffentlichen Raum geklatscht sind? Sind es nicht die allerüberflüssigsten Dinge, die einem hier mit Ausrufezeichen angedreht werden sollen?

    Und dazu gehört ganz bestimmt auch alles, was Nikotin enthält. Die Nikotin-Kampagnen haben sich ja drastisch verändert in den letzten Jahren. Man sieht keine knallharten Western-Cowboys mehr paffend in die Abendsonne blinzeln, die Models, die man heue auswählt, wirken wie toughe Großstadtbewohner, die den Glimmstengel entspannt aus der Packung holen, wenn mal Pause im Friseursalon ist oder die Hektik des Alltags langsam ausklingt. Es wird Ruhe, Entspanung, Gelassenheit suggeriert. Als wenn das Tabakröllchen genau das erzeugen würde, wenn man es entzündet. Und als wären Hektik, Stress und Suchtpotenzial nicht die eigentlichen Phänomene, die das krebsauslösende Kraut mit seinem Suchtpotenzial mit sich bringt.

    Hätte der Leipziger Stadtrat also nicht klugerweise über das Komplettverbot von Werbung in Leipzig diskutieren sollen? Damit der allgegenwärtige Schwachsinn einfach mal aus den Straßen von Leipzig verschwindet?

    So mutig war keiner.

    In der Ausschreibung war dann zumindest ein Werbeverbot für Tabak und Alkohol in der Nähe von Schulen und Kitas verankert.

    Aber das ist aus Sicht des Leipziger Jugendparlaments überhaupt nicht zielführend. Gerade in dem Alter, wo Heranwachsende besonders anfällig sind für solche Verführungen, sind sie in Leipzig fast alle auf längeren Wegen mit der Straßenbahn oder demBus unterwegs. Was sie vor ihrer Schule nicht sehen, begegnet ihnen an den Haltestellen hundertfach.

    „Die wiederholte Rezeption“, schreibt deshalb das Jugendparlament etwas ganz Selbstverständliches in seinen Antrag zu diesemThema. Etwas, was Erwachsenen augenscheinlich völlig entfällt – vielleicht, weil das Nikotin seine Arbeit tut in vielen verräucherten Arbeitspausen. „Tabak- und Alkoholwerbung muss daher verboten werden, um den Konsum und alle negativen Effekte, die damit einhergehen, zu verringern. Keine Frage, Alkohol- und Zigarettenkonsum sind gesundheitlich schädlich, und tragen zu einem Großteil der Kosten für das Gesundheitssystem bei. Es ist erwiesen, dass Alkoholgenuss zur Abhängigkeit führen kann. Noch kritischer ist das Abhängigkeitspotential von Tabakkonsum anzusehen. Aus den Aussagen von vielen Rauchern weiß man, dass eine Beendigung des Tabakkonsums enorm schwierig ist. Die Verfügbarkeit und Allgegenwärtigkeit durch die Werbung täuschte eine Normalität vor und führt zu einer unzulässigen Verharmlosung des Konsums dieser Gifte.“

    Den Jugendparlamentariern ist (noch) etwas bewusst, was vielen Erwachsenen augenscheinlich nicht mehr begreiflich ist, weil sie vergesen haben, wie sie in jungen Jahren in ihre Sucht hineingeraten sind: „Bereits junge Menschen werden damit konfrontiert, dass es cool oder wenigstens ’normal‘ wäre, diese Substanzen zu sich zu führen. Ein Verbot von Werbung für diese krankmachenden und suchtauslösenden Stoffe ist ein wichtiger Schritt, der der Verharmlosung und dem extensiven Verkauf und Konsum dieser Stoffe entscheidend entgegenwirkt.“

    Denn Werbung wirkt über Heilsversprechen. Sie suggeriert durch die angebotenen Produkte positive Gefühle, gar Erlösungen, Freude oder – auch das von Tabakkonzernen gern verkündet: Freiheit. Alles – so behaupten diese Bilder – kann man sich einfach im Laden kaufen – auch Freiheit, Gelassenheit und Souveränität. Die meisten Produkte würden niemanden interessieren, wenn damit nicht psychologische Versprechen vernüpft wären. Oder sollte man es einfach beim Wort nennen: öffentliche Manipulation?

    Verletzt eine Stadt nicht ihre Obhutspflicht, wenn sie dergleichen zulässt?

    Für die jungen Parlamentarier ist das eine ganz wesentliche Frage. Und deshalb beantragen sie: „Die Stadtverwaltung prüft rechtliche Möglichkeiten, Werbung für Tabakprodukte sowie Alkohol und alle Produkte, die mit Tabakprodukten und Alkohol in engerer Verbindung stehen, im öffentlichen Raum zu verbieten.“

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