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Demografie-Studie des IfL zu Nordsachsen zeigt die wichtigen Einflüsse Leipzigs und eines funktionierenden ÖPNV

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    Leipzig wächst. Doch wie wirkt sich das auf den angrenzenden Landkreis Nordsachsen aus? Wie entwickeln sich die Regionen in unmittelbarer Nachbarschaft der Großstadt? Und wie verändern sich diese Entwicklungsprozesse, je weiter man in den ländlichen Raum vordringt? Um diese und weitere Fragen zu beantworten, hat der Landkreis eine wissenschaftliche Untersuchung demografischer Tendenzen beim Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) in Auftrag gegeben.

    Am Dienstag, 14.November, wurden die wichtigsten Ergebnisse bei einem Projekttag Demografie auf Schloss Hartenfels in Torgau vor rund 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung vorgestellt.

    „Die gewonnenen Daten und Erkenntnisse werden wir nutzen, um Zukunftsszenarien für Nordsachsen zu entwickeln und den Landkreis optimal aufzustellen“, sagte Landrat Kai Emanuel (parteilos). Nach Präsentation der Untersuchungsergebnisse und einer kurzen Podiumsdiskussion dazu diskutierten die Teilnehmer des Projekttages in drei Workshops über „Arbeitswelt 4.0 – Chancen der Digitalisierung im ländlichen Raum“, über „Jugend im Blick – Regionale Bewältigung demografischer Entwicklungen“ und über „Kommunen gestalten den demografischen Wandel – Daseinsvorsorge sichern durch innovative Konzepte“.

    ***

    Mit knapp unter 200.000 Einwohnern ist Nordsachsen der bevölkerungsmäßig kleinste und der am dünnsten besiedelte sächsische Landkreis, hatte das Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) festgestellt. Aber der Landkreis profitiert eindeutig von seiner engen Verflechtung mit Leipzig. Während im Zeitraum Januar bis September 2016 (die letzten offiziellen Zahlen des Landesamtes für Statistik) im Grunde nur die beiden Großstädte Dresden und Leipzig Bevölkerung hinzugewannen, schrumpften fast alle Landkreise. Bis auf einen: Nordsachsen.

    Dort wuchs die Bevölkerungszahl leicht von 197.605 auf 197.899. Der jahrelange Schrumpfungstrend scheint also erst einmal gestoppt.

    Ein wesentlicher Grund dafür, so das IfL: Durch die S-Bahn Mitteldeutschland und neue Anschlussbuskonzepte hat sich die Qualität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) insbesondere entlang der Achsen Leipzig-Delitzsch-Berlin und Leipzig-Eilenburg-Torgau-Cottbus nachhaltig verbessert.

    Im Torgauer Raum fehle allerdings eine leistungsfähige Anbindung an das Fernstraßennetz. Der Südosten des Kreisgebiets ist durch die ÖPNV-Achse Leipzig-Oschatz-Dresden und die Autobahnanbindung infrastrukturell ebenfalls gut erschlossen.

    Diesen Standortvorteilen stehen jedoch Erreichbarkeitsdefizite in den dünn besiedelten und von kleinen Dörfern geprägten Achsenzwischenräumen gegenüber. Mit dem derzeit verfolgten Breitbandausbau investiert der Landkreis in eine leistungs- und zukunftsfähige digitale Infrastruktur auch in den peripheren Kreisteilen und schafft so die Grundlagen für eine Verbesserung der Standort- und der Lebensqualität für Wirtschaft und Bevölkerung.

    Aber man merkt: Auch die Geografen schätzen die Rolle öffentlicher Verkehrsanbindungen als Stabilisator für Bevölkerungszahlen sehr hoch ein.

    Der Blick der Länderkundler auf die Rolle Leipzigs:

    Die positive demographische Entwicklung von Leipzig strahlt zunehmend auf das Umland aus. Die Wanderungsgewinne des Landkreises aus Leipzig haben sich seit 2014 von Jahr zu Jahr verstärkt. Insbesondere der „erste Ring“, also die direkt an Leipzig angrenzenden Städte und Gemeinden können Bevölkerungszuwächse verzeichnen, die sich vorrangig aus der Zuwanderung von sogenannten „Familienwanderern“ – unter 18-Jährigen und 30- bis 50-Jährigen – speist.

    Nachdem Taucha längere Zeit das bevorzugte Wanderungsziel im Kreis Nordsachsen war, hat sich der Schwerpunkt der Einwohnergewinne in den letzten beiden Jahren nach Rackwitz und Schkeuditz verschoben.

    Mit zunehmender Entfernung von Leipzig verschlechtere sich hingegen die demographische Situation. In den Städten und Gemeinden im „zweiten Ring“, der von Wiedemar über Delitzsch, Schönwölkau und Zschepplin bis nach Eilenburg reicht, dominiert (noch) die Schrumpfung. Die Einwohnerverluste haben sich allerdings in den letzten Jahren verringert, insbesondere in den beiden Mittelzentren Delitzsch und Eilenburg. Beide sind seit 2014 im Mitteldeutschen S-Bahn-Netz gut erschlossen. Das spielt sichtlich eine Rolle.

    Außerhalb des direkten Leipziger Einzugsgebiets ist die Schrumpfungstendenz noch ausgeprägter, allerdings deuten sich in den entlang der Hauptverkehrsachsen gelegenen Gemeinden sowie in Bad Düben Stabilisierungstendenzen an, so die Wissenschaftler. Ausbildungs- und Arbeitsplatzwanderer, also junge Erwachsene zwischen 18 und 29, kehren Nordsachsen dagegen nach wie vor häufig den Rücken. Das gilt für alle Teilräume des Landkreises.

    Die 30 kreisangehörigen Städte und Gemeinden stehen – trotz aller gegenläufigen Tendenzen – vor großen demographischen Herausforderungen, selbst wenn sich die aktuellen ermutigenden Trends verstetigen sollten. Denn vieles, was jetzt für berechtigte Sorgen in Landratsamt und Gemeinden sorgt, ist ja schon passiert.

    Durch die lange Schrumpfungsphase, die durch alters- und geschlechtsselektive Abwanderung junger Erwachsener, insbesondere junger Frauen geprägt war, hat sich fast flächendeckend eine ungünstige Altersstruktur herausgebildet, die durch hohe Seniorenanteile und einen hohen Bevölkerungsanteil der 50- bis 65-Jährigen gekennzeichnet ist. Vor diesem Hintergrund sind in den nächsten Jahren steigende Sterbeüberschüsse zu erwarten, durch die eventuelle Wanderungsgewinne aufgezehrt werden könnten.

    Aber auch das Fehlen der jungen Leute macht sich negativ bemerkbar: Auch die schwache Besetzung der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen, die sich durch die niedrigen Geburtenraten der frühen 1990er Jahre und die ausbildungsbedingte Abwanderung erklärt, dürfte sich in den kommenden Jahren als „Echoeffekt“ in Form von vorübergehend sinkenden Geburtenzahlen auf die Bevölkerungsentwicklung auswirken.

    Die folgenden Jahrgänge sind dann wieder etwas stärker besetzt. Und so gibt es positive Signale auch im Bereich der natürlichen Bevölkerungsentwicklung. Die Geburtenraten der kreisangehörigen Städte und Gemeinden liegen zwar zumeist unter dem sächsischen Durchschnitt, aber höher als in den meisten anderen Regionen Deutschlands.

    Als Folge der jahrelangen, heute zwar abgeschwächten, aber bei weitem nicht überwundenen, überproportionalen Abwanderung junger Frauen ist das lokale Reproduktionspotential in fast allen Städten und Gemeinden gering, so dass neben der „überalterten“ Bevölkerungsstruktur ein gewisser Mangel an potentiellen Müttern als weitere große demographische Herausforderung im Landkreis identifiziert werden kann, betont das IfL.

    Was jetzt erst einmal eine Lagebeschreibung ist. Wie die positive Trendwende verstetigt werden kann, muss jetzt herausgefunden werden.

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