Wasserstromkontrollen, osmotische Behandlung, Schönungsteiche

Was passiert auf der Zentraldeponie Cröbern mit dem Sickerwasser?

Für alle LeserAuch wenn die Zentraldeponie Cröbern seit der veränderten Abfallrahmensetzung im Jahr 2005 die ursprünglich geplanten 48 Hektar am Störmthaler See nicht in Anspruch nehmen wird, bleiben trotzdem 42 Hektar Deponie, auf die auch Regen fällt und durch die logischerweise auch das Wasser sickert. Dieses Wasser kann logischerweise nicht einfach wieder in Bäche oder Seen fließen. Wie geht der Deponiebetreiber damit um?

Auch das ist Thema im ersten, am 19. Dezember vorgestellten Nachhaltigkeitsbericht der Westsächsischen Entsorgungs- und Verwertungs GmbH (WEV). Der ist ja entstanden, weil man sich im von Leipzig und Landkreis Leipzig getragenen Abfallzweckverband durchaus bewusst ist, dass die Deponie mit ihren 100 Mitarbeitern und rund 60 Millionen Euro Jahresumsatz 1995 an einem sensiblen Punkt – mitten im gerade entstehenden Leipziger Neuseenland – angelegt wurde. Zwar durch mehrere Schichten (Ton, Mineralien, Plastikfolie) gegen den Untergrund abgedichtet. Aber die Deponie ist nicht an die öffentliche Kanalisation angeschlossen.

Man muss sich also darum kümmern, was mit dem Wasser passiert, das aus der Deponie abfließt.

Im Nachhaltigkeitsbericht heißt es dazu zum Beispiel: „Die WEV verfügt über eine Reihe von kombinierten Absetz- bzw. Rückhaltebecken und Wasserspeichern, welche dazu dienen, ständig ein Mindestmaß an Brauch- und Löschwasser vorzuhalten sowie eine Pufferfunktion bei Starkregenereignissen wahrzunehmen. Diese Speicherbecken werden gespeist durch die Dach- und Oberflächenentwässerung des WEV-Geländes, durch die gereinigten Abwässer der Kleinkläranlagen und durch den Reinwasserablauf der Sickerwasserbehandlungsanlage (Permeat).

Mittels Rohrleitungen und Pumpentechnik können die Speicher untereinander befüllt und das zurückgehaltene Wasser an diversen Stellen als Brauchwasser für verschiedene Zwecke genutzt werden. Im Falle von sehr starken Niederschlagsereignissen bzw. einer länger andauernden Regenperiode, besteht die Möglichkeit – bei vorheriger Wasseranalyse und umgehender Anzeige bei der oberen Behörde – das zuvor zurückgehaltene Wasser über ein Einleitbauwerk und die Vorflutleitung der etwa 3 km entfernten Pleiße zuzuführen.“

Aber das ist dann quasi schon die vorletzte Stufe mit relativ gereinigtem Wasser.

Was passiert aber vorher, bevor das Wasser in diese Becken gelangt?

Immerhin fällt alles Mögliche an: unbelastetes Niederschlagswasser von Dach- und Verkehrsflächen, unbelastetes Oberflächenwasser von temporär abgedeckten Bereichen der Deponie, Sanitärabwässer des MBA-Bereiches und des Verwaltungsgebäudes, die durch biologische Kleinkläranlagen gereinigt werden und Reinwasserablauf der Sickerwasserbehandlungsanlage (Permeat).

Im Jahr 2018 fielen am Standort der WEV etwa 71.000 Kubikmeter Oberflächenwasser an. Hinzu kamen etwa 920 Kubikmeter als Haushalts- und Sanitärabwasser und ca. 4.000 Kubikmeter Permeat der Sickerwasserbehandlungsanlage, was zusammen 75.920 Kubikmeter Wasser und Abwasser ergibt. Durch Verdunstungsvorgänge in den Speicherbecken wird die Menge der anfallenden Wasser und Abwasser um etwa 12.000 Kubikmeter pro Jahr reduziert.

Und die WEV betont: „Die Grenzwerte werden sicher eingehalten.“

Das werde auch kontrolliert. Maßstabsetzend sind die von der Landesdirektion Leipzig über die gesetzlich vorgeschrieben Vorgaben hinausgehenden, strengeren Kriterien „mit welcher Mindest-Qualität (z. B. pH-Wert, CSB, AOX, Quecksilber, Cadmium, Chrom) und in welcher Quantität das gereinigte Sickerwasser die Umkehrosmoseanlage (max. 50.000 Kubikmeter/Jahr) sowie der Gesamtabwasserstrom (max. 720 Kubikmeter/Stunde) das Gelände der WEV hin zur Pleiße verlassen darf. In Falle einer Ableitung von Abwasser wird hierbei kontinuierlich der Volumenstrom, der pH-Wert und die elektrische Leitfähigkeit als Maß der Ionenkonzentration erfasst, gespeichert und der Behörde übermittelt.“

Die Landesdirektion hat also stets aktuelle Daten zu den groben Abwasserwerten aus der Deponie.

Detaillierter wird einmal monatlich geprüft: „Die WEV zieht monatlich, in Anlehnung an die Eigenkontrollverordnung und die behördlichen Vorgaben, Wasserproben nach der Sickerwasserbehandlungsanlage und aus dem Vorflutbecken bzw. Vorflutgraben und übergibt sie einem externen Labor zur Untersuchung des definierten Analysenspektrums. Die zuständige Behörde führt daneben selbst Probenahmen und Wasseranalysen durch und meldet diese Ergebnisse der WEV.“

Und dabei scheint das installierte Reinigungssystem zu funktionieren, denn – so liest man im Nachhaltigkeitsbericht: „Sämtliche Analysen der letzten Jahre zeigen deutlich, dass wir die scharfen Grenzwertanforderungen sicher einhalten. Da die WEV ein effektives Wassermanagement betreibt und zunehmend Wasser für technologische Zwecke benötigt, z. B. für die Straßen- und Kanalreinigung, den Deponieeinbaubetrieb oder für den Betrieb der mechanisch-biologischen Aufbereitung, musste in den letzten Jahren kein Abwasser in die Pleiße abgeschlagen werden. Dennoch werden das Einleitbauwerk, die Vorflutleitung und die dazugehörigen Schächte regelmäßig inspiziert, gewartet und gereinigt, damit im Falle einer Einleitung keine Ablagerungen oder stehendes Wasser in die Pleiße gelangen.“

Und was konkret passiert mit dem Sickerwasser aus der Deponie selbst, immerhin 4.000 Kubikmeter jährlich?

Das schildert der Bericht so: „Das Deponiesickerwasser entsteht aus dem Regen, der durch den noch nicht abgedeckten Bereich des Deponiekörpers dringt und somit den Abfallkörper durchfließt. Dieses danach verunreinigte Abwasser wird an der Basis des Berges mittels perforierten Rohrleitungen gefasst und fließt über 4 Sammelleitungen (eine im Norden, eine im Süden und zwei im Tunnel) dem Sickerwassersammlungssystem im freien Gefälle zu.“

Das Sickerwasser wird dann mittels doppelwandiger und leckageüberwachter Rohrleitungen über Pumpschächte zu insgesamt drei ebenfalls leckagegesicherten Becken (zusammen 14.500 Kubikmeter Speichergröße) geführt. Und nicht nur das Sickerwasser.

„Aus den Vorsorgegründen wird zusätzlich die Straßenentwässerung der Deponieabfahrtstrecke den Sickerwasserpoldern zugeführt. Die offenen Sickerwasserbecken selbst sind als Folienspeicher mit Kiesdrainageleitung sowie mit einer zweiten Folienschicht errichtet und verfügen damit über eigene Sicherheitseinrichtungen.“

Das belastete Wasser wird also erst einmal gesammelt.

Danach wird es technisch: „Von den Sickerwasserbecken aus gelangt das Deponiesickerwasser in die mehrstufige Umkehrosmoseanlage. Diese Technologie wird u. a. auch bei der Meerwasserentsalzung bzw. Trinkwassergewinnung genutzt. Mithilfe einer großen Anzahl an sogenannten Disc Tube Modulen, in denen sich einige hundert Trägerscheiben mit Kunststoffmembranen befinden, und mehrerer Hochdruckpumpen wird das Sickerwasser entgegen seines natürlichen osmotischen Druckes bei bis zu 120 Bar gereinigt. Hierbei durchströmen die relativ kleinen Wassermoleküle in großer Mehrheit die semipermeablen Membranen (Permeat). Die restlichen chemischen Bestandsteile des Deponiesickerwassers werden als aufkonzentrierter Rückstand (Konzentrat) zurückgehalten.“

Man bekommt also ein durch Membranen von seinen Bestandteilen gereinigtes Wasser auf der einen Seite und die damit quasi herausgefilterten Inhaltsstoffe auf der anderen.

Das so gewonnene und in einem Tank zwischengespeicherte Reinwasser wird dem biologisch aktiven Schönungsteich zugeführt. Dort wird es wieder naturnah mit Mineralien angereichert, also „geschönt“, wie die WEV es beschreibt.

Das auf der anderen Seite „übrig“ gebliebene Sickerwasserkonzentrat wird in Behältern gespeichert und separat über Entsorgungsfachbetriebe entsorgt, heißt es im Bericht weiter. „Diese übernehmen bei Bedarf auch Teilmengen des unbehandelten Sickerwassers als Abfall.“ Welche Betriebe das sind, verrät der Bericht leider nicht.

Geplant ist der Deponiebetrieb übrigens bis 2035, dem folgen fünf Jahre der systematischen Stilllegung, die 2040 dann in die gesetzlich vorgeschriebene Nachsorge übergehen. 2070 kann, wenn alles wie erwartet läuft, die WEV aus der Nachsorge entlassen werden. Die Zentraldeponie bildet dann auf jeden Fall einen markanten Höhenpunkt im Leipziger Südraum. Und mögliche Nachnutzungen könnten auch schon vor Ende der Nachsorgezeit beginnen, stellt Henry Graichen, Landrat des Landkreises Leipzig fest.

Was passiert mit dem Deponiegas, dem Sickerwasser und den Wertstoffen auf der Deponie Cröbern?

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