Das kommt dann selbst Sachsens Statistikern recht bedrohlich vor, dass im Freistaat jedes Jahr immer noch Millionen Tonnen Abfälle in die Natur gekippt werden. Von einer Kreislaufwirtschaft ist Sachsen noch immer himmelweit entfernt. Zum Weltumwelttag am 5. Juni veröffentlichte das Landesamt für Statistik die neuesten Zahlen bis 2018. Mit Blauwalen drin.

Von 2009 bis 2018 wurden in Sachsen jedes Jahr durchschnittlich 11,4 Millionen Tonnen Abfall an die Natur abgegeben, fassten die Landesstatistiker die Zahlen zusammen. Und sie fanden einen doch recht beeindruckenden Vergleich: „Diese Masse gleicht der von ca. 60.000 Blauwalen, dem größten jemals auf unserer Erde vertretenen Lebewesen, das jetzt auszusterben droht.“So viel Emotion hätte man den Zahlenspezialisten aus Kamenz gar nicht zugetraut. Aber augenscheinlich findet selbst dort ein Umdenken statt. Es genügt nicht mehr, immer nur die trockenen Bilanzen zu ziehen und dann interessiert das doch wieder keinen einzigen Politiker.

Denn auch scheinbar dürre statistische Angaben beinhalten Relevanz für unser Leben. Und manche Zahlen sind tatsächlich beängstigend, wenn sie eigentlich davon erzählen, welches Schindluder wir mit unserer Umwelt treiben und dass das keineswegs mehr lange gutgeht, wenn es nicht drastische Veränderungen in unserer Politik gibt.

Wobei gerade bei Umweltdaten in Sachsen das Tragische ist, dass sie eigentlich immer schon um Jahre veraltet sind, wenn sie veröffentlicht werden. Das trifft ja nicht nur auf Müllablagerungen zu, sondern zum Beispiel auch auf Emissionen und Wasserqualitäten. Irgendwo in der Meldekette ist da der Wurm drin. Irgendjemand sitzt auf den aktuellen Daten und gibt sie viel zu langsam weiter. Logisch, dass gerade konservative Politiker dann oft den Eindruck bekommen, dass es wohl doch nicht so eilig ist mit den Veränderungen.

Wie das Statistische Landesamt anlässlich des Weltumwelttages 2021 unter dem Motto „Gemeinsam für Umwelt und Klima – Plastikmüll vermeiden“ mitteilt, lag in dem Zehnjahreszeitraum das Minimum mit 10,5 Millionen Tonnen im Jahr 2015 und das Maximum mit 13 Millionen Tonnen im Jahr 2018. Im Maximum steckten 0,03 Promille Kunststoffe.

2018 stammte der größte Teil der an die Natur abgegebenen Abfälle in Sachsen mit 9,6 Millionen Tonnen (74,1 Prozent) aus der Entsorgung von Bau- und Abbruchabfällen einschließlich Straßenaufbruch, gefolgt von den Abfällen aus Produktion und Gewerbe in Höhe von 2,8 Millionen Tonnen (21,3 Prozent). Der Rest umfasste Sonder- und Siedlungsabfälle.

Die Menge der Bau- und Abbruchabfälle einschließlich Straßenaufbruch als auch ihr Anteil an den Abgaben von Abfällen an die Natur insgesamt war von 2009 bis 2015 von 9,9 Millionen Tonnen auf 7,2 Millionen Tonnen bzw. von fast 80 Prozent auf knapp 70 Prozent zurückgegangen und anschließend bis 2018 wieder gestiegen.

Im Jahr 2018 dienten 8 Millionen Tonnen (61,8 Prozent) der an die Natur abgegebenen Abfälle der Verfüllung über- und untertägiger Abbaustätten. Das klingt so farblos, dass man fast übersieht, dass es dabei vor allem um ehemalige Kiesgruben, Tagebaue und Steinbrüche geht. So, wie es ja auch beim ehemaligen Steinbruch am Holzberg bei Böhlitz geplant war, einem Ort, der sich über 20 Jahre längst zu einem artenreichen Biotop entwickelt hatte.

Die „Abbaustätten“ sind in der Regel keine leblosen Orte und das Verfüllen mit Bauschutt ist in der Regel ein neuer schwerer Eingriff in natürliche Regenerationsprozesse. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Materialien recyclebar sind und nichts auf einer Deponie zu suchen haben.

Aber selbst solche recycelten Materialien werden verkippt, wie die Statistiker feststellen: Weitere 3,6 Millionen Tonnen (28,0 Prozent) gelangten durch die Verwertung aufbereiteter Bauabfälle in die Natur zurück. Damit entfielen beinahe 90 Prozent der 2018 insgesamt in Sachsen an die Natur abgegebenen Abfälle allein auf diese beiden Kategorien, deren Anteil zudem seit 2009 jährlich nur geringfügig schwankte. Der verbleibende Rest landete auf Deponien.

Auch das trägt zum Ansteigen der Baupreise bei. Denn wenn Bauschutt nicht weitestmöglich wieder so aufbereitet wird, dass er wieder zum Baustoff wird, muss er natürlich immer weiter durch neue Rohstoffe ersetzt werden, die freilich immer schwerer zu gewinnen sind und deshalb auch seltener und teurer.

Das steckt auch im Blauwal-Vergleich der Statistiker: Eigentlich sollten solche Mengen von Bauschutt nicht mehr in der Landschaft landen. Ein wirklich ernsthaftes Bemühen, auch in der Bauwirtschaft zu einer wirklichen Kreislaufwirtschaft überzugehen, ist nicht zu erkennen.

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