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„Der Prozess muss weitergehen“: Innenminister Ulbig begrüßt umstrittenes DFL-Sicherheitskonzept

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    Kaum war am Mittwoch das umstrittene DFL-Sicherheitskonzept beschlossen, meldete sich Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) zu Wort. Seine Pressemitteilung zeugt von blanker Ahnungslosigkeit und sucht den vermeintlichen Sündenbock in den Reihen der Fans. Ein fataler Fehler.

    „Ich begrüße die heutige Entscheidung der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes zur Verbesserung der Sicherheit bei Fußballspielen“, so der Ressortchef, in dessen Bundesland mit Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue zwei DFL-Mitglieder beheimatet sind. „Die von den Delegierten mit großer Mehrheit beschlossenen Anträge weisen in die richtige Richtung und müssen vom DFB und DFL sowie den Vereinen konsequent umgesetzt werden. Eines ist klar, der Prozess muss weitergehen.“ Fußball sei schließlich eine der schönsten Nebensachen der Welt. Ein Sport, der die ganze Familie begeistert. „Ich will, dass man zukünftig in ein Stadion gehen kann, ohne zu befürchten durch Pyrotechnik verletzt zu werden oder in Schlägereien zu geraten.“

    Spätestens hier stellt sich die berechtigte Frage, ob Ulbig in seinem Leben schon einmal in einer Fankurve gestanden hat? Offenkundig nein. Sonst würde er wissen, dass die Gefahr, als Ottonormalfan Opfer einer Gewalttat zu werden im Dynamo-Stadion oder in der Auer Arena so niedrig ist, wie bei grüner Fußgängerampel von einem Auto angefahren zu werden.
    Dort, wo im sächsischen Fußball die tatsächlichen Gefahren lauern, etwa in den von Neonazis unterwanderten Fankurven von Lok Leipzig und dem Chemnitzer FC, gilt das DFL-Papier nicht. Statt dieses Übel an der Wurzel zu packen, schwadroniert Ulbigs Pressesprecher Frank Wend vor sich hin. Gewalt beim Fußball sei, entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, nicht nur ein Problem sächsischer Vereine oder der östlichen Bundesländer. Stimmt. Hat auch nie jemand ernsthaft behauptet.

    Die jetzige Entscheidung über ein neues DFL- Sicherheitskonzept sei überfällig gewesen. Die viel diskutierte Pyrotechnik ist und bleibt im Stadion verboten. Eine kreative um Choreographien bemühte Fanszene sei einfallsreich genug, auch ohne Pyrotechnik eine kraftvolle Unterstützung ihres Clubs auf die Beine zu stellen. Nicht zu vergessen: „Pyrotechnik im Stadion ist nicht Fankultur, sondern lebensgefährlich.“ Viel ahnungsloser kann man sich dieser Tage wohl kaum zu Wort melden. Wäre das Abbrennen von Pyrotechnik hierzulande legal, würde vermutlich kein Hahn danach krähen. Schließlich ist kaum ein Fall bekannt, bei dem sich ein Fan beim Abbrennen einer Seenotfackel ernsthaft verletzt hätte. Das kann schließlich nur bei unsachgemäßer Handhabung passieren. Wozu die Ordnungspolitik die Fans verdonnert, wenn sie jede noch so kleine Zündelei mit jahrelangen Stadionverboten ahndet.

    Diesen simplen Kausalzusammenhang möchten weder Ulbig noch sein PR-Mann erkennen. Sie werfen der Presse lieber eine weitere Platitüde zum Fraß vor: „Innerhalb der „Fankultur“ muss es einen klaren Konsens gegen Gewalt und gegen den gefährlichen Einsatz von Pyrotechnik geben.“ Und schließlich der Dauerbrenner: „Fußballstadien sind kein rechtsfreier Raum.“

    „Es ist für mich unerträglich, wenn in entsprechenden Foren und Fanshops die Gewaltorgien auch und gerade rund um das Pokalspiel in Hannover gefeiert werden und entsprechende Filme kursieren, in denen Ausschreitungen als typische Fankultur gefeiert werden“, erklärt Ulbig. „In der öffentlichen Diskussion auch unter Fußballfans habe ich oft den Eindruck, dass Ursache und Wirkung verwechselt werden. Nicht die Gewalt ist dort das Problem, wie zum Beispiel zuletzt beim Auswärtsspiel von Dynamo in Hannover, sondern das öffentlich darüber gesprochen wird und dass die Missstände benannt werden.“ Keineswegs sollen an dieser Stelle Straftaten verharmlost werden. Was beim Dresden-Gastspiel in Hannover auf den Rängen passiert ist, gehört in kein Fußballstadion.

    Trotzdem drängt sich die Frage auf, ob dem Minister geläufig ist, wer die von ihm zitierten Debatten in die Gänge gebracht hat? Bekanntlich waren es die Innenminister von Bund und Ländern, die die DFL, teils unter dem Eindruck von Wahlkämpfen, zu einer härteren Gangart gedrängt haben. Ergebnis waren Fandemos, Schweigeproteste und das gestern verabschiedete Maßnahmenpaket. Dass stärkere Zugangskontrollen, Video-Vollüberwachung und Vermummungsverbot Hardcore-Fans von ihrem kriminellen Treiben abbringen wird, ist zu bezweifeln. Gleichfalls, dass sich unbeteiligte Stadiongänger bei der Politik für verstärkten Sicherheitsvorkehrungen bedanken werden. Möglicherweise entpuppen sich die rigiden Mittel gerade für manch Ordnungspolitiker noch als fatales Eigentor.

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