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Braunes Licht im Erzgebirge: Im sächsischen Schneeberg machen die NPD und eine Bürgerinitiative gegen Asylsuchende mobil

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    Lange bevor schutz- und hilfesuchende Menschen aus anderen Ländern eine provisorische Unterkunft in der ehemaligen Schneeberger Jägerkaserne fanden, zog ich als junger Rekrut dort ein. Das war im Juli 1996. Der heutige NPD-Kreisvorsitzende und Gemeinderat Stefan Hartung, der im Moment gegen die Unterbringung dieser Menschen in Schneeberg mobil macht, war damals gerade sieben Jahre alt geworden (oder war er noch sechs?). Meine Stube im Gebäude der Vierten Kompanie in der Kaserne in Wolfgangmaßen teilte ich mir mit drei weiteren Rekruten. Das war nicht schön. Aber wir konnten immerhin am Wochenende nach Hause fahren.

    Später, als Gebirgsjägerunteroffizier, zog ich in das Gebäude der Zweiten Kompanie, Stube 238, eine Zweibett-Unterkunft. Das war besser, aber auch noch nicht wirklich schön. Als wir als Schneeberger Jäger 1999, gemeinsam mit Panzeraufklärern aus Augustdorf, im Verstärkten Jägerbataillon das Erste Kontingent der Kosovo-Force bestritten – Stefan war gerade zehn Jahre alt – ahnte ich zum ersten Mal, was Menschen bewegen könnte, in Deutschland Zuflucht zu suchen.

    Vor diesem Einsatz hatte ich, als damals etwas über Zwanzigjähriger, ebenfalls jede Menge Blödsinn über Ausländer und Asylsuchende gedacht und häufig auch geredet, ganz so, wie Stefan das heute macht.

    Als junger Soldat ging ich hin und wieder natürlich auch in meiner Garnisonsstadt und in ihrem weiteren Umkreis fort. Schwarzenberg war ganz gut, Wernesgrün auch. Wenn ich „ganz gut“ sage, meine ich – oft das Einzige. Die Stadt Schneeberg und die Gemeinden im Umkreis, an die ich mich erinnere, sind beschaulich. Etwas verschnarcht, immer jedoch von offener Herzlichkeit, vieles wurde „auf dem kleinen Dienstweg“, ohne viel Lärm darum zu machen, erledigt, es gab (und gibt es wahrscheinlich immer noch) sagenhaft schöne Frauen, wenn auch mit einem etwas zweifelhaften Dialekt – wie wir als junge Rekruten meinten.

    Später war ich oft erstaunt, wie viele Menschen ich überall auf der Welt traf, die aus dieser Region stammten: in Chile, Afghanistan, Skandinavien – überall Erzgebirger. Meine ganz persönliche Theorie ist, dass viele Menschen in dieser Region, statt den Kopf in den Sand zu stecken (ja, es ist dort nicht einfach), ihr Geschick in die Hand nehmen, und ihr Glück in der Welt suchen, anstatt zu jammern.

    Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Was mir ebenfalls schon damals auffiel: In Schneeberg, in Aue, in der gesamten Region, gab es eine starke und aktive Neonazi-Szene. Wenn man mit ein paarhundert jungen Männern, die zum Großteil aus der Region stammen, in einer Kaserne zusammenlebt, kann das kaum unbemerkt bleiben.

    So unterhielt die Neonazi-Szene in Aue etwa – ich habe keine Ahnung wie es heute ist – damals gute Verbindungen in eine Region, der ebenfalls meine unverhohlene Sympathie gilt, und in der ich auch eine Zeit lang gelebt habe: die Oberlausitz.

    Und die Szene dort hatte wiederum Verbindungen zur Neonazi-Szene in der Sächsischen Schweiz (deren Verfahren ich am Amtsgericht Pirna als Praktikant der Dresdner Neuesten Nachrichten teilweise verfolgte). Kurz und gut: dieses Phänomen ist keiner Region per se eigen, es ist überall dort zu beobachten, wo die Perspektiven verstellt, die Frustration hoch, der ökonomische Standard niedrig sind – und die Fäden in den Händen einiger weniger Regionalfürsten zusammenlaufen.

    Es ist ein Problem primär der Gemeinschaft und, wie sich nicht erst jetzt zeigt, der Gesellschaft.

    Ich weiß nicht, wann Stefan den Bauernfängern der NPD in die Hände lief, und erkannte, dass sich aus deren zweifelhafter Phalanx heraus den Regionalfürsten und Etablierten der Region Paroli bieten und für sich selbst etwas Bedeutung zusammenklauben ließ – tatsächlich scheint mir darin das eigentliche Ziel von Stefans Bürgerinitiative zu bestehen.

    Was ich jedoch sicher weiß, ist, dass die „Delikte“, die Hartung jetzt den hilfesuchenden Menschen in der Jägerkaserne anlastet, „Ladendiebstähle“, „Bürger berichten darüber, dass ihnen in die Vorgärten gepinkelt wurde“, „junge deutsche Mädchen werden […] belästigt, sexueller Natur“, „es wird Wegelagerei betrieben“ (http://www.youtube.com/watch?v=tgY11XFXVII, 2:23ff) und „Vandalismus“ (http://www.youtube.com/watch?v=nCK_0rRRN8c, 3:00ff.), seit jeher ein Teil des Schneeberger Lebens sind.

    Diese Phänomene sind ebenso ein „kultureller Verdienst“ Deutschlands wie Bach und Händel es sind, und insofern nicht nur für die Stadt im Erzgebirge typisch. Lange bevor der erste „Fremde“ in Schneeberg auftauchte, wurde dort schon in Vorgärten gepinkelt.

    Ich bin ebenfalls gut darüber unterrichtet, dass nicht nur die Schneeberger, die an den Einfallsstraßen des Ortes leben, ein Lied von umgeworfenen Mülltonnen, zertretenen Gartenzäunen, beschmierten Bänken im Stadtpark oder illegalen Müllablagerungen auf dem Schneeberger Festplatz vor dem Geitner-Bad singen können.

    Doch haben die „Vandalen“ denen derlei Vergehen zuzuschreiben sind, einen deutlich sächsischen Akzent, wie es in mancher Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag gut mitzuhören ist – getrübt vom „getränkedeutschen“ Akzent der berauschten Randalierer, das will ich freilich zugeben. Einen Fackelumzug wie für die Schutzsuchenden in der Jägerkaserne hat deswegen bisher noch niemand organisiert.

    Und das „deutsche Mädel“ will ich treffen, das noch nicht von einem ihrer männlichen Ko-Nationalen nach oder während einer Party mit primitiven anzüglichen Sprüchen belästigt worden ist.
    Stefan Hartung indes – der nun 24 Jahre alt ist (oder ist er 25?) – will uns weismachen, dem sei nicht so.

    ie zahllosen Widersprüche und Absurditäten, die in seiner Argumentation zwangsläufig zu Tage treten, kann ich ihm dabei gar nicht so richtig übelnehmen. Etwa wenn er versucht, hanebüchene Parallelen zwischen dem antistalinistischen Aufstand vom 17. Juni 1953 (http://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_des_17._Juni), der friedlichen Revolution von 1989 und den von ihm, dem Kreisvorsitzenden der NPD, organisierten Fackelmärschen herzustellen (http://www.youtube.com/watch?v=tgY11XFXVII, 3:20ff).

    Oder wenn er andererseits betont, er argumentiere als Vertreter der Bürgerinitiative „Schneeberg wehrt sich“, die keinesfalls von der NPD beeinflusst sei, um kurz darauf mit Phrasen wie „Wir haben als Deutsche selber genug Kriminelle in den eigenen Reihen, da müssen wir nicht noch zigtausende Fachkräfte auf diesem Gebiet hierher importieren“ (selbe Quelle, 4:29ff.) ebenso erkennbar wie frei nach dem Parteiprogramm der NPD zu dozieren.

    Der Funktionär – auch der Unerfahrene – bewegt sich eben immer im Vokabular seiner Funktion. In diesen Widerspruch passt auch, dass er sich in der Wendung „wir als Schneeberger“, beziehungsweise „wir als Westerzgebirger“ (selbe Quelle 4:08ff) deutlich als Vertreter der Bürgerinitiative und als Kreisvorsitzender der NPD zu erkennen gibt, nur um später etwas naiv anzumerken: „Ich weiß nicht, wie sie darauf kommen, dass hier die NPD irgendwo Profit machen möchte“ (selbe Quelle, 4:49 ff.).

    Mit derlei schlichter Kost steht er erfahrenen Journalisten gegenüber, die den ganzen Quatsch, den er da vom Stapel lässt, schon mehr als einmal gehört haben, und ihn dementsprechend durchschauen. Dass ihn nun deren Fragen wiederum durcheinanderbringen und er deswegen ins Absurde flüchtet, oder auf Indoktrination setzt, wer will ihm das verdenken? Das ist die Strategie die er kennt. Er weiß es nicht besser.

    Es scheint mir hier in mehrerlei Hinsicht eine Abhängigkeit zu bestehen: Zunächst ist augenfällig, dass die NPD an den größeren Projekten gescheitert ist. Ihr weltfremdes, menschenverachtendes und anachronistisches Programm, oder ihr Versuch, Veranstaltungen zu vereinnahmen (13. Februar, Dresden), sind ebenso durchsichtig wie flach. Ihr katastrophales Abschneiden bei der letzten Bundestagswahl ist eine bessere Visitenkarte der NPD derzeit als jeder Text es sein könnte.

    Die neue, alte Masche setzt nun in den kleinen Städten an, an Projekten, die insgesamt eine Nummer kleiner sind. Schneeberg etwa oder der Moscheebau in Leipzig sind entsprechend geeignete Plattformen für derlei menschenverachtende Profilierungssucht. Ohnehin war der regionale Raum an sich, insbesondere regionale Vereine, seit jeher attraktiv für die NPD.

    Die Partei feierte ihre größten Erfolge dort, wo man es ihr erlaubte, an der Basis zu werkeln. Hier kommt Stefan Hartung ins Spiel. Ein 24-Jähriger, der, aus welchen Gründen auch immer, Wut im Bauch hat, der mit „Arroganz und Selbstherrlichkeit der Politik“ (selbe Quelle, 3:50ff.) abrechnen will.

    Das nennt er sein „basisdemokratisches“ Programm. Damit gelingt es ihm, einen Teil der Schneeberger hinter sich zu versammeln. Wahrscheinlich den Teil, der, ebenso wie er, eine diffuse Wut auf „die dort oben“ verspürt, und auf die Durchsetzung eines nebulösen Volkswillens pocht, der weder de jure noch de facto je gefährdet war.

    Dass dieser angebliche Volkswille Menschen in einer Notsituation instrumentalisiert, ist ebenso erbärmlich wie argumentativ schlecht zu rechtfertigen. Daher das ganze Geschwurbel, das den 17. Juni 1953, die friedliche Revolution 1989, angebliche Ausländerkriminalität und „basisdemokratische“ Initiative zu einem unappetitlichen braunen Brei verrührt.

    Hartung erreicht dabei eine Bedeutung, das diesem stammtischtauglichen Weltverständnis gar nicht zukommt. Es werden Kameras auf ihn gerichtet, die ARD, der MDR sind da. Eine solche Bedeutung hatte Hartung noch nie – und er wird sie wahrscheinlich auch nie wieder haben.

    Als ich am 1. Juli 2000 – Stefan war gerade elf Jahre alt – das Tor der Jägerkaserne in Wolfgangmaßen zum letzten Mal durchschritt, hatte ich die Uniform (zumindest für einige Zeit) an den Nagel gehängt. Mein Herz indes ist, nicht nur metaphorisch, in Schneeberg „hängen“ geblieben. Die Probleme, die dieses mir lieb gewordene Städtchen hat (und die es mit ähnlichen Städtchen in ganz Deutschland teilt), rühren bestimmt nicht von den armen Seelen her, die heute in der Jägerkaserne hausen müssen.

    Die Funktionäre aus denen Hartungs Partei besteht indes werden erkennen müssen, dass auch in Schneeberg die Menschen nicht hinter dem Berg leben. Da habe ich sie, in den siebzehn Jahren, die mich nun mit dem Städtchen verbinden, besser kennengelernt. Im Moment ruht die Aufmerksamkeit auf Stefan Hartung, aber es regt sich bereits Protest gegen dessen Vereinnahmung der Stadt. Und der wird immer breiter.

    Wenn Du Dich lächerlich machen willst, oder Deine Partei, Stefan – nur zu! Aber verkauf mir die Schneeberger nicht für dumm.

    Tobias Strahl mit seinem Blog „Sehnsuchtsort“ im Netz
    Sehnsuchtsort

    Zum Spiegel TV – Beitrag über die Vorgänge in Schneeberg
    http://www.spiegel.de/video/schneeberg-hetze-gegen-asylbewerberheim-video-1306608.html

    Über Schneeberg bei Wiki
    http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%A4gerkaserne_%28Schneeberg%29

    Zum Interview mit NPD-Kreisvorsitzende und Gemeinderat Stefan Hartung
    http://www.youtube.com/watch?v=tgY11XFXVII

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