Von Frust, Chaos und Fusionsträumen: Der Leutzscher Fußball nach dem Derby

Der Frust war Dirk Havels Männern nach der knappen Niederlage gegen den Stadtteilrivalen anzumerken. Die SG Leutzsch verlor am Sonnabend gegen die BSG Chemie knapp mit 0:1. Dem Treffer in der 79. Minute war ein Patzer von Keeper Christian Schmedtje vorausgegangen. Während die Chemiker ausgelassen vor dem rappelvollen Gästeblock feierten, starrten die anderen nach dem Schlusspfiff konstaniert ins fast leere Rund. Zwei Kicker ließen ihren Frust an einem Plastikstuhl aus.
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Zuvor hatten sie über 90 Minuten aufopferungsvoll gekämpft, aber mehrere zwingende Torchancen vergeben. In der Tabelle belegt die Sportgemeinschaft nun mit 46 Punkten einen achtbaren 7. Platz – mit einem Zähler Rückstand auf die BSG Chemie (6.). Coach Havel ist mit seinen Jungs trotz der Schmach zufrieden: „Die Mannschaft hat eine gute Saison gespielt.“ In der Sommerpause wird er seine Truppe neu ordnen müssen. Vor Anpfiff wurden gleich drei Leistungsträger verabschiedet. Alexander Bury wechselt zum 1. FC Lokomotive, Martin Rießbeck hat bei der U23 des Chemnitzer FC angeheuert und Daniel Sippel zieht es in seine thüringische Heimat. Trotzdem: „Achtzig Prozent der Mannschaft bleibt so zusammen“, freut sich Havel. Bei der Besetzung der Leerstellen wird er auch auf den eigenen Nachwuchs zurückgreifen. „Wir haben ein paar gute Spieler aus dem A-Jugend-Jahrgang.“
Chaotisch die letzten Wochen beim Leutzscher Lokalrivalen. Erst tauschten die Verantwortlichen den Trainer. Statt René Behring saß am Sonnabend Chemie-Veteran Steffen Hammermüller auf der Bank. Über Sinn und Zweck der Maßnahme scheiden sich die Geister. Wollten Vorstand und Aufsichtsrat auf Krampf eine grün-weiße Ikone installieren? „Mir wurde kein Grund genannt“, beklagt sich Behring, der von heute auf morgen seine Sachen packen konnte. An schlechten Leistungen lag es jedenfalls nicht. Die Chemiker haben beste Karten, die Saison am kommenden Sonnabend mit einem Platz im oberen Tabellendrittel abzuschließen.Voraussetzung wären Sieg gegen die U23 von RB Leipzig (Anstoß: 15 Uhr) oder ein Patzer der Konkurrenz. Die SG Leutzsch reist zum FC Eilenburg, Gelb-Weiß Görlitz tritt beim FC Grimma an.

Auch das Sportgericht könnte den Chemikern noch einen Strich durch die Rechnung machen. Die Grün-Weißen haben offenbar zu wenig Nachwuchsteams gemeldet. Ein peinlicher Schnitzer, der schlimmstenfalls sogar mit dem Zwangsabstieg geahndet werden könnte. Zum Rückrundenstart waren der Betriebssportgemeinschaft bereits Punkte abgezogen worden, weil sie zu wenig Schiedsrichter stellen.
Geht es nach einigen Fans, peilen beide Clubs in Kürze eine Fusion an. Während des Derbys hingen sie ein Transparent auf: „Wer blockiert, ist kein Chemiker!“ „In sportlicher und finanzieller Sicht würde das Sinn machen“, meint auch Dirk Havel. Doch der Weg zu einem grün-weißen Verein dürfte steinig werden. Zu groß scheinen die Dissenzen zwischen den Fanlagern. Innerhalb der Anhängerschaft tobt teils eine erbitterte Feindschaft, die auch vor den Vorständen beider Clubs nicht Halt macht. So wussten Fotografen der BSG Chemie am Freitagabend noch nicht, ob ihnen der Zugang zum Innenraum gewährt wird. Der Grund: Sie besaßen keine Presseausweise.

Nickligkeiten wie diese konterkarieren die Bemühungen einzelner Fangruppen, gegenseitige Vorbehalte abzubauen. Zumindest am Sonnabend ließen die Chemie-Ultras, die die Mehrheit der Mitglieder stellen, keinen Zweifel an ihrer Position. „Jamal Engel, aus der Traum“, skandierten sie. „Bald liegst du im Kofferraum.“ Fans der SG Leutzsch erwiderten: „Gandaa an den Baum.“ Der ehemalige Sachsen-Stürmer kickt seit dieser Saison für die BSG Chemie. Ein Streitpunkt die Anfälligkeit der SG Leutzsch für rechtes Klientel. Die BSG Chemie bekennt sich in ihrer Satzung zu Antirassismus und Antisexismus. Zumindest von letzterem war auf beiden Seiten am Sonnabend nichts zu spüren. „Warum seid ihr Huren so leise?“, gröhlten beide Lager durch’s Rund. Was belegt, dass sich die Fanszenen wohl doch ähnlicher sind, als sie sein möchten.


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