René Müller vor der EM (Teil 1): „Deutschland ist kein Favorit“

Einmal werden wir noch wach - dann beginnt das europäische Fußballspektakel in Polen und der Ukraine. Als einer der beiden Topfavoriten auf den EM-Titel wird neben Spanien auch Deutschland gehandelt. Doch für Ex-Nationalspieler René Müller ist der Turnierausgang völlig offen - er traut auch Polen einiges zu.
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Herr Müller, Sie sind seit einem Jahr zurück in Leipzig. Wie geht es Ihnen?
Es geht mir nach wie vor gut. Bin froh, dass ich mal wieder längere Zeit in Leipzig war. Ab Juli habe ich auch wieder Arbeit und werde für Borussia Mönchengladbach als Scout für Ostdeutschland, Polen und Tschechien arbeiten.

Gemeinsam mit Ihnen und vielen anderen ehemaligen Spielern, Fans und Sponsoren feierte der 1. FC Lok kürzlich „25 Jahre Athen“. Wie ist Ihr Eindruck von den Feierlichkeiten gewesen?
Ich war sehr erfreut, dass diese Feier in diesem Rahmen zustande gekommen war. Es war eine tolle Atmosphäre, ich habe viele Leute wieder getroffen, die ich lange nicht gesehen habe. Eine wunderbare Sache. Vor 15 Jahren, bei der letzten Feier, waren wir noch besser auf den Beinen und haben noch gespielt. Dieser Abend vor einigen Wochen war aber etwas ganz Besonderes. Man wird an schöne Momente erinnert, aber man lebt auch ganz schnell wieder im Jetzt.
Das EC-Finale war auch Ihr sportlicher Höhepunkt, oder?
Natürlich war es der absolute Höhepunkt. Der Elfmeter vor mehr als 100.000 Zuschauern war unvergesslich, aber man lebt ja nicht nur vor einem Spiel. Es gibt weitere Momente, die ähnliche Bedeutung hatten. Dazu gehören auch die drei FDGB-Pokalsiege 1981, 1986, 1987 oder das Pokal-Viertelfinale in Dresden 1987. Die drei Jahre bei Dynamo Dresden waren auch ereignisreich, vor allem die ersten zwei Jahre. Das waren verrückte Zeiten, als wir gegen den Abstieg spielten und teilweise 12 Stunden mit dem Bus bis ins Ruhrgebiet gebraucht haben. Ich sehe aber das gesamte Leben und deshalb kommt bei mir auch immer die Jugend bei Lok hoch, diese Entwicklung von Kabine zu Kabine, von Trainingsplatz zu Trainingsplatz. Dann die Entwicklung in der Nationalmannschaft von U16, U18, U21, Olympiamannschaft, A-Nationalmannschaft. Diesen Werdegang kann man nicht mit einem Spiel wegreden. Ich bin nicht auf die Spiele fixiert, das Wichtigste im DDR-Fußball war für mich, dass ich die Welt sehen konnte: Afrika, Nordamerika, Südamerika bis nach Asien.

Stichwort Nationalmannschaft: Für eine EM hat es für die DDR nie gereicht. Warum?
Die EM-Endrunde wurde damals mit acht Mannschaften gespielt. Die Leistungsdichte war enorm. Man muss bloß mal an die letzte EM-Qualifikation der DDR denken. 1987/ 1988 sind wir in der Quali an der Sowjetunion gescheitert. Ein Punkt fehlte, wir waren aber noch vor Frankreich. Die SU hat im EM-Finale gestanden, knapp gegen Holland verloren, die wiederum die BRD geschlagen hatte. Es tut natürlich weh, nie so ein großes Turnier gespielt zu haben. Das einzige für das ich mich qualifiziert hatte, Olympia 1984, durften wir aufgrund der politischen Wirren nicht spielen. Aber das ist wieder das Nachkarten in der Vergangenheit, das nichts bringt. Es waren große Spiele in der EM-Quali. Hätten wir damals mit 16 Mannschaften gespielt, hätte man mit uns rechnen müssen, weil die Möglichkeiten, in einem Turnier erfolgreich zu sein, größer sind als in einer Quali. Das hat die BRD ja auch gezeigt, mit Mannschaften die schlechter waren als die Konkurrenz.

In Deutschland wird viel über psychische Verfassung der Bayern-Spieler nach dem verlorenen Champions-League-Finale diskutiert. Wie sehen Sie das?
Die Niederlage wird Wirkung hinterlassen, aber erst wenn die Spieler im Endspiel sind. Vorher werden sie daran nicht erinnert. Spätestens bei einem Elfmeterschießen wird ein Schweinsteiger erinnert, dann muss er über den Bock springen. Uwe Zötzsche hat das 1987 innerhalb eines Spiels gemeistert. Die Nationalmannschaft wird von den Bayern getragen, die dreimal nur Vize geworden ist. Das ist natürlich ein Jammern auf einem hohen Niveau, denn es ist trotzdem eine gute Leistung gewesen, aber sie zählt in unserer Gesellschaft heute nicht.
Bastian Schweinsteiger ist derzeitig das Sorgenkind schlechthin…
Ich hoffe, dass er zumindest so fit wird, dass er so wie gegen Chelsea oder Real spielen kann. Auch da war er nicht fit. Wenn er gesund bleibt, ist er für mich das Herz dieser Mannschaft, der die Mentalität hat, die Mannschaft zu führen, er bestimmt den Rhythmus. Bricht er weg, glaube ich, dass Deutschland ein großes Problem bekommen wird, denn mit Per Mertesacker und Miroslav Klose sind schon zwei Spieler auf Jogi Löws Achse angeschlagen. Wenn du mit drei Verletzten in der Achse spielst, wird es schon kritisch. So viele Alternativen haben wir nicht. Ich glaube, dass Kroos ähnlich talentiert ist, aber nicht die psychische Stärke und das Durchsetzungsvermögen hat. Es würden 20 Prozent auf der Position fehlen. Mit den spanischen Meistern Özil, Khedira und Schweinsteiger hätte man ein gutes Herz. Schwachstelle bleibt für mich die Abwehr und das Sturmzentrum. Das kann man nur hinbekommen, wenn man schnell positive Ergebnisse erreicht. Mit schönem Spiel wird das nicht gehen. Du musst schnell in das Turnier finden, denn solche Alphatiere wie Ballack bei der EM 2008 hat das Team nicht mehr. Er macht damals im entscheidenden Spiel gegen Österreich das entscheidende Tor, er bog zusammen mit dem Trainerstab das System um. Diesen Willen sehe ich bei keinem Spieler. Der einzige, der dieses Herz verkörpern kann, ist Bastian Schweinsteiger.

Deutschland ist Favorit?
Nein. Es gibt eine ganze Anzahl von Favoriten. Spanien ist auch nur einer von vielen. Barcelona hat nicht für umsonst keine Meisterschaft und nicht die CL geholt. Wenn man immer auf dem hohen Niveau spielen muss, immer den selben Fußball spielt, auf den sich die Gegner einstellen können, dann wird man irgendwann auch müde. Ihnen fehlt zudem der klare Center. Für mich ist es ein offenes Turnier. Den Polen traue ich viel zu, nicht umsonst standen in der Dortmunder Meistermannschaft drei Polen. Für mich gibt es den Favoriten nicht. Ich glaube nicht, dass Deutschland einer ist. Sie werden in die Rolle geschoben, aber das ist das Problem dieser Mannschaft. In den vergangenen Turnieren waren sie im Windschatten, nun müssen sie Spiele dominieren. Ich denke, Sie werden wie Bayern das Spiel in des Gegners Hälfte verlagern. Da braucht man eine sichere Defensive und da sehe ich momentan das Problem.

In Teil 2: Was Müller von den deutschen Gruppengegnern hält, wie er die umstrittenen Positionen im deutschen Team besetzen würde und: wo er einst Seite an Seite mit Jogi Löw schwitzte.

Zum zweiten Teil des Interviews vom 8. Juni 2012 auf L-IZ.de
René Müller vor der EM (Teil 2): „Holland erwischen wir nicht noch einmal so“


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