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Montag, 18. Januar 2021

1.FC Lok Leipzig: „Im Verein sind keine arbeitsfähigen Strukturen vorhanden“

Von Marko Hofmann

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    In der Regionalliga gerade wieder im Soll, strukturell aber derzeit nur Breitensport: Der 1. FC Lok Leipzig bewegt sich seit dem Amtsantritt von Präsident Michael Notzon vor 21 Monaten strukturell und wirtschaftlich weiter rückwärts, obwohl er schon 2011 in die falsche Richtung abgedriftet schien. Offensichtliches Zeugnis der negativen Grundstimmung im und um den Verein: Die Fans nehmen schlechte Heimergebnisse gleichgültig hin, pfeifen nicht mal mehr. Tristesse ist eingezogen. Was läuft falsch beim FCL?

    10. Oktober 2010
    „Wir wissen, dass sich sportlicher Erfolg nicht erzwingen lässt. Dennoch haben wir große Hoffnungen, mithelfen zu können, um den 1. FC Lok schrittweise zu einer breiten wirtschaftlichen Basis zu verhelfen und weitere zukunftsweisende Strukturen zu schaffen.“

    5. Februar 2011
    „Was andere Vereine machen, ist gar nicht so wichtig. Wichtig ist, dass wir alle an einem Strang ziehen, so eine neue Aufbruchsstimmung erzeugen und unseren 1. FC Lok nach vorne bringen!“

    7. Februar 2011
    „Natürlich werde ich zur Stelle sein, wenn es irgendwo brennt.“

    Drei Zitate, ein Mann: Michael Notzon, einstmals Geschäftsführer des Haupt- und Trikotsponsors des 1. FC Lok, Goldgas. Seit 5. Februar 2011 steht er an der Spitze eines Präsidiums, das für die Geschäfte und damit auch die prekäre Lage des 1. FC Lok verantwortlich zeichnet. Eine Situation, die konträrer zu den gemachten Versprechungen von Notzon nicht sein könnte. L-IZ.de hat mit Leuten (Namen der Redaktion bekannt) gesprochen, die den Verein von innen kennen und die Sachlage analysiert.

    Gerade wurde das Engagement von Goldgas im Bruno-Plache-Stadion publik gemacht, ein Scheck übergeben, da applaudierten die über 3.000 Lok-Fans auch schon. Im Zentrum der Freude: Michael Notzon, damaliger Geschäftsführer des Gasversorgers, dessen Ziel es war, bei der Entwicklung von Vereinsstrukturen mitzuhelfen. Von den Vereinsmitgliedern Anfang Februar 2011 als Nachfolger des nicht mehr angetretenen Steffen Kubald ins Präsidentenamt gewählt, hatte der Geschäftsmann volle Gestaltungsfreiheit. Dass er sie genutzt hätte, ist nicht zu erkennen. Gemessen an den Aufgaben eines Präsidiums, das einem Verein vorsteht, um Aufgaben klar zu verteilen, Strukturen zu schaffen und langfristige Konzepte und Visionen zu erarbeiten, muss ihm sowie dem gesamten Gremium Versagen vorgeworfen werden.
    Das verwundert kaum, verfügt doch von den derzeit drei Präsidiumsmitgliedern nur Diplom-Bauingenieur Dr. Hartmut Dischereit über Fachkompetenz in seinem Ressort. Michael Notzon und Bernd Wickfelder haben keinen fußballspezifischen Background, der einem Verein im Leistungsfußball zunutze käme. Die Geschäftsmänner haben zwar in der Wirtschaft bewiesen, dass sie erfolgreich arbeiten können, doch im Verein, dem sie vorstehen, offenbaren sie Führungsschwächen.

    Dass die ehrenamtlich tätigen Vereinsvorsteher seit dem Ausscheiden von Schatzmeister Jens Kesseler im Juni 2012 nur noch zu dritt waren, verbesserte die Lage nicht. Nach dem Rücktritt vom Sportvorstand für den Männerbereich – Dirk Majetschak – im Dezember 2011 und der gescheiterten Wahl von Steffen Kubald in dieses Amt, sind die zwei wichtigsten Ressorts in einem Regionalliga-Verein seit mehreren Monaten, teilweise fast einem Jahr, unbesetzt. Kesseler schied aus, weil er unter diesen Strukturen keine Zukunft sah. Sein Ziel war es, den Finanzbereich so strukturieren, dass mit harter, aber ehrenamtlicher Arbeit das finanzielle Tagesgeschäft so erledigt werden könnte, wie es für einen Regionalligaverein notwendig ist. Die Finanzen eines Vereins von dieser Größe zu führen, bedürfe klarer Aufgabenverteilungen an kompetente Leute, nebenbei sei dies nicht zu bewältigen, so sein Credo. Kesseler holte den zeitweiligen Geschäftsführer Clemens Jung, der allerdings vom Präsidium weder Rückendeckung noch Kompetenzen überantwortet bekam und schließlich kurz vor Kesseler entnervt ging.

    Und nun scheint genau das zu passieren, wovor Kesseler gewarnt hatte: Wie L-IZ.de erfuhr, soll im Verein seit Ende Juni 2012 keine ordentliche Buchführung mehr stattfinden. Niemand weiß also, über welche und wie viele finanzielle Mittel der Verein derzeit konkret verfügt und in Zukunft verfügen wird. Ines Weber, Frau von Ex-Aufsichtsratsmitglied René Weber, hat zwar im Oktober die kaufmännische Leitung übernommen, doch die Diplom-Ökonomin steht in der Kritik. Ihr fehle die richtige Qualifikation für diese Stelle, so die Vorwürfe. Gemeint ist ein Mangel an grundlegenden Buchhaltungskenntnissen und notwendiger Fachkompetenz, die im Vereinssteuerrecht erforderlich sind.

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    Der Aufsichtsrat wartet seit Monaten auf eine Liquiditätsplanung, um sich darüber zu informieren, über wie viel Geld der Verein zu welchem Zeitpunkt im Winter verfügen wird. Dass Weber scheinbar nicht am richtigen Platz sitzt, hat allerdings nur zum Teil mit ihr selbst zu tun. Die ehemalige Versicherungskauffrau hatte sich eigentlich für eine andere Stelle im Verein beworben, wurde dem Vernehmen nach allerdings mit dem Finanzbereich betreut, um einen anderen, für das Präsidium unbequemen, ehrenamtlichen Mitarbeiter loszuwerden. Ein für das Binnenklima wenig cleverer Schachzug der Vereinsvorsteher, zumal Ines Weber derzeit vom Präsidium kaum Unterstützung erhalten soll.

    Auch die vereinsinterne Auseinandersetzung um die Haushaltsplanung für die Saison 2012/2013 ist eine beispielhafte Posse für das Dilemma des Vereins. Eine beschlussfähige Planung wurde dem Aufsichtsrat laut eigenen Aussagen nicht vorgelegt, obwohl dies laut Satzung vor der Saison hätte geschehen müssen. Das Kontrollgremium kennt also das Basispapier der Spielzeit nicht. Lediglich bekannt: Schatzmeister Kesseler wurde vom Präsidium aufgefordert, „die konservative Planung zu verlassen.“

    Tendenzen der aktuellen Finanzsituation lassen sich dennoch ausmachen. Die aktuellen Zuschauerzahlen waren beim Kampf um den Klassenerhalt eigentlich zu erwarten. Allerdings geht die Planung des Vereins von mehr Heimzuschauern aus, deren weiterhin verstärktes Fernbleiben am Ende eine Fehlsumme im sechsstelligen Bereich zur Folge haben würde. Dazu kommen die zusätzlichen Gehaltszahlungen an Ex-Trainer Mike Sadlo in Höhe von rund 60.000 Euro. Beide Summen sind ein herber Schlag ins Kontor eines Vereins, dessen Etat schon vergangene Saison mit 200.000 Euro unterdeckt war. Und laut L-IZ.de-Informationen sind das nicht die einzigen finanziellen Probleme, denn darüber hinaus sollen weitere Personen Forderungen an den Verein gestellt haben.

    Nicht viel besser sieht es in anderen Bereichen aus. Seit dem Vertragsende von Carsten Muschalle ist kein hauptamtlicher Mitarbeiter mehr für Sponsorenakquise und Marketing zuständig. Aufsichtsratsmitglied Frank Müller kümmert sich nunmehr ehrenamtlich um das Marketing. Hoffnungen, dass im Windschatten von Goldgas weitere Geldgeber nach Probstheida kommen würden, erfüllten sich nicht. Der einzige nennenswerte Neu-Sponsor in dieser Saison ist Geschäftsmann Stefan Lindner mit seiner TRI Holding (Sportmarketing/ Ölhandel), der in Probstheida gern das Stadion umbauen und eine neue Eishockeyhalle errichten würde. Einzig die Zusammenarbeit mit dem Präsidium gestaltet sich schwierig, Lindner soll Terminen beim Präsidenten regelrecht hinterher rennen zu müssen. Zur Erinnerung: Der Mann hat Visionen und Ideen, auch wenn das Präsidium die Machbarkeit einer solchen Zusammenarbeit erst einmal ausloten müsste.
    Die wirtschaftliche Basis des FCL, die mit Hilfe von Goldgas verbreitert werden sollte, ist faktisch auf einen Bierdeckel zusammengeschrumpft. Wie L-IZ.de außerdem erfuhr, hat Daniel Spieß – nebenberuflicher Geschäftsführer der für das Merchandising zuständigen Marketing GmbH – aus der Zeitung erfahren, dass ein Anderer seinen Posten übernehmen sollte. Nachdem er daraufhin bei Präsident Michael Notzon trotz mehrerer Anfragen keinen Termin erhalten haben soll und die Gesellschafterversammlung erst letzte Woche stattfand, hat Spieß vor einigen Wochen per 31.12.2012 gekündigt.

    Ein Insider gegenüber L-IZ.de: „Im Verein sind keine arbeitsfähigen Strukturen vorhanden, die Vor-Ort-Präsenz des Präsidiums und dessen Sachkenntnis sind oftmals ungenügend, um im Tagesgeschäft die richtigen Entscheidungen zeitnah zu treffen. Für die Mitarbeiter der Geschäftsstelle gibt es nur eine grobe Aufgabenverteilung, keine klare Linie. So werden bisweilen Sachen doppelt gemacht, andere wiederum gar nicht“. Martin Scholz, einst von Frauenchef Bernd Wickfelder nach Probstheida geholt, um im letzten Jahr die Frauenabteilung zu unterstützen, ist seit Anfang dieser Saison Geschäftsstellenleiter. Ein Geschäftsstellenleiter von Notzons und Wickfelders Gnaden, weil vom anpassungsfähigen Scholz Widerworte nicht zu erwarten sind, zuletzt übrigens aber doch gekommen sein sollen. Bleibt die Frage, wie viel Scholz auf der Geschäftsstelle tatsächlich bewegen kann und vor allem darf.

    Dass Notzon zugegen ist, wenn es irgendwo brennt, ist jedenfalls wohl auch nur ein leeres Versprechen gewesen. „Er kommt zu den Präsidiumssitzungen und sitzt bei den Spielen auf der Tribüne. Mehr nicht“, so der Insider weiter. Der Geschäftsmann liegt zudem mit seinem Gremium im Clinch mit dem Aufsichtsrat. Nichts zu spüren also vom propagierten gemeinsamen Strang für den FCL, der nunmehr ziellos umherzusteuern scheint.

    Lok Leipzig stand einmal für Kult, für Aufbruchstimmung, für „anderen“ Fußball. Zurzeit steht er für nichts, weil es keine Visionen und keine klare Linie gibt. Die finanzielle Gesundheit des Vereins ist angegangen, die Gremien aus den verschiedensten Gründen untereinander zerstritten. Die einzig mögliche Lösung scheint eine Heilung von innen zu sein und da kommt es – mal wieder – auf die Vereinsmitglieder an, die ihren Verein mit (neuem) Leben füllen müssen.

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