5.5 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Die Nichtolympischen (1): Minigolf als Leistungssport – „Schon eine Wissenschaft für sich“

Mehr zum Thema

Mehr

    Deutschland war mal eine Tennisnation und eine Schwimmnation, ist eine Fußballnation, eine Handballnation, eine Fechtnation und seit Jahren eine Minigolfnation, die derzeit beste der Welt. Über 20 Millionen spielen es, 12.000 Deutsche schwingen im Verein den Schläger an der Bahn. Eine Wissenschaft für sich, sagen Leistungssportler. Eine Vorstellung.

    Freitagnachmittag in Leipzig. Während manch einer gerade sein Auto von der Arbeitsstelle nach Hause fährt, vielleicht noch beim Tante-Emma-Laden um die Ecke, sofern es noch einen gibt, etwas für das Wochenende einholt oder auf dem Balkon die Sonne genießt, sind Frank Vogel und Eva Tröbitz schon wieder in der Spur, besser: auf der Bahn. Minigolf ist ihre Passion, mit der sie weite Teile ihrer Freizeit verbringen. Auf der Bahn in Probstheida feilen sie am richtigen Schlag. Ihr Ziel: einmal 18 Schläge für eine Runde über 18 Bahnen schaffen. „Vier Runden hintereinander würde Weltrekord bedeuten“, erklärt Frank Vogel.
    Seit zwei Jahren ist der 48-Jährige dem Minigolf verfallen – durch Zufall und aus Trotz. „Ich wurde mal von einem Freund überredet mit ihm Minigolf spielen zu gehen und er hat mich so abgezogen, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen konnte.“ Vogel meldete sich beim 1. Bahnengolfclub Leipziger an und ist nun Sportwart des Vereins. 52 Mitglieder trainieren hier, wer für den BGC am Ligaspielbetrieb teilnehmen will, sollte mindestens einmal die Woche kommen. Und Minigolf-Training ist umfangreicher als der Großteil der Bahnen-Besucher denkt. „Es gibt so einige Dinge zu beachten“, erklärt Eva Tröbitz, Jugendtrainerin im Verein, „wichtig ist die richtige Fußstellung und die korrekte Haltung des Schlägers. Am besten man steht leicht in die Knie gebeugt über dem Schläger.“ Das ist dann schon die halbe Miete, die andere Hälfte setzt sich aus Theorie und Ballwahl zusammen. „Für jede Bahn, die man spielt, gibt es verschiedene Theorien, wie der Ball mit einem Schlag ins Loch geschlagen werden kann“, so die 27-jährige Diplom-Psychologin. Welche Theorie gewählt wird, hängt vom Wetter und vom Zustand der Bahn ab. Hat sie Gefälle, welcher Belag ist es und ist die Bahn nass oder trocken. Ist die richtige Theorie gewählt, geht es an die Ballwahl, denn auch bei denen gibt es Unterschiede. Frank Vogel hat sich in den letzten zwei Jahren intensiv damit befasst. „Sie unterscheiden sich in Härte, Sprunghöhe und auch die Lackierung hat einen enormen Einfluss.“ Sind sie lackiert oder nicht, sind sie zuerst rau geschliffen und dann lackiert worden? „Das ist schon eine Wissenschaft für sich“, sagen beide unisono, denn auch das Wetter hat einen Einfluss. Bei 30 Grad Celsius springen die Bälle anders.

    Dieses Jahr ist der 1. BGC Leipzig von der Landesliga in die Regionalliga aufgestiegen und ist damit nur noch eine Liga von der Bundesliga entfernt. Zwar ist das Ligensystem nicht mit dem beim Fußball oder Handball vergleichbar, Spieltage werden jedoch genauso ernst genommen. „Gespielt wird immer sonntags, normalerweise reisen wir aber spätestens Samstagmorgen an“, erzählt Vogel, „denn man muss jede einzelne Bahnanlage kennenlernen, jede Bahn spielen, Bälle testen und so weiter.“ Es kann ja auch eine Bahn mit einem Hindernis dabei sein, das auf der Bahn in Probstheida nicht vorhanden ist. „Es gibt über 20 verschiedene, das kann also vorkommen“, so Vogel.
    Jeder Spieler hat seine eigenen Bälle, jeder seinen eigenen Schläger, die zwischen 40 und 140 Euro kosten. Am Spieltag werden die Spieler der Mannschaften, unabhängig von Alter und Geschlecht in Dreier-Gruppen gelost, die dann gemeinsam die Bahnanlage viermal bespielen. Die Einzelergebnisse werden zum Gesamtergebnis addiert, die Mannschaft, deren Spieler die wenigsten Schläge gebraucht hat, gewinnt den Spieltag. Dieses Jahr setzte sich der BGC gegen Flöha, Eibenstock und den BSV AOK im Clara-Zetkin-Park durch. Nächstes Jahr warten dann Teams aus Magdeburg und Berlin. „Ich vermute, wir werden dort wieder der Platzhirsch sein“, orakelt Frank Vogel.

    Trotz wöchentlichen Trainings ist allerdings nicht gewährleistet, dass der Traum von 18 Schlägen auf 18 Bahnen irgendwann in Erfüllung geht. „Theoretisch gibt es keine Bahn bei der man kein Ass machen kann, aber 18 Mal in Folge gelingt vielleicht irgendwann einmal. Viermal in Folge, das wäre Weltrekord. Die Konzentration so lange hochzuhalten, ist enorm schwer“, erklärt Vogel. Tröbitz ist schon glücklich, dass sie beim letzten Vereinsturnier bei 21, 22 oder 23 Schlägen lag. „Im Minigolf kann man sehr schnell ein gewisses Niveau erreichen, der Sprung an die absolute Spitze ist allerdings sehr schwer“, weiß sie. Ihr Freund hat sie vor fünf Jahren das erste Mal mitgenommen. „Ich hatte einfach Freude dran und bin dabei geblieben“, so Tröbitz. Ihre Freunde „finden das, glaube ich, ziemlich cool.“ Bei Frank Vogels Umfeld reichen die Reaktionen von „laut lachen bis zu mitleidig lächeln. Aber das ist mir egal.“
    Doch beide sind Teil einer unerwartet großen Minigolfbewegung. Über 12.000 Deutsche sind im Deutschen Minigolfsportverband organisiert (DMS), amtierender deutscher Meister ist der BGS Hardenberg aus Nordrhein-Westfalen. Deutschland führt zudem die Jugend-Weltrangliste vor Österreich und Schweden und die Männer- und Frauen-Weltrangliste an. Die derzeitige Weltranglisten-Neunte bei den Damen, Anne Bollrich, begann ihre Laufbahn beim 1. BGC, der in der Jugend derzeit ihre Nachfolger aufbaut. Bei der deutschen Jugendmeisterschaft belegte das Team des BGC im Juni den 4. Platz. Eine Sichtung wie bei anderen Sportarten ist nicht notwendig. „Es gibt Minigolfspieler, die sind über 80. Man muss ja nur in der Lage sein, vier Mal um die 18 Bahnen zu laufen“, lächelt Vogel, Tröbitz hat schon von Spielern gehört, die über 200 Kilo schwer waren und auf die Runde einen Stuhl mitgenommen haben. Den braucht sie bei weitem nicht auf ihrer Runde, die sie seit fünf Jahren so gern dreht. „Minigolf hat etwas Meditatives. Man muss sich voll konzentrieren und kann den Alltag hinter sich lassen.“ Und wann wird dieser „meditative Sport“ olympisch? Vogel schmunzelt: „Unser Verband hat sich schon beschwert, das wir nicht wie Golf 2016 olympisch werden, also passiert es 2020.“

    Info: Jeder, der einmal unverbindlich trainieren will, ist jeden Freitag, 16:00 bis 18:00 Uhr, dazu eingeladen, die Bahn an der Connewitzer Straße zu besuchen.

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ