Jahr für Jahr sterben Millionen Vögel, allein in Deutschland, nach Kollisionen mit Glasfassaden oder Fenstern. Das ist ein Fakt, die Anzahl übersteigt sehr wahrscheinlich um ein Vielfaches die durch Rotorblätter von Windkraftanlagen getöteten Vögel, um die sich einige politische Akteure große Sorgen machen. Was sollen wir tun? Auf Glas, sprich auf große Glasflächen, verzichten und dunkle Räume in Kauf nehmen, das kann nicht die Lösung sein. Hilft es wirklich die schwarzen Vogelsilhouetten auf die Scheiben zu kleben?
Um Antworten auf diese Fragen näher zu kommen sprachen wir mit Dr. Marten Winter, Leiter des Projektes „EcoGlassBird“ am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv).
Herr Dr. Winter, ich habe bereits Anfang März über den Vogelschlagmelder des NABU geschrieben, dessen Daten Sie auch für Ihr Projekt nutzen. Was ist das EcoGlassBird-Projekt welches Sie leiten?
EcoGlassBird ist ein durch iDiv finanziertes Projekt. Das mache ich zusammen mit meinen Kollegen Martin Quaas, Biodiversitätsökonom und Professor an der Uni Leipzig und Susanne Fritz, Biodiversitätsforscherin und Professorin an der Uni Jena, die auch hier im Haus sitzen. Das Projekt beschäftigt sich mit zwei Komponenten des Vogelschlags. Zum Einen wollen wie die Treiber für Vogelschlag auf größeren räumlichen Skalen besser verstehen. Dafür nutzen wir die Daten vom NABU und sind froh, dass wir mit dem NABU, hier mit der Wildvogelhilfe Leipzig, zusammenarbeiten können. Der zweite Teil des Projektes beschäftigt sich mit den ökonomischen Aspekten des Vogelschlags. Wir versuchen herauszufinden, mit Umfragen und Modellierungen, was es der Leipziger Bevölkerung wert ist, Vogelschlag zu verhindern und was es kosten würde, wenn man eine bestimmte Anzahl von Vögeln vor dem Tod durch die Kollision an Glasscheiben bewahren würde.

Die Menschen, nicht nur in Leipzig, haben oft keine Vorstellung von der Größenordnung des Vogelschlags. Wenn ich mich nicht irre, gab es eine Statistik bei der Vogelschlag an erster, freilaufende Katzen an zweiter und Verkehr an dritter Stelle für die unnatürlichen Todesursachen von Wildvögeln angegeben waren. Die oft kolportierten Rotorblätter von Windkraftanlagen kamen „unter ferner liefen“.
Die Zahlen, die wir für die Todesursachen Vogelschlag und Katzen haben, sind nicht so evident wie wir sie gern hätten. Es sind Hochrechnungen basierend auf Einzelstudien, anders funktioniert es leider nicht. Es gibt kein durchgehendes Monitoring, das wäre für beide Ursachen sehr sehr aufwändig. Die Zahlen, die wir jetzt haben, die unsere Kolleginnen und Kollegen hochgerechnet haben, die sagen z.B. für den Vogelschlag am Glas, dass ungefähr 100 Millionen Vogelindividuen an Glasscheiben irgendwo in Deutschland pro Jahr sterben. Für Katzen liegen etwas geringere Zahlen vor, es ist aber nicht wirklich entscheidend welcher Treiber der höhere ist. 100 Millionen tote Vögel durch Vogelschlag an Glas, das ist ungefähr tausendmal mehr als durch Windkraftanlagen im Jahr in Deutschland.
Wie schlimm ist die Lage nun wirklich und was kann man tun?
Ich würde sagen: Es ist extrem gravierend. Wir können uns den weiteren Verlust an Vögeln nicht mehr erlauben. Es gibt Treiber, die wir weniger als Glas und Katzen in der Hand haben und managen können. Wir können freilaufende Katzen managen und wir können unsere Glasscheiben sehr gut managen. Da ist alles Wissen vorhanden. Wir können aber beispielsweise nicht die Landwirtschaft sofort aus der Intensivierung herausnehmen. Wir brauchen die Nahrung und die Farmer brauchen ihr Auskommen. Den Klimawandel können wir auch nicht einfach aufhalten. Und den Verkehr können wir auch nicht sofort stoppen. Insofern beschäftigen wir uns mit den Treibern die wir managen können und die offensichtlich eine große Auswirkung auf die Vogelpopulation haben.
Viele Leute fragen auch: Wozu brauchen wir denn die Vögel in der Landschaft? Ja, es ist schön, aber vielleicht müssen wir uns auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Dazu muss man sagen, dass Vögel viel für die Bevölkerung leisten. Wir nennen das Ökosystemdienstleistungen. Vögel fressen zum Teil die Schädlinge die unsere Nahrung fressen, also sozusagen Pest-Control, wie wir es nennen. Und sie verbreiten Samen und Pflanzen, gerade jetzt in Zeiten in denen Wälder leiden, brauchen wir all diese Dienstleistungen, mit denen wir sogar am Ende des Tages Geld sparen.

Gibt es Vogelarten, die generell mehr vom Vogelschlag an Glas betroffen sind?
Das ist erstmal regional unterschiedlich, es ist klar, dass es die Vögel sind die häufig in Städten vorkommen. Im urbanen Kontext, in Deutschland zum Beispiel, sind es die Amsel, die Taubenarten, aber auch Meisen, also alle Vögel, die häufig in der Stadt findet., Dazu kommen ein paar Vögel, von denen man es jetzt nicht so erwarten würde, wie die Waldschnepfe. Das sind Arten, die durch den Vogelzug durch Städte ziehen und die man sonst nicht häufig sieht. Das, hängt aber auch damit zusammen, ob die untersuchte Stadt grün ist, also Parks und Wälder hat.
Sie sprachen von 100 Millionen toten Vögeln durch Vogelschlag, das ist ja durchaus eine Hausnummer. In Leipzig haben wir ganz viele schöne Vogelaufkleber auf Haltestellenhäuschen und anderen Glasflächen. Bringt das etwas?
Vogelsilhouetten bringen nichts, das ist auch nachgewiesen. Wahrscheinlich würden diese nur etwas bringen, wenn das ganze Fenster damit voll ist und das macht ja niemand.
Was kann perspektivisch getan werden?
Wir forschen nicht daran welche Aufkleber Scheiben effektiv sind oder nicht. Das können wir gar nicht, dazu braucht man experimentelle Aufbauten. Daran forschen andere Kollegen. Wir wollen Hotspots identifizieren, in Deutschland über Städten hinweg, aktuell in Leipzig. Dazu brauchen wir eine bessere Datengrundlage.
Was kann man perspektivisch machen? Wir versuchen mit unseren Ergebnissen das Thema Vogelschutz nochmal anzustoßen. Wenn man wissenschaftliche Ergebnisse hat, kann man diese nutzen, um in einen Entscheidungsraum mit mit Entscheidungsträgern zu gehen. Wir würden uns wünschen, dass wenn wir die Ergebnisse haben, noch einmal Diskussionen darüber geführt werden wie vogelsicheres Bauen in der Regulatorik stärker verankert werden muss und werden kann. Zum Beispiel sollten, wenn man mit öffentlichen Mitteln baut, alle Scheiben vogelsicher gedacht werden. Das ist überhaupt kein Problem, das kann man machen. Vogelschutz an Glasflächen sollte beim Bauen immer mitgedacht werden.
Was wären denn vogelsichere Glasscheiben?
Wichtig ist, dass Vögel die Scheiben als Barriere erkennen können. Wenn Glasscheiben hergestellt werden, können die Glashersteller dort schon in dem Glas Strukturen mit verankern, die für Vögel eine Barriere erkennen lassen. Da gibt es Möglichkeiten, in das Glas bestimmte Strukturen einzuritzen, dass diese also ein Muster bekommen. Die einfachere Möglichkeit sind Folien mit verschiedenen Mustern die außen angebracht werden. Das lässt die Vögel die Glasscheibe mit der Vegetationsreflexion als Barriere erkennen.
Das bedeutet aber nicht, dass man nicht mehr durch die Scheibe schauen kann, oder dass kein Licht mehr hereinkommt?
Die Strukturen, die mittlerweile von den Anbietern dieser Folienaufkleber vorgeschlagen werden, werden immer besser und durchsichtiger. Das sind entweder kleine Punktreihen oder kleine Streifenreihen, man kann definitiv noch durch die Fensterscheiben schauen. Die Wildvogelhilfe Leipzig hat eine Schablone im 3D-Drucker gebastelt, damit kann man Punkte selbst in den richtigen Abständen auf die Scheiben kleben. Man kann sich die Schablone dort auch ausleihen, oder im Internet downloaden und ausdrucken. Die Aufkleber gibt es im Internet leicht zu bestellen.
Sie sprachen eingangs von ökologischen und ökonomischen Effekten des Vogelschutzes. Die ökologischen sollten klar sein, was sind denn die ökonomischen?
Die Erfahrung sagt, dass Entscheidungsträger häufiger zuhören, wenn man ein ökonomisches Argument hat. Selbstverständlich sind Finanzen limitiert und man muss Prioritäten setzen. Es könnte also zu einer höheren Diskursbereitschaft führen, wenn man den Entscheidungsträgern sagen kann was Vogelschutz kosten würde, beziehungsweise was die Bürger bereit sind dafür zu bezahlen.
Wir wollen durch Umfragen herausfinden, wozu die Menschen bereit sind. Die Frage, die wir stellen wollen ist: Was sind Sie bereit persönlich zu leisten, um den Tod von so und so vielen Vögeln an ihren Scheiben zu verhindern. Da kann man dann antworten: 1 Euro im Monat, 5 Euro im Monat oder jährlich einmal 200. Mit einer Hochrechnung kann man dann schauen, was ist den Bürgerinnen und Bürgern wert, Vogeltod zu verhindern.
Das ist eine Möglichkeit. Der andere Ansatz, den wir bei der ökonomischen Betrachtung fahren, wir reden mit den Herstellern dieser Folien zu. Wir fragen: Was würde es kosten, die Produktion nach oben zu fahren? Das sind momentan noch Nischenprodukte, weil sie leider noch viel zu selten angebracht werden. Dadurch sind die Folien noch recht teuer. Was würde es für den Preis bedeuten, wenn diese Firmen ihre Produktion nach oben skalieren?

Ich denke, das gilt auch für die genannten Glasscheiben, die schon von der Produktion an vogelsicher gestaltet werden. Wäre es hier hilfreich, wenn Bundes-, Landes- und Kommunalverwaltungen sagen würden: Wir bauen und sanieren nur noch mit vogelsicheren Scheiben?
Auf jeden Fall, wenn die Firmen, die die Folien oder die Glasscheiben jetzt nur in kleinen Margen herstellen, die Produktion nach oben skalieren würden, dann würden diese preiswerter. Das ist ein üblicher ökonomischer Prozess.
Was haben die Vögel, also der Erhalt der Populationen, für einen ökonomischen Nutzen?
Ein wichtiger Ansatz dazu, den wir gemeinsam mit anderen Projekten untersuchen, ist: Was sind eigentlich die Ökosystemdienstleistungen von Vögeln wert? Was verlieren wir an natürlicher Schädlingsbekämpfung, wenn wir jährlich 100 Millionen Vögel verlieren?
Das ist, finde ich, ein relevanter Punkt. Wenn wir der Bevölkerung und den Entscheidungsträgern sagen können: Wir könnten Pestizideinsätze von so und so viel Millionen Euro im Jahr sparen, wenn wir mehr Vögel in der Landschaft hätten. Also schützen wir die Vögel, indem wir vogelsicheres Glas viel häufiger zur Anwendung bringen.
Diese Dienstleistungen zu beziffern und das verständlich darzustellen ist nicht ganz einfach und wir können das auch nur für sehr wenige momentan. Wir können nicht ganz banal sagen: Wenn du hier so und so viel Geld investierst, sterben da so und so viel weniger Vögel und davon hast du dann langfristig das und das. Diese Zirkularität, diese Geschichte, diese Narrative versuchen wir ein bisschen mit Zahlen zu untermauern.
Es gibt zum Beispiel Zahlen die zeigen, dass das Ausbreiten von Samen in bestimmten Waldgebieten durch einzelne Individuen einen großen ökonomischen Effekt hat. Zum Beispiel ist der Eichelhäher ein wichtiger Samenausbreiter für die forstwirtschaftlich extrem wichtige Art der Eichen. Der ökonomische Nutzen beträgt bis zu mehreren hunderttausend Euro in größeren Waldgebieten pro Individuum Vogel. Man kann das hochrechnen und daraus schließen, dass wir es uns das nicht leisten sollten diese Individuen an Glasscheiben zu verlieren.
Das klingt ökonomisch vernünftig und wichtig. Was bedeutet das praktisch für uns alle? Ihre Zielstellung ist es ja nicht, dass wir auf Glas verzichten, also künftig kein Tageslicht mehr in Wohnungen und Büros haben. Was kann man aber nun als einzelner Mensch, besonders als Mieterin oder Mieter ohne Einfluss auf die vogelsichere Gestaltung des Gebäudes, tun?
Wir streben ja nicht an, dass man alle Scheiben mit irgendeinem Muster zuklebt und nicht mehr rausgucken kann. Und es sind nicht alle Scheiben gleich risikobehaftet. Wenn es Hinweise gibt, dass Vögel mit den Glasscheiben kollidieren, dann gibt es vor Ort oft Experten von denen man sich beraten lassen kann.
Es gibt aber auch ganz praktische Tipps. Zum Beispiel ist ein Vogelfutterhäuschen direkt an der Scheibe, in der sich die Vegetation spiegelt keine gute Idee. Der Vogel sieht beim Anflug das Futterhäuschen inmitten von Vegetation, das erhöht das Kollisionsrisiko. Vögel fliegen auch zu einem Vogelfutterhäuschen, welches nicht direkt an der Scheibe ist.
Das ist nur ein Beispiel, man muss sich das im Einzelfall anschauen zumal nicht jede Glasscheibe gleich gefährlich für Vögel ist.
Vom NABU wurden ja besonders die neuen Haltestellenhäuschen mit ihren großen Glasflächen kritisiert. Jetzt sind die da, die aufgeklebten Vogelsilhouetten helfen nicht, was könnte man tun?
Gerade da hätte man vorher ein bisschen besser planen können. Vor allem weil es von diesen Aufklebern mittlerweile so viel verschiedene und auch kreativ aussehende gibt. Gerade bei den Haltestellenhäuschen, hätte man schöne Sachen machen können. Man hätte z.B. Schulklassen bei der Gestaltung einbinden können, das wäre vielleicht sogar noch preislich machbar gewesen.
Die Frage ist auch, ob bei den Haltestellenhäuschen das Durchsichtserlebnis so wichtig ist, das gleiche gilt für viele große Glasflächen beispielsweise in Foyerbereichen. Da kommt es doch eher darauf an, dass Licht herein kommt. Was steht also einer kreativen Gestaltung im Wege?
Herr Dr. Winter, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Fazit: Vogelschutz sollte auf jeden Fall ein Thema beim Bauen, bei der Sanierung, aber auch für vorhandene Glasflächen sein. Die Vogelschützer sind für alle Ideen und Anregungen dankbar, wir weisen hier auch nochmal auf den Vogelschlagmelder des NABU hin. Bitte melden sie dort ohne Anmeldung wenn sie Hinweise auf Vogelkollissionen mit Glas haben. Sollten Sie einen verletzten Vogel finden, dann ist in Leipzig die Wildvogelhilfe der richtige Ansprechpartner.
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