Trotz der abgesagten Buchmesse lädt die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ wie schon seit Jahrzehnten zu einem vielfältigen Programm ein, das sich mit der SED-Diktatur und deren Aufarbeitung sowie den Auswirkungen bis heute beschäftigt. Insgesamt finden 16 Lesungen und Buchpräsentationen im ehemaligen Stasi-Kinosaal statt, die mit Zeitzeugengesprächen, Podiumsdiskussionen, Kurzfilmen oder Musik kombiniert sind. Der Eintritt ist jeweils frei.

Vor zwei Jahren, 2020, fand zum letzten Mal das berühmte Lesefest „Leipzig liest“ in der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ statt. Coronabedingt fiel „Leipzig liest“ letztes Jahr aus. Die Absage vieler Verlage aus wirtschaftlichen Gründen führte auch in diesem Jahr zum Ausfall der Buchmesse. Wir laden trotzdem vom 17. bis zum 20. März zur Vorstellung von Büchern ein, die sich mit der Aufarbeitung der SED-Diktatur und deren Auswirkungen bis heute auseinandersetzen.

Anlässlich des Verbotes der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL widmet sich die Lesung „Erschossen in Moskau …“ am Freitag um 20.00 Uhr dem Thema der Verfolgung durch die kommunistische Diktatur in der Sowjetunion. Im Anschluss wird das von Wladimir Putin trotz vieler Proteste durchgesetzte Verbot diskutiert.

16 Einzelveranstaltungen thematisieren die Auseinandersetzung mit Staatssicherheit und kommunistischer Diktatur, darunter Bücher über die Todesstrafe in der DDR, wie die Biografien über Arno Esch (Do., 12.00), Hermann Flade (Sa., 18.00 Uhr) und Werner Teske (Sa., 20.00 Uhr).

Ehemalige Gefangene der DDR berichten von ihren Erlebnissen, zum Beispiel in den DDR-Haftanstalten (Sa., 14.00 Uhr), in Umerziehungs- und Spezialkinderheimen sowie Jugendwerkhöfen (Sa., 16.00 Uhr) oder aus den sowjetischen GULags (Do., 13.00 Uhr). Repressionen der DDR werden aber auch anhand von persönlichen Biografien deutlich (Fr., 18.00 Uhr), am Beispiel der Musikhochschule Weimar (Fr., 12.00 Uhr), der Gehörlosenpädagogik (Do., 14.00 Uhr) und des Kunsthandels in der DDR (Do., 16.00 Uhr).

Neben Fach- und Sachbüchern werden auch Romane und eine Graphic Novel vorgestellt. Am Donnerstag um 20.00 Uhr liest Matthias Jügler aus seinem Roman „Die Verlassenen“. Am Freitag um 14.00 Uhr stellt Nicole Weis ihren Roman „Elbe 511“ vor. Danach präsentieren Susanne Buddenberg und Thomas Henseler die Comic-Adaption „Meine freie deutsche Jugend“. In der abschließenden Matinee-Lesung mit Film und Musik am Sonntag um 11.00 Uhr erinnern sich die Musiker Salli Sallmann und Christian Kuno Kunert, Mitglied der 1975 verboten Renft-Combo, an den Liedermacher Gerulf Pannach.

Die gesamte Veranstaltungsreihe entstand in Zusammenarbeit mit Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Forschungseinrichtungen, Opferverbänden, Gedenkstätten sowie Verlagen und findet in Kooperation mit der Sächsischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur statt.

Begegnungen am authentischen Ort: Veranstaltungen im Stasi-Kinosaal

Veranstaltungsort ist der ehemalige Stasi-Kinosaal, in dem auch die Ausstellung „Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ gezeigt wird. Der Saal ist ein original erhaltenes Relikt der SED-Diktatur und damit ein Stück Zeitgeschichte. In dem repräsentativen Saal fanden vielfältige Veranstaltungen der Staatssicherheit statt, darunter offizielle Feiern anlässlich wichtiger Jahrestage, Schulungen und Dienstbesprechungen.

Anlässlich des 40. Jahrestags der DDR ließ die Bezirksverwaltung den Kinosaal komplett renovieren und eine neue Bestuhlung anschaffen. Der Kinosaal steht heute unter Denkmalschutz und wird als authentischer Ort von der Gedenkstätte für Geschichtsvermittlung, politische Bildung und aktuelle Debatten genutzt.

Die „Runde Ecke“ als Ort des aktuellen und gesellschaftlichen Diskurses

Täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr informiert die Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“ in originalen Räumen der ehemaligen Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in Leipzig über die STASI als „Schild und Schwert“ der SED-Diktatur und über deren Überwindung durch die Friedliche Revolution.

Die historische Ausstellung „Stasi – Macht und Banalität“ zeigt zahlreiche, teils einzigartige Exponate zu Geschichte, Struktur und Arbeitsweise des MfS, darunter eine Maskierungswerkstatt, Geräte zur Postkontrolle bis hin zu einer Untersuchungshaftzelle.

Die Ausstellung „Leipzig auf dem Weg zur Friedlichen Revolution“ berichtet von den Ereignissen ’89, die die kommunistische Diktatur in der DDR zum Einsturz brachten. Seit 2012 ist die Gedenkstätte Teil des Europäischen Kulturerbes „Eiserner Vorhang“.

Die Open-Air-Ausstellung „Von der Burg zur Stasizentrale. ERINNERUNGEN an den Leipziger Matthäikirchhof“ am ehemaligen Stasi-Neubau in der Nähe der Klingertreppe erzählt auf dem Hintergrund der mehr als 1000-jährigen Stadtgeschichte Leipzigs, die hier mit der „urbe libzi“ ihren Ursprung nahm, vor allem die Entwicklung seit Anfang des letzten Jahrhunderts.

Vom Verwaltungsneubau der Leipziger Feuerversicherungsanstalt 1913, über die Zerstörung der Matthäikirche und des gesamten angrenzenden Areals in der Bombennacht vom 4. Dezember 1943, der Nutzung der „Runden Ecke” nach dem Ende der NS-Diktatur unter amerikanischer und sowjetischer Besatzung sowie schließlich als Sitz der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) bis zur Besetzung während der Friedlichen Revolution am 4. Dezember 1989 und der nachfolgenden Auflösung wird die wechselvolle Geschichte dieses Areals bis in die Gegenwart erzählt.

Historische Stadtrundgänge, Ausstellungsführungen und Geländerundgänge

Die Stadtrundgänge „Auf den Spuren der Friedlichen Revolution“ erinnern vom 17. bis 20. März 2022 jeweils um 14.00 Uhr (bis ca. 15.30 Uhr) an markanten Punkten der Leipziger Innenstadt an die historische Entwicklung des Jahres 1989. Treffpunkt ist das Hauptportal der Nikolaikirche.

Der Geländerundgang „Stasi intern“ führt vom 17. bis 20. März 2020 jeweils ab 16.00 Uhr über das Areal und den Gebäudekomplex der ehemaligen Leipziger Stasi-Zentrale am früheren Matthäi-Kirchhof und bietet vielfältige Einblicke in sonst nicht zugängliche Räume wie die verbunkerten Schutzräume im 2. Keller, der Wartebereich der stasi-eigenen Poliklinik, die Kegelbahn oder Räume der Aktenvernichtung.

Das gesamte Programm finden Sie nachstehend oder online auf der Gedenkstätten-Website www.runde-ecke-leipzig.de. Dort kann das ausführliche Programmheft auch als PDF-Datei heruntergeladen werden. Der Eintritt zu allen Lesungen ist frei.

Veranstaltungen am Donnerstag, den 17. März 2022

12.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION UND GESPRÄCH

Natalja Jeske

Arno Esch. Eine Biografie

Erstmalige Rekonstruktion seines Lebens, ein Symbol des liberalen Widerstandes gegen die SED-Diktatur.

Moderation: Burkhard Bley (Stellvertreter der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

13.00 Uhr:   JAHRBUCHPRÄSENTATION UND GESPRÄCH

Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur (Hg.)

GULag und Gedächtnis. Beiträge zur Deutsch-Russischen Geschichte

Das 2020 erstmalig erschienene Jahrbuch widmet sich der Aufarbeitung der kommunistischen Verfolgung.

Eine der Redakteurinnen, Edda Ahrberg, stellt die ersten beiden Ausgaben des Jahrbuchs vor.

Moderation: Anne Drescher (Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

14.00 Uhr:   LESUNG UND GESPRÄCH

Sandra Uhlig / Sandra Pingel-Schliemann

Nicht gehört. Gehörlose Kinder in der DDR. DDR-Sonderschulwesen. Gehörlosenpädagogik in der DDR. Mit Biographien von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Mecklenburg-Vorpommern

Acht Biografien von gehörlosen Menschen und ihre Erfahrungen im Alltag der DDR.

Vorgestellt wird der Band vom Stellvertreter der Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Burkhard Bley. Die Veranstaltung wird in Gebärdensprache übersetzt.

Moderation: Anne Drescher (Landesbeauftragte für Mecklenburg-Vorpommern für die Aufarbeitung der SED-Diktatur)

16.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION UND ZEITZEUGENGESPRÄCH

Christin Müller-Wenzel

Der Staatliche Kunsthandel in der DDR – Ein Kunstmarkt mit Plan?

Ein Kompendium über das System des Staatlichen Kunsthandels in der DDR.

Die Autorin kommt dabei auch mit dem Galeristen Volker Zschäckel, damaliger Leiter der Galerie am Sachsenplatz in Leipzig, ins Gespräch.

18.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION UND GESPRÄCH

Bernd Müller-Kaller

GEWALT tschekistisch

Anhand konkreter Schicksale erzählt der Autor, der selbst bis 1989 politischer Gefangener in Bautzen war, die Geschichte kommunistischer Gewalt gegen Andersdenkende und politische Gegner von 1917 bis 1989 durch die sowjetische Geheimpolizei TSCHEKA und die Stasi, die sich immer bewußt in dieser Tradition sah. Angesichts der aktuellen Verbrechen des Tschekisten Wladimir Putin eine erschreckend aktuelle Zusammenstellung.

(Die ursprünglich im Programmheft für diese Zeit angegebene Buchlesung mit Johannes Nichelmann musste leider ausfallen)

20.00 Uhr:   LESUNG UND GESPRÄCH

Matthias Jügler

Die Verlassenen. Ein Roman

Nach einer wahren Begebenheit über das gewaltsame Eingreifen der Staatssicherheit in die persönliche Biografie.

Moderation: Tobias Hollitzer (Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“)

Veranstaltungen am Freitag, den 18. März 2022

12.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION

Gottfried Meinhold

Prominente Professoren der Musikhochschule Weimar als Handlanger der Staatssicherheit

Eine Studie über zwei Professoren der Musikhochschule Weimar, die als inoffizielle Mitarbeiter für die Staatssicherheit gearbeitet haben

Moderation: Hildigund Neubert (ehem. Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR)

14.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION

Nicole Weis

Elbe 511

Roman nach der wahren Begebenheit einer Flucht über die Elbe am Flusskilometer 511.

Moderation: Barbara Stang (Europa Verlag)

16.00 Uhr:   LESUNG UND GESPRÄCH

Susanne Buddenberg, Thomas Henseler

Meine freie deutsche Jugend – Graphic Novel nach dem Beststeller von Claudia Rusch

Eine ausdrucksstarke Vermittlung über das Aufwachsen in der DDR-Bürgerrechtsbewegung und unter der Überwachung der Staatssicherheit. Die Veranstaltung ist besonders geeignet für Kinder und Jugendliche.

18.00 Uhr:   BUCHVORSTELLUNG

Reinhard Bohse

Von einem, der auszog in eine nicht vergangene Zeit. Leben diesseits der Mauer. Historischer Report 1945-1989

Persönlicher Bericht vom Alltag und Leben in der DDR. Wie prägten diese Erfahrungen politisches Denken, persönliche Haltungen und gesellschaftliche Fähigkeiten?

Moderation: Anne Friebel (Palomaa Publishing)

20.00 Uhr:   LESUNG UND PODIUMSDISKUSSION

Arsenij Roginskij, Frank Drauschke, Anna Kaminsky (Hg.)

„Erschossen in Moskau …“ Die deutschen Opfer des Stalinismus auf dem Moskauer Friedhof Donskoje 1950-1953

Dokumentation des Lebens und gewaltsamen Todes der in der DDR verurteilten und in Moskau hingerichteten Frauen und Männer.

Nach der Buchvorstellung durch Frank Drauschke thematisiert ein Podiumsgespräch das von Wladimir Putin trotz vieler Proteste durchgesetzte Verbot der russischen Menschenrechtsorganisation MEMORIAL, ein beredtes Signal dafür, dass im heutigen Russland die Menschenrechte wieder mit Füßen getreten werden. Davon berichtet Anke Giesen, Mitglied des Vorstands von MEMORIAL Deutschland.

Der Journalist und Regisseur Mario Bandi erläutert die Arbeit der Stiftung „Die letzte Adresse“, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, an den letzten Wohnhäusern von Menschen, die von 1918 bis 1991 im Rahmen politischer Verfolgung durch sowjetische Behörden schuldlos ihr Leben verloren, Gedenktafeln anzubringen.

Moderation: Tobias Hollitzer (Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“)

Veranstaltungen am Samstag, den 19. März 2022

14.00 Uhr:   BUCHPRÄSENTATION UND GESPRÄCH

Ariane Zabel

„Ich musste das vom Herzen Kriegen.“ Erinnerungen an politische Gefangenschaft

Zeitzeugen berichten über ihre Schicksale aus sowjetischen Speziallagern und DDR-Haftanstalten

Moderation: Frank Nemetz (Vorsitzender des VOS – Landesverbands Sachsen)

16.00 Uhr:   LESUNG

Grit Poppe / Niklas Poppe

Die Weggesperrten. Umerziehung in der DDR – Schicksale von Kindern und

Jugendlichen

In Umerziehungs- und Spezialkinderheimen sowie Jugendwerkhöfen griff man in das Leben „renitenter“ und nicht systemkonformer Kinder und Jugendlicher massiv ein. Ihre Menschenrechte trat man mit Füßen.

18.00 Uhr:   LESUNG, FILM UND GESPRÄCH

Karin König

Die Freiheit ist mir lieber als mein Leben. Hermann Flade – Eine Biographie

Über das Leben von Hermann Flade, der 1951 zum Tode verurteilt wurde.

Moderation: Sven Riesel (Stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft)

20.00 Uhr:   BUCHVORSTELLUNG UND GESPRÄCH

Gunter Lange

Der Nahschuss. Leben und Hinrichtung des Stasi-Offiziers Werner Teske

Über den Lebensweg des Stasioffiziers Werner Teske, der als Letzter in der zentralen Hinrichtungsstätte der DDR in der Leipziger Südvorstadt hingerichtet wurde.

Nach der Buchvorstellung durch den Autor Gespräch mit Tobias Hollitzer, Leiter der Gedenkstätte Museum in der „Runden Ecke“, zu der auch die bis heute erhaltene Hinrichtungsstätte gehört.

Moderation: Sven-Felix Kellerhoff (Geschichtsredakteur der Tageszeitung „Die Welt“)

Veranstaltungen am Sonntag, den 20. März 2022

11.00 Uhr:   MATINÉE-LESUNG, KONZERT UND GESPRÄCH

Salli Sallmann (Hg.) / Christian Kuno Kunert

Als ich wie ein Vogel war. Gerulf Pannach: Die Texte. Neu herausgegeben von Salli Sallmann. Mit Anmerkungen und Anekdoten von Kuno Kunert

Über das Leben und Werk von Gerulf Pannach, umrahmt von Gesprächen, Filmen und Liedern.

Moderation: Frank Böttcher (Leiter des Lukas Verlages)

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