6. Tierärztekongress mit Teilnehmer-Rekord – Schwerpunktthema: Macht Rassezucht unsere Vierbeiner krank?

Der Hörsaal vor der alten Hufschmiede der Veterinärmedizinischen Fakultät platzte anlässlich der Eröffnungspressekonferenz zum 6. Leipziger Tierärztekongress vom 19. bis 21. Januar aus allen Nähten. Ein Medienandrang, von dem die Ausrichter überrascht waren.
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Ebenso vom Teilnehmeransturm für den Kongress, der 2012 so groß ist wie nie zuvor: Mehr als 4.000 Teilnehmer werden zur europaweit größten Fortbildungsveranstaltung ihrer Art erwartet: Tierärzte, Tiermedizinische Fachangestellte und Studenten der Veterinärmedizin. Bereits die Zahl der vorzeitig Registrierten lag in diesem Jahr etwa 20 Prozent über den Werten des vergangenen Kongresses. Im Januar 2010 waren 3.500 Veterinärmediziner nach Leipzig gekommen. Der Fachkongress auf der Neuen Messe in Leipzig ist der am meisten besuchte der Branche in Deutschland. Als Einziger befasst er sich mit allen wichtigen Sparten der Veterinärmedizin.

Der erste Tierärztekongress der Veterinärmedizinischen Fakultät fand im Jahr 1998 statt. Ein Schwerpunkt und Thema der Auftaktveranstaltung 2012 ist die Rassezucht und ihre häufig negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere. „Macht Rassezucht unsere Hunde und Katzen krank?“ Dies ist das Thema der Auftaktveranstaltung des Kongresses am 19. Januar.

Einer, der aus Erfahrung weiß, dass Überzüchtungen Tiere krank machen, ist Prof. Dr. Gerhard Oechtering, Direktor der Kleintierklinik der Veterinärmedizinischen Fakultät der Uni Leipzig. Er kennt das Leid von Modehunden wie Mopsen oder Französischen Bulldoggen, bei denen die Kurzköpfigkeit durch gedankenlose Zuchtauslese übertrieben wurde. „Die Nase, eines der wichtigsten Sinnesorgane des Hundes, ist dabei völlig verloren gegangen. Ziel der Zucht ist es, dass erwachsene Tiere das stupsnasige Gesicht des Welpen behalten. Das mag süß aussehen,“ so der Tiermediziner, jedoch könnten die Tiere durch diese Art der Überzüchtung nur noch sehr schwer frei atmen.

Gerhard Oechtering: „Hunde oder Katzen benötigen ihre Nase nicht nur zum Riechen. Da diese Tiere keine Schweißdrüsen besitzen, führen sie Wärme über eine lange Nase mittels der großen Nasenmuscheln ab.“ Das typische Hecheln der Hunde, das übrigens nicht durch das Maul, sondern durch die Nase geschieht, dient quasi als Klimaanlage zur Regulierung der Körpertemperatur. Ist die Nase extrem verkürzt, fällt die Klimaanlage praktisch aus. Schon ein kurzer Aufenthalt in großer sommerlicher Hitze wird für solche Tiere zu einer Tortur und kann bis hin zu einem Hitzschlag führen. Dazu kommen Atemnot und damit verbundene Schlafstörungen.Oechtering weiter: „Das führt so weit, dass die Tiere beim Liegen Atemnot bekommen und sogar versuchen, im Sitzen zu schlafen.“ Mit einer neuen OP-Methode verschafft der Veterinärmediziner solch geplagten Wesen Erleichterung. Mittels Laserchirurgie wird der Nasen-Rachenraum erweitert und die Engstellen in den Atemwegen beseitigt. „Dabei wird relativ viel Gewebe aus dem Nasen-Rachenraum entfernt. Mit der Folge, dass die Tiere nach der etwa zweistündigen Operation in Zukunft freier atmen können. Und das nachhaltig, denn das Gewebe wächst nicht nach.“ Allerdings ist die Operation schon alleine von der Gerätetechnik her sehr aufwändig und damit auch nicht gerade billig. Eine Nasen-OP an einer französischen Bulldogge zum Beispiel kommt auf rund 3.000 Euro inklusive Nachbehandlungen.

Dabei war Überzüchtung von domestizierten Tieren viele tausend Jahre lang kein Thema. Oechtering: „Solange Hunde eine Aufgabe hatten, beispielsweise als Hüte- oder Jagdhunde, ging es bei der Zucht nicht um das Aussehen, sondern um Effizienz und Intelligenz. Hunde sind die Menschenversteher schlechthin“ und sollen sogar schlaue Schimpansen übertreffen, „wenn es darauf ankommt, Befehle auszuführen oder sich auf den Menschen einzustellen.“

Das änderte sich, als die Industrialisierung weiter voran schritt und Hundehaltung immer mehr zum Hobby wurde. Seit 150 Jahren gibt es Zuchtvereine, in denen viele Rasse ausschließlich auf Schönheit und Aussehen gezüchtet werden. Seitdem hat die Gesundheit vieler Rassen dramatisch gelitten und die Lebenserwartung ist gesunken. Das breit gefächerte Themenspektrum des Kongresses reicht noch weiter von Pferden, Nutzgeflügel, Wiederkäuern, Schweinen und Heimtieren bis hin zu Krankheiten, die für Bienenvölker gefährlich sind.

„Der Leipziger Tierärztekongress hat sich innerhalb weniger Jahre zur führenden Veranstaltung für Veterinärmediziner in Deutschland entwickelt. Die große Nachfrage zeigt uns, dass wir mit unserem breiten Themenspektrum genau das anbieten, was die Kollegenschaft interessiert“, sagte Kongresspräsident Prof. Dr. Gotthold Gäbel.Auf dem Programm der Tagung stehen etwa 400 Vorträge, Workshops und Kurse. Diskutiert werden 16 Schwerpunkte aus allen Bereichen der tierärztlichen Arbeit, die in 69 Themenkreise unterteilt sind. Kongress und Messe werden von der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, den fünf Tierärztekammern Sachsen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie der Leipziger Messe veranstaltet.

Von Februar 2012 an wird auch die Tierärztekammer Berlin die Planung und Realisierung des Kongresses unterstützen. In den Kongress eingebettet ist wieder die International Conference on Equine Reproductive Medicine (7. ICERM), bei der Reproduktionsmediziner aus aller Welt unter anderem ihre Erfahrungen zum Thema Fortpflanzungsstörungen beim Pferd austauschen.

Martin Buhl-Wagner, Sprecher der Geschäftsführung der Leipziger Messe, bekräftigt: „Der Leipziger Tierärztekongress und die vetexpo sind absolute Erfolgsprojekte. 2002 sind wir mit 860 Kongressteilnehmern und 78 Ausstellern erstmals in dieser Konstellation auf dem Leipziger Messegelände gestartet. Heute ist der Kongress einer der größten Fachveranstaltungen in Europa.“

Ausschlaggebend für den Erfolg seien laut Buhl-Wagner auch das Konzept und der Standort: „Leipzig bietet beste Voraussetzungen für hochrangige Kongresse. Außerdem stimmt das Konzept: Kongress und Messe sind durch die enge Zusammenarbeit zwischen der Universität, den Tierärztekammern und der Leipziger Messe regional optimal verankert, strahlen jedoch durch die Qualität der Themen und Referenten national und international aus.“Themen, bei denen die Veranstalter einen erweiterten Fortbildungsbedarf sehen, wurde auf dem Kongress noch mehr Raum gegeben. Dazu zählt unter anderem die Hufbeschlagskunde, die auch bei Tierärzten auf großes Interesse stößt. Die Veterinärmedizinische Fakultät der Universität Leipzig ist eine von nur fünf veterinärmedizinischen Bildungsstätten in Deutschland, die einzige in den neuen Bundesländern.

An der Leipziger Fakultät beginnen jährlich jeweils zum Wintersemester etwa 140 Studenten das Studium, von denen 90 Prozent weiblich sind. Nach einer Regelstudienzeit von elf Semestern schließen jährlich etwa 125 Studierende das Studium ab. An der Fakultät bestehen derzeit 29 Professuren, die in 17 Instituten beziehungsweise Kliniken sowie an dem Lehr- und Versuchsgut Oberholz angesiedelt sind. Hinzu kommen etwa 125 Wissenschaftler und 140 Vertreter des nichtwissenschaftlichen Personals. Neben der gradualen Ausbildung der Veterinärmedizinstudenten führt die Fakultät jedes Jahr etwa 60 Wissenschaftler zur Promotion zum Dr. med. vet. Die gesamte Breite des tierärztlichen Berufsfeldes ist an der Fakultät abgebildet und findet ihren Niederschlag in den Vorträgen und Kursen im Rahmen des 6. Leipziger Tierärztekongresses.

www.tieraerztekongress.de


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