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Zeit zum Umsteuern: Grüne legen Studie „Peak Oil – Herausforderung für Sachsen“ vor

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    "Wann geht uns das Erdöl aus?" - Diese Frage geht am Kern vorbei. Der Tag, an dem der letzte Tropfen gefördert wird, liegt in ferner Zukunft. Viel früher jedoch können die Liefermengen von Erdöl nicht mehr mit dem Bedarf Schritt halten. Das Erdöl-Zeitalter endet also bereits lange vor dem Ende des Öls. Dieser Punkt, der sogenannte "Peak Oil" und seine Auswirkungen auf Sachsen sind Schwerpunkt der Studie von Norbert Rost, die von der Grünen-Landtagsfraktion in Auftrag gegeben wurde.

    Zu 97 Prozent ist Deutschland abhängig von Erdöl-Importen. Zu den 3 Prozent deutscher Eigenproduktion trägt Sachsen nichts bei, der Freistaat ist zu 100 Prozent abhängig von außen. Über 750.000 Pendler sind tagtäglich auf funktionierenden Verkehr angewiesen, ein großer Teil fährt auf Erdöl-Basis mit dem eigenen Kfz oder Bussen. Der Tourismus zieht 6 Millionen Besucher jährlich an, von denen ein großer Teil ölgetrieben unterwegs ist. 6 Millionen Tonnen Mineralöl wurden 2008 in Sachsen verbraucht, bei 4,2 Millionen Einwohnern sind das über 1,4 Tonnen pro Kopf.

    Wie wichtig Erdöl heute ist, verdeutlicht ein Gedankenspiel: Gäbe es diesen Rohstoff plötzlich nicht mehr, stünden weit über 90 Prozent aller motorisierten Fahrzeuge still. Flugverkehr gäbe es nicht, genauso wenig wie riesige Containerschiffe, die Waren von einer Seite des Globus auf die andere transportieren, oder Lkw, die die Supermärkte der Städte füllen.

    Plastikbeutel könnten nicht hergestellt werden und würden aus den Läden ebenso verschwinden, wie der Großteil der Produktverpackungen und der Produkte selbst. Wenn 90 Prozent aller Güter zu ihrer Herstellung Öl benötigen, bleiben die Regale leer. Asphalt, Plastik, chemischer Dünger, Isolierungskabel, Pflanzenschutzmittel, Treibstoff, Heizstoff, ja selbst Kerzen entstehen auf Basis von Erdöl – letztere aus Paraffin, einem „Abfallprodukt“ der Erdöl-Raffinerien.

    Alle Produkte der modernen Welt werden erdölgetrieben von Unternehmen zu Händlern und von dort zu den Konsumenten transportiert. Öl ist überall. Es ist der Treibstoff der Industriegesellschaft. Und es gibt keinen Stoff, der nur ansatzweise in dieser Menge, dieser Energiedichte und zu diesen Kosten verfügbar ist. Erdöl ist so wichtig, dass bereits eine kurze Phase höherer Erdölpreise enorme Auswirkungen hat. Eben jene Phase höherer Ölpreise steht uns bevor, stellt die Studie fest.Die Ratlosigkeit, die bei Vielen eintritt, wenn sie nur an diesen Tag denken, finden die Autoren logischerweise recht bedrohlich: „Es besteht eine recht große Wahrscheinlichkeit, dass Peak Oil unsere heutige Lebenswelt grundlegend wandeln wird. Da diese Situation „historisch einmalig“ ist, gibt es keine nennenswerten Erfahrungen, wie mit ihr umzugehen ist. Wir ahnen, wir stehen vor großen Herausforderungen, aber der einzelne Mensch weiß oft nicht, was er (oder sie) an dieser Stelle tun kann.“

    Fortschrittsoptimismus allein hilft da nicht. Der Transformationsprozess muss gestaltet werden. Und zwar nicht erst dann, wenn die Spritpreise an der Tankstelle ins Utopische schießen, sondern jetzt schon. Denn mit jedem Tag, der verstreicht, wird die Chance eines selbstgestalteten Übergangs in eine Gesellschaft, die auf den Treibstoff Öl verzichten muss, geringer.

    „Wir sollten das Öl verlassen, bevor es uns verlässt“, zitieren die Autoren der Studie den Chefökonomen der Internationalen Energieagentur (IEA) Fatih Birol. Der hat das schon 2010 gesagt.Die Studie diskutiert nicht nur mehrere mögliche Szenarien, wie sich der Peak Oil weltweit und in einzelnen Volkswirtschaften bemerkbar machen wird. Er analysiert auch die möglichen Alternativ-Technologien zum Erdöl und die Anfälligkeit einzelner Segmente der sächsischen Wirtschaft für steigende Ölpreise. Und gerade das für Leipzig so wichtige Cluster Mobilität ist hochgradig anfällig für diese Preisanstiege. Aber auch der Maschinenbau, die chemische Industrie und die Landwirtschaft sind bislang auf die leichte Verfügbarkeit von Erdöl und Erdöl-Produkten angewiesen.

    Möglich ist auch, dass der steigende Ölpreis zu dauerhaften Wirtschaftskrisen führt, denn der billige Saft ist der eigentliche Treibstoff der westlichen Zivilisationen.

    Die Autoren zitieren auch den kanadischen Ökonomen Jeff Rubin und den US-Ökonomen Jeremy Rifkin, die sich 2009 überzeugt zeigten, dass der Auslöser der gigantischen Finanzkrise, die seit 2008 die Welt in Atem hält, nicht die angehäuften Schuldenberge waren, sondern der – aufgrund der weltweit anziehenden Konjunktur – rasant gestiegene Erdölpreis: „Sie gilt als Finanz- und nun als Schuldenkrise. Aber das ist nicht die eigentliche Krise. Das ist nur deren Nachbeben. Die eigentliche Krise – und daraus ergibt sich für die EU auch die Frage, wie sie sich zukünftig dagegen absichert und sich als führende Wirtschaftsmacht positioniert – war der massiv steigende Ölpreis. Als im Juli 2008 ein Barrel Öl den Preis von 147 Dollar erreichte – das war das Erdbeben, das war der Start der globalen Krise, weil die gesamte Wirtschaft vom Öl abhängig ist. Europas große Chance liegt darin, unabhängiger vom Öl zu werden. Die Ära des Öls ist endgültig vorbei, und das müsste auch die politische Elite sehen.“

    Denn alles begann ja bekanntlich mit der US-amerikanischen Subprime-Krise, dem Platzen der Immobilien-Blase. Die von den Banken für unsinnige Konditionen ausgereichten Kredite für Häuser in den amerikanischen Suburbias waren auf einmal nichts mehr wert, weil der Weg da hin mit dem Auto zu teuer wurde. Ein großer Teil des modernen westlichen Lebensstandards hängt davon ab, dass das Öl billig bleibt. Kann es aber nicht bleiben, wenn allein schon die Förderung immer teurer wird.

    Und eine Exportwirtschaft wie die deutsche (oder die sächsische) ist gleich mehrfach gefährdet. In der Studie werden auch einige notwendige Transitions-Modelle für Land und Kommunen besprochen. „Transition Towns“ (wie Leipzig mal eine werden möchte) könnten die Vorreiter der Entwicklung sein. Doch auch hier sind viele Prozesse behindert – etwa der so notwendige Weg zur Energie-Autarkie.

    Aber eines scheint sicher: Regionen, die den Weg weg vom Öl so früh wie möglich beginnen, haben in der Krise (die beim gegenwärtige Tempo des Umsteuerns fast unausweichlich scheint) die besseren Chancen, die notwendigen Versorgungs- und Lebensstandards zu halten.

    Nachlesen kann man die Studie als PDF (2,7 MB) unter: http://www.gruene-fraktion-sachsen.de

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